HAU 2 | Anta Helena Recke: Die Kränkungen der Menschheit © Gabriela Neeb
Gabriela Neeb
Bild: Gabriela Neeb Download (mp3, 4 MB)

HAU 2 – Hebbel am Ufer - "Die Kränkungen der Menschheit"

Bewertung:

In ihrer aktuellen Produktion "Die Kränkungen der Menschheit" beschäftigt sich die Regisseurin und Performerin Anta Helena Recke mit der Frage: Wer ist überhaupt die Menschheit?  

Vor einer Woche sind die zehn Inszenierungen bekanntgegeben worden, die die Kritiker-Jury fürs diesjährige Theatertreffen nominiert hat und die also im Mai allesamt in Berlin zu sehen sein werden. Darunter auch "Die Kränkungen der Menschheit" von der Regisseurin Anta Helena Recke. Uraufführung war im September an den Münchner Kammerspielen – weil die Produktion aber eine Koproduktion unter anderem mit dem Berliner HAU, dem Hebbel am Ufer, ist, feierte sie dort nun ihre Berlin-Premiere.

Der Titel bezieht sich auf die drei narzisstischen Kränkungen der Menschheit, die Sigmund Freud in "Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse" definiert hat. Die Kränkung, dass die Erde um die Sonne kreist – der Mensch also nicht Zentrum des Universums ist. Die Kränkung durch die Evolutionstheorie, die besagt, dass der Mensch in einer Ahnenreihe mit dem Affen steht. Und die Kränkung, dass der Mensch nicht Herr seines Unterbewusstseins ist, nicht alles kontrollieren kann.

HAU 2 | Anta Helena Recke: Die Kränkungen der Menschheit © Gabriela Neeb
Bild: Gabriela Neeb

Es heißt, Recke würde in ihrer Inszenierung eine vierte Kränkung benennen: Jene, dass es nicht die eine Menschheit gibt und der weiße, europäische Mann nicht der einzige Vertreter dieser Menschheit ist. Kritik an der "White Supremacy", am Überlegenheitsgefühl der weißen Menschen bzw. weißen Männer. Doch all das ist lediglich dem Programmheft zu entnehmen – nichts davon erschließt sich beim Blick auf die Bühne.

Dort schaut man auf einen Glas-Kubus. Mit seiner hölzernen Sitzgelegenheit, dem Neonlicht und dem gekachelten Boden sieht er aus wie ein Zootierkäfig. Fast nackte Menschen gehen auf allen Vieren um ihn herum, schreien wie Affen, lausen sich, jagen sich. Ein Pfleger füttert sie mit Salatköpfen. Dann wird der Käfig zum Galerieraum, eine Gruppe Touristen geht umher, während eine Stimme aus dem Off Gabriel von Max’ Gemälde "Affen als Kunstrichter" beschreibt. Darauf gruppieren sich Affen vor einem Goldrahmen und betrachten ein Bild – die Theaterzuschauer müssen mit der Beschreibung vorliebnehmen, von Max’ Gemälde wird erst ganz am Ende des 70minütigen abends kurz vorgeführt.

Später setzen sich die Touristen in diesen Ausstellungskubus und beschreiben und bewerten ein Video, das ebenfalls nicht zu sehen ist: Thailändische Bauern betrachten darauf ein Landschaftsbild von Van Gogh (aus dem Programmheft erfährt man: Es ist Araya Rasdjarmrearnsooks "Two Planets Series: Van Gogh’s The Midday Sleep and the Thai farmers"). Bis dann zuletzt fast 30 Women of Colour mit farbenfrohen Gewändern über die Bühne prozessieren. Sie schreiten um den Kubus, drehen ihn und erwidern hier und da den Blick ins Publikum.

Im Zentrum steht hier also die Frage: Wer wird ausgestellt, wer ist Betrachter? Wie sehr ist die eigene Rezeption an Herkunft, Zugehörigkeit, Identität gebunden? Dadurch, dass der Affenwärter weiß ist und die Frauen, die später den Kubus umrunden und für sich beanspruchen, außereuropäisch wirken, wird daraus eine Kritik am stereotyp-weißen Blick des Zuschauers.

Allerdings ist diese Kritik am Zuschauer, den Recke anscheinend für nichts als weiß und unreflektiert hält, so pauschal wie simpel und zudem überheblich. Schlimmer noch: Diese Kritik löst nichts aus, nicht einmal Unbehagen. Wer nicht diskursfest ist, wird den Kern der Kritik, der ja nur im Programmheft beschrieben und nicht auf der Bühne sichtbar wird, nicht verstehen. Wer aber den Diskurs über White Supremacy kennt, sich mit Postkolonialismus und den Völkerschauen beschäftigt hat, sieht nichts als die reine Zustandsbeschreibung dieser Thematik.

Selbstverständlich soll und muss sich das Theater mit diesen Themen beschäftigen. Doch bitte mit den Mitteln des Theaters – sinnliche, spielerische Mittel, mit denen Dinge erlebbar, verstehbar werden. "In ihrer White-Supremacy-Kritik stößt die Regisseurin beim Publikum eine Reflexion über den jeweils eigenen Blick und die damit verbundenen Dekodierungsmuster an", schreibt die Theatertreffen-Jury in ihrer Begründung zur Einladung – schön wär’s! Obwohl Bilder und Blicke Reckes eigentlich sinnliches Thema bilden, wird man mit dem eigenen Blick eben gerade nicht konfrontiert.

HAU 2 | Anta Helena Recke: Die Kränkungen der Menschheit © Gabriela Neeb
Bild: Gabriela Neeb

Nicht zugänglich

Zu sehen ist bestenfalls Konzeptkunst. Und das meint, genau wie in der Bildenden Kunst: Das Werk kann sich nicht selbst erklären, es ist nicht anforderungsfrei, man braucht eine Gebrauchsanweisung, einen Beipackzettel. Für die Publikumskunst Theater, die von der situativen Konfrontation mit den Zuschauern lebt, ist das verheerend. Einen Abend, der sich nicht aus sich selbst heraus vorantreibt, der keine Szenen zugänglich macht, muss man als gescheitert betrachten.

Labor ohne Theaterqualitäten

Dass die Theatertreffen-Jury sich für diese Art von Labor-Theater begeistert, spricht wiederum Bände. Man möchte ganz offensichtlich vor sich und der Welt die politische Aktualität des Theaters unter Beweis stellen, sich Relevanz attestieren. Der Bedeutungsverlust des Theaters wird jedoch immer größer, seit es denkt, Seminar- und Debattenraum sein zu sollen. Kein Festival, kein Haus, das sich nicht auf die Fahnen schreibt, "Labor" für gesellschaftspolitische Fragen zu sein. Doch genau dadurch gibt das Theater sein Alleinstellungsmerkmal auf, Dinge im menschlichen Erleben spielerisch begreiflich zu machen.

Für Seminare gibt es Universitäten, für Leitartikel Zeitungen, für Labore die Wissenschaft. Theater hat andere Qualitäten – von denen hier allerdings fast nichts zu sehen ist.

Barbara Behrendt, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Radialsystem in Berlin
imago images / Steinach

Radialsystem V | Open-Spaces-Festival - "Rita Klaus"

Wer ist Rita Klaus? Und was hat der Berliner Choreograph Martin Hansen mit ihr zu tun? "Rita Klaus“, so hat Martin Hansen sein neues Stück genannt. Gestern hatte es Uraufführung beim Open-Spaces-Festival der Berliner Tanzfabrik.

Bewertung: