Ben Becker bei der Generalprobe der Neuinszenierung des Theaterstücks Affe im Admiralspalast, Berlin 2020;
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Admiralspalast - "Affe"

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Mehr als vier Jahre ist es her, dass Ben Becker mit dem Abend "Ich, Judas" als Solokünstler auf der Bühne Premiere feierte. Das Publikum gab Standing Ovations, die seriösen Medien zeigten sich eher verhalten. Jetzt kam sein neues Solo-Projekt "Affe" auf die Bühne, das sich ebenfalls mit den großen Fragen von Menschsein und Moral beschäftigen will.

Inwiefern unterscheidet sich die Bestie Mensch vom Tier? Dieser Frage wollte Ben Becker nachgehen. Wie viel Animalisches unterdrückt der Mensch täglich? Was kostet die Anpassung? Genau Beckers Thema also, der das innere Tier selbst gern mal von der Leine lässt.

Kafka und Engels

Zwei Texte hat er dafür ausgesucht: Franz Kafkas Erzählung "Bericht für eine Akademie" und Friedrich Engels Fragment "Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen". Sie zeigen zwei Seiten einer Medaille und treffen ganz unterschiedliche Aussagen. Bei Kafka berichtet der Affe Rotpeter von seiner Entwicklung zum Bürger mit der "Durchschnittsbildung eines Europäers". Es ist nicht die Erzählung eines Befreiungsschlages, eines Fortschritts, sondern eine Anpassungsleistung, um in der Gewaltherrschaft der Menschen zu überleben.

Engels zeichnet ein positivistisches Bild: Der Mensch, den seiner Hände Arbeit zu dem zivilisierten Wesen gemacht haben, das er ist. Diese Hände konnten nur Werkzeuge herstellen, Felder bestellen, weil sie beim aufrechten Gang frei benutzbar waren. Engels stellt einen universellen Zusammenhang her zwischen evolutionärer Entwicklung des Menschen und Entstehung von Arbeit und Gesellschaft.

Video und Solo-Performance

Becker stellt die beiden Texte unverbunden nebeneinander und präsentiert sie in einer Mischung aus Video und Solo-Performance. Er hat das Konzept entworfen, Regie geführt und zeichnet für die (fast leere) Bühne verantwortlich. Zunächst ist allerdings nicht er selbst zu sehen, sondern ein zehnminütiger Film auf einer breiten Kinoleinwand. Darauf ein Mensch im Gorillakostüm auf einer sonnigen Insel. Irgendwann schwimmt er im Meer, baut sich ein kleines Boot. Dazu Beckers Stimme, die den Engels-Text liest.

Das Boot mutiert zum Frachtschiff, Becker putzt darin in orangenem Overall auf allen Vieren das Deck. Erst nach Ende des Films tritt er in diesem Overall auf die Bühne und spricht den Text live (mit Mikroport) weiter, geschminkt weniger wie ein Affe denn wie ein Clown. Dann donnert und blitzt es und aus dem Frachter wird der Hamburger Containerhafen. Im Gorillakostüm rüttelt Becker an Gitterstäben, die auf die Bühne gelassen werden. Vor einer Insel bei Nacht auf der Leinwand beginnt er schließlich Kafkas Erzählung. Diesmal im altertümlichen Anzug.

Huldigung des Äffischen

Obwohl das eine ein literarischer Text ist, das andere eine philosophische Abhandlung, klingt bei Becker jeder Satz gleich. Er spricht in einem autoritären Predigtton: große Pausen, rhetorische Repetitionen, beschwörende Betonungen. Eine Zeitlang kann das als stilistisches Mittel wirksam sein, doch Becker spricht jedes Wort so gewichtig, als müsste er jeden Buchstaben einzeln in Gesetzestafeln meißeln. Eine derart künstliche Art des Sprechens hält geradezu vom Zuhören ab.

Selbst wenn man diesem hoch pathetischen Spiel etwas abgewinnen kann und Beckers raue tiefe Stimme mag, kann der Spieler und Regisseur das, was er inhaltlich verhandeln will, nicht in Regie und Konzept ausdrücken. Dazu fehlen ihm die ästhetischen Mittel und Fertigkeiten. Befremdlich, dass die beiden Texte allein von kuriosen Gorilla-Videos zusammengehalten werden. Letztlich ist der Abend eine emotionale Huldigung des Äffischen, mit einer Engelschen Vorbemerkung zur Evolutionstheorie.

Ben Becker im Haus des Rundfunks; Foto: © Carsten Kampf
Bild: Carsten Kampf

Eine Ben-Becker-Show

Ben Becker hat den Abend seinem Vater Otto Sander und dem großen Bruno Ganz gewidmet, an deren famoses Charakterspiel er vermutlich anschließen möchte. Doch zu sehen ist kein ausdrucksstarkes Theater, sondern eine Ben-Becker-Show, bei der nichts als Ben Becker zu sehen ist – egal, welche Rolle er gibt.

Eine reine Fan-Veranstaltung – von denen bei der Premiere auch ausreichend zugegen waren. Kaum war der 80-minütige Abend zu Ende, sprangen sie von den Stühlen und gaben geschlossen Standing Ovations. Während Becker von der Bühne "I love you all" schrie, als sei er ein Rockstar. Kein Zweifel: Der Abend wird seine Zuschauer finden.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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