Gorki Theater: Maria, hier: Vidina Popov; © Ute Langkafel/MAIFOTO
Ute Langkafel/MAIFOTO
Bild: Ute Langkafel/MAIFOTO Download (mp3, 4 MB)

Gorki Theater - "Maria"

Bewertung:

Der britische Dramatiker Simon Stephens gehört zu den europaweit meistgespielten Gegenwartsautoren. Seine Stücke werden nicht selten in Deutschland uraufgeführt. Auch "Maria" erlebte im vorigen Jahr am Hamburger Thalia Theater (in der Regie von Sebastian Nübling) seine Uraufführung. Jetzt inszeniert Nurkan Erpulat das Stück am Berliner Gorki Theater.

Maria ist 18 Jahre jung und schon schwanger. Wer der Vater des Kindes ist, weiß sie nicht so genau, es ist ihr auch schnurzegal. Sie will das Baby sowieso allein erziehen, denn sie ist stark und selbstbewusst und hat keine Lust mehr darauf, sich von irgendwelchen Männern das Leben verpfuschen zu lassen. Natürlich ist es, wie immer bei Simon Stephens, ein ebenso bitteres und böses wie fragmentarisches und collagiertes Sozialdrama, mit vielen verletzten Seelen in einer turbokapitalistischen Gesellschaft, in der die Familien zerstört und die Menschen nach Strich und Faden ausgebeutet und weggeworfen werden wie verfaulte Tomaten.

Marias Mutter ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, ihr Vater glänzt durch Abwesenheit und Gefühlskälte, ihr Bruder hat sich aus dem Staub gemacht und irrlichtert durch Europa. Nur ihre Großmutter ist noch da, um sich Marias Sorgen und Nöte anzuhören. Aber auch die Oma hat keine Lust mehr und wünscht sich nichts sehnlicher als den baldigen Tod. Deshalb ist Maria ganz auf sich gestellt, muss das Baby allein zur Welt bringen, zwischen diversen Minijobs hin und her springen, das Kind versorgen, sich mit Webcam-Lebensberatung etwas dazu verdienen, lernen das Leben zu lieben, wie es nun mal ist, und – ganz nebenbei – auch noch bei ihrer Oma Sterbehilfe leisten.

Viel zu belanglos

Es geht also um den Dreiklang von Geburt, Liebe und Tod. Und, wenn man der Presse-Prosa des Theaters Glauben schenken möchte, ist Maria auch noch eine Verwandte von Hebbels "Maria Magdalena" und von Horváths Maria aus "Glaube, Liebe, Hoffnung". Das halte ich, mit Verlaub, für ziemlichen Blödsinn. Für solch große Vergleiche sind Stück und Inszenierung viel zu klein und letztlich, Pardon, viel zu belanglos. Weil die ganze "Passionsgeschichte" dieses Mädchens aus einer namenlosen englischen Kleinstadt mit Meerblick (die Blackpool sein könnte) nur eine ziemlich hölzerne, phrasenhafte und uninspirierte Aneinanderreihung von tausendmal durchgekauten Sozialklischees ist. Weil hier – außer Maria, die von Vidina Popo mit naiver Gradlinigkeit und kindlichem Optimismus verkörpert wird – nur Pappkameraden einer Versuchsanordnung auf der Bühne stehen: Stichwortgeber für eine überraschungsarme Handlung, Menschen ohne Fleisch und Blut – aber mit dem nervigen Hang, so will es Nurkan Erpulat, zum ständigen Herumblödeln und Grimassieren, zum gestenreichen Getue, Singen und Tanzen, Fingerschnipsen und Musical-Tingeltangel.

Alle Figuren, die Maria umflattern wie Motten das Licht, sind haarsträubende Karikaturen ihrer selbst. Alles, was sie sagen, hat so wenig Gewicht wie eine Kurzbotschaft auf Twitter, alle Figuren stehen unter psychischem Dauerdampf, haben zu oft die alten "Matrix"-Filme gesehen und glauben, sie seien vielleicht keine realen Menschen, sondern nur Simulationen in einer digitalen Scheinwelt. Es ist eine Collage aus Sozialkritik und Digitalsatire, nicht wirklich neu, dafür aber lustig kleingehäckselt: Die Inszenierung ist eine bizarre Mischung aus lautem Kindergeburtstag, buntem Fantasie-Märchen und schwarzhumorigem Albtraum.

Gorki Theater: Maria, hier Elena Schmidt, Çiğdem Teke, Vidina Popov, Ibadet Ramadani Gallop, Till Wonka; © Ute Langkafel/MAIFOTO
Bild: Ute Langkafel/MAIFOTO

Schöner Regie-Einfall

Teil Eins, also Schwangerschaft und Geburt des Babys, spielt auf einer leeren weiten Bühne. Da lässt es sich gut rennen und flennen, summen und singen, da können die vielen einzelnen Figuren um die in stoischer Schönheit glänzende Maria herumscharwenzeln und können die Mini-Szenen nahtlos ineinander verschmelzen.

Für Teil Zwei – Liebe – kippt die hintere Bühnenwand und gibt den Blick frei auf ein kleines Zimmerchen: darin haust Maria mit ihrem Kinde und verdingt sich als Internet-Beraterin für alle Nöte und Bedürfnisse, sexuellen Perversionen und selbstmörderischen Ambitionen, die Menschen im Zeitalter der digitalen Unübersichtlichkeit so haben. Doch die Figuren, denen Maria da via Webcam zuhört, sind keine anonymen Stimmen aus dem Off oder Gesichter auf einer Leinwand, sondern reale Menschen: Sie klettern durchs Fenster in Marias Zimmer, sie schlafen in ihrem Bett, sie leben mit und bei ihr, bedrängen sie, beschimpfen sie, suchen bei Maria Liebe und Erlösung: Das ist ein schöner Regie-Einfall, macht aber die phrasenhaften Plattitüden der Eindringlinge auch nicht spannender und tiefgründiger.

Für Teil Drei – Tod – kippt der Raum noch einmal weiter ins Bodenlose, sodass die Zuschauer das Gefühl haben, von oben herab – sozusagen aus dem Himmel – in einen Raum zu blicken, in dem Maria das Sterben ihrer Großmutter beobachtet und dann – nachdem die Oma auf dem Teppich liegend ihr Leben ausgehaucht hat – allein zurück bleibt, trotzig, mutig, selbstbewusst: wird schon werden, muss ja.

Floskeln und Phrasen

Der Abend ist – obwohl die Inszenierung nur 90 Minuten dauert – unendlich langweilig, die Menschen sprechen ständig in abgedroschenen Floskeln und nichtssagenden Phrasen, die Figuren sind nur hyperventilierende Knallchargen in bunten Kostümen, die urplötzlich anfangen zu singen und zu tanzen, als hätten sie einen Abstecher aus dem La-La-Land von Hollywood ins Berliner Gorki Theater gemacht. Nichts entwickelt sich, auch Maria bleibt die, die sie immer war, geduldig, lebensklug, stolz und schön. Keine neue Idee, keine überraschende Einsicht, rasender Stillstand, leer laufendes Theater-Tohuwabohu.

Einige Premieren-Zuschauern fanden es trotzdem supertoll: Kaum war das letzte Wort gesprochen und das Licht verlöscht, johlten, grölten und jubelten sie wie Bolle oder wie ein ganzer Indianerstamm auf dem Kriegspfad. Über die doch eher klägliche Qualität des Abends sollte das niemanden hinwegtäuschen.

Frank Dietschreit, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Lars Eidinger in einer Theaterszene aus Shakespeares Hamlet © dpa/Evie Flylaktou/Athens Festival/EPA/_ANA-MPi
dpa/Evie Flylaktou/Athens Festival/EPA/_ANA-MPi

Schaubühne am Lehniner Platz | Aufzeichnung Online - "Wiedergesehen: Hamlet"

Die Schaubühne ist geschlossen und hat auf Kurzarbeit umgestellt. Die Stimmung am Haus, das sagte Intendant Thomas Ostermeier in einem Interview, sei gedrückt und ratlos. Einziger Grund zur Freude sind die hohen Click-Zahlen bei den Inszenierungsaufzeichnungen, die das Theater online für jeweils einen Abend zur Verfügung stellt. Auch Ostermeiers "Hamlet" mit Lars Eidinger in der Titelrolle steht nun auf dem Online-Spielplan.

Bewertung:
Showcase Beat Le Mot: "Don Quijote", Foto: Dorothea Tuch
© Dorothea Tuch

HAU3 - Showcase Beat Le Mot: "DON QUIJOTE / DONKEY SHOT / DONE QUICHE HOT / DON CONQUISTA / DON E. COYOTE"

Don Quijote, der Ritter von der traurigen Gestalt, der auf seinem klapprigen Ross durch die Welt reitet und Abenteuer erlebt, die nur in seiner Vorstellung wundervoll sind, nicht jedoch in der Realität. Diesen Don Quijote hat die Performancegruppe Showcase Beat Le Mot zum Helden ihres neuen Stückes gemacht. Nun war Premiere im Berliner Hebbel am Ufer.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung: