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Radialsystem | CTM-Festival - "Drops and Seeds"

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Eine Verbindung aus traditionellem Tanz aus Kambodscha und neuer, zeitgenössischer Musik hatte Premiere im Berliner Radialsystem beim CTM-Festival, dem Festival für experimentelle und elektronische Musik.

"Drops and Seeds", "Tropfen und Samen", das Stück des amerikanisch-kambodschanischen Choreographen Prumsodun Ok, ist angekündigt als Versuch, Tanz als Medium zwischen Himmel und Erde zu sehen.

Parabel – himmlische Harmonie und irdische Grausamkeit

Prumsodun Ok, Anfang 30, als Sohn kambodschanischer Flüchtlinge in den USA geboren, hat eine Parabel inszeniert zu himmlischer Harmonie und irdischer Grausamkeit, ein Gleichnis in Anlehnung an den traditionellen kambodschanischen Tanz, über tausend Jahre alt, Apsara-Tanz genannt.

Apsara sind in der Mythologie nymphengleiche Frauen, die für die Götter tanzen – hunderte Relief-Bildnisse dieser Tänze finden sich in der Tempelanlage von Angkor Wat. Diesen Tanz haben traditionell Frauen ausschließlich für den König und die Königsfamilie getanzt, mit Geschichten aus dem alltäglichen Leben, von der Natur und aus der Mythologie. Diese Tanz-Tradition wurde in der Zeit der Terrorherrschaft der Roten Khmer in den 1970er Jahren fast vollständig vernichtet. Auch davon erzählt Prumsodun Ok in seinem Stück. In dem er sowohl traditionell als auch zeitgenössisch tanzen lässt.

Traditionelle und zeitgenössische Tanzformen

Prumsodun Ok zeigt die Tanztradition und ihre Beinahe-Zerstörung, und er zeigt seinen Versuch, an die Tradition anzuknüpfen und zugleich Neues zu entwickeln. Das ist die eine Besonderheit seiner Company. Die andere ist, dass dies die erste offen queere Company in Kambodscha ist, junge schwule Männer tanzen also die früher Frauen vorbehaltenen Tänze, und sie machen das exzellent, zart, voller Anmut, weich-fließend.

Das sanfte Schreiten, die gespreizten Hock-Stellungen, die komplizierten Hand- und Fingergesten: die Hände und Finger extrem gespreizt und gebogen, wobei jede Fingerhaltung eine symbolische Geste, Teil einer Erzählung ist. Mehrere Gesten hintereinander können eine vollständige Geschichte erzählen, die sich unseren Augen aus Erfahrungsmangel nicht erschließen mag, aber faszinierend anzusehen ist. Zeitgenössische Ausdrucksmittel nutzt er dann für die Bildnisse der Grausamkeiten.

Von der Harmonie ins Chaos

Hier bezieht er sich ausdrücklich auf die Gewaltherrschaft der Roten Khmer mit Millionen Toten und zeigt, wie sich Gewalt auf eine Gesellschaft und jeden Einzelnen auswirkt. Zu Beginn sind die Tänzer in langsam-meditativen Bewegungen zu sehen, dann wird die Harmonie von Unordnung, Rangelei und Chaos verdrängt, sie stürzen, kämpfen, ringen miteinander, zeigen in überdeutlicher Mimik Schock, Trauer, Verzweiflung und Verwirrtheit - dies alles in sehr direkter, ungefilterter, emotionaler Darstellung.

Und was der Gruppe geschieht, geschieht dann auch einem Einzelnen, der ausgegrenzt und gedemütigt wird, sicherlich auch eine Anspielung auf die Lebenserfahrungen der schwulen Männer. Prumsodun Ok zeigt Gewaltaktionen und die Zerstörung von Anmut und Sanftmut und immer wieder vergebliche Versuche, in den harmonischen Tanz zurückzufinden.

Musik von Ana Maria Rodriguez

Die Musik dazu stammt von der in Argentinien geborenen, in Berlin lebenden Komponistin Ana Maria Rodriguez, die elektronische Musik und Musik für Geige, Querflöte, Percussion, Klarinette und sehr tiefe Kontrabassklarinette geschrieben hat, aufgeführt vom Ensemble KNM Berlin. Ein Rauschen, Knarzen, Schaben und Dröhnen mit schnell pochenden, bebenden und zitternden Tönen, viele nur angerissen, zerfleddert, zerrissen, kurz hervorgestoßen und herausgepresst.

Das sind zumeist nur noch Klang-Partikel, die pulsieren und sich zu fiebrigem Donnern aufbäumen, die anschwellen und abschwellen, die sich in Anhäufungen zunehmend verhärten. Eine recht herkömmliche und nicht unverwechselbare Soundkulisse, die jedoch den passenden Klangraum gibt für diese Geschichte von Gewalt, Grausamkeit und Verlust, weil sie untergründig doch sehr dunkel getönt ist.

Faszinierend, ungewohnt und tragisch

Den traditionellen Tanz zu sehen, ist faszinierend, die sehr theatrale, vordergründige Darstellung und v.a. Mimik in der Gewalt-Erzählung ist für westliche Verhältnisse ungewohnt, im asiatischen Raum jedoch üblich und als Stilmittel hier auch passend eingesetzt.

Prumsodun Oks Entscheidung, die Tanz-Tradition zu bewahren und sich zugleich davon zu lösen, nach neuen Mitteln des Erzählens auf der Basis der Tradition zu suchen, ist mutig, und seine Company, erst 2015 gegründet, ist noch jung – aber er scheint auf dem richtigen, wenngleich schwierigen Weg zu sein. Das Ende dieses Stückes ist unversöhnlich, es gibt keine Wiederherstellung von Anmut und Harmonie, trotz aller Sehnsucht danach und das ist ein starkes Ende für eine ergreifend tragische und beunruhigende Choreographie.

Frank Schmid, rbbKultur

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