BERLINER ENSEMBLE Ubu Rex © JR Berliner Ensemble
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Berliner Ensemble - "Ubu Rex"

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Alfred Jarrys "König Ubu", ein grotesk-komisches Stück über den Rausch der Macht, löste 1896 einen der berühmtesten Theaterskandale Frankreichs aus. Jetzt ist "Ubu Rex" am Berliner Ensemble in der Fassung des belgischen Autors und Regisseurs Stef Lernous zu sehen.

Es ist kein Wunder, dass Alfred Jarrys absurdes Drama "König Ubu" wieder häufiger auf den Theaterspielplänen steht. Man kann sich kaum entscheiden, welcher Politiker derzeit mehr Ähnlichkeit mit Jarrys grausamem, feigen, machtgeilen und infantilen König Ubu hat: Donald Trump, Kim Jong-un, Victor Orban – oder doch eher der türkische Präsident Erdogan? Der belgische Autor und Regisseur Stef Lernous hat fürs Berliner Ensemble jetzt eine neue Fassung mit dem Titel "Ubu Rex" geschrieben.

Darin bezieht Lernous den Stoff noch eindeutiger auf die aktuelle politische Lage. Kein Zweifel, dass hier ein Bruder von Donald Trump im Sessel fläzt, ein trotziges, dummes, dickes Kind, das den Klimawandel leugnet und alles, was ihm nicht gefällt, für eine Erfindung der Medien hält. Der, wenn die Welt gemein zu ihm ist, "bombardieren, bombardieren" schreit und den roten Nuklearknopf drückt.

Überflüssige Aktualisierung

Diese Aktualisierung ist nicht nur überflüssig, sondern sogar kontraproduktiv. Jarrys Stück von 1896 ist immer noch eine so heutig daherkommende Groteske, dass man die eindeutigen Verweise nicht nur nicht braucht – sie verflachen den Stoff und banalisieren ihn. Trump ist wahrlich kein Charakter, den man als infantilen Zocker erst noch entlarven müsste. Und an Trump-Witzen hat es in den drei Jahren seit Amtsantritt wahrlich nicht gemangelt. Schwierig also, Trump-Bashing heute nicht nur abgeschmackt, billig und konformistisch wirken zu lassen – Lernous gelingt es jedenfalls nicht.

Der erfahrene Regisseur, der bislang meist mit seiner Company Abattoir Fermé unterwegs war, inszeniert hier zum ersten Mal am BE, mit dem dortigen Ensemble. Er gilt als Erfinder düsterer Bilder, der mit Trash und Bilderrausch verrätselte, albtraumhafte, groteske Szenerien entwirft – auf dem Papier eine Idealbesetzung für den surrealen absurden Ubu.

BERLINER ENSEMBLE Ubu Rex © JR Berliner Ensemble
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Überdrehte Parodie

Doch von betörenden Bildern ist auf der Bühne des Kleinen Hauses nichts zu finden. Lernous hat das Ubu-Königspaar, das auf grausame Weise die Weltherrschaft erringt, aus dem höfischen Zusammenhang herausgelöst. Hier leben sie zusammen mit ihrem Arzt, ihrem Kellner und einer erbärmlichen Figur namens "Gewissen" in einem verdreckten, vermüllten Wohnzimmer, von dessen Wänden die Tapeten abblättern.

Tilo Nest trägt als Pa Ubu, wie er hier heißt, einen Fatsuit und fahles blondes Haar. Sein Hemd ist schmutzig, seine nackten Beine ebenfalls, und so sitzt er im Ledersessel vor dem Fernseher, trinkt Dosenbier, mampft tütenweise Chips und herrscht die anderen im Befehlston an. Oder bricht in Tränen aus. Stefanie Reinsperger tritt als Ma Ubu in schulterfreier Abendrobe und einer Haarspray-Betonfrisur auf, wie man sie sich von einer amerikanischen Präsidentschaftsgattin vorstellt. Beide spielen sie, wie es gar nicht anders möglich ist, eine überdrehte Parodie.

Von Bedrohlichkeit keine Spur, vielmehr glaubt man sich im RTL2-Programm, zu Besuch bei den "Flodders" (falls diese asoziale Serienfamilie noch jemand kennen sollte).

Einziger Lichtblick dieser beiden Stunden sind die Live-Musiker. Sie stehen an Klavier, Trompete, Schlagwerk, Tuba und spielen eine Mischung aus Marsch- und Zirkusmusik und Free-Jazz. Die Schauspieler geben kleine Gesangssoli.

Besser im Deutschen Theater anschauen

In der Ankündigung des Theaters heißt es, der Skandal, den Jarry bei der Uraufführung mit seinem vulgären Spießer-König auslöste, wirke harmlos angesichts unserer heutigen Welt. Doch Lernous’ Fassung ist es, die harmlos und langweilig wirkt verglichen mit Jarrys Vorlage. Bei Jarry, so schrieb der Kritiker Georg Hensel einmal, schlägt "das Grauen in Gelächter" um. Es ist ein brutales Stück: Menschen werden "enthirnt" und "ins Loch" geworfen, Massen ermordet.

Hier dagegen sieht man einem weinerlichen Fettwanst beim Chips essen zu. Wer den Ubu auf der Bühne sehen möchte, sollte lieber Andras Dömötörs Inszenierung am Deutschen Theater anschauen – sie ist verspielter, unterhaltsamer und bedrohlicher.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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