Berliner Ensemble: Katzelmacher © Matthias Horn
Matthias Horn
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Berliner Ensemble - "Katzelmacher"

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"Katzelmacher" – geschrieben 1968 von Rainer Werner Fassbinder – beschreibt exemplarisch, wie eine Gruppe von jungen Deutschen aus Sexualneid, Ablehnung und Gewalt gegen einen "Gastarbeiter" entwickelt. Michael Thalheimer hat Fassbinders erstes Theaterstück neu inszeniert.

Die Morde in Hanau haben erneut gezeigt, wie viel tödlichen Rassismus es in Deutschland nach wie vor gibt. 1968, als Gastarbeiter aus Südeuropa einreisten, war ein fremdenfeindlicher Umgang mit ihnen gang und gäbe – auch wenn dieser selten im Mord endete. Rainer Werner Fassbinder hat in "Katzelmacher" eine solche Geschichte erzählt: Männer, die mit Sexualneid auf den griechischen Gastarbeiter Jorgos schauen – Frauen, die ihm eine Vergewaltigung unterstellen. Michael Thalheimer hat Fassbinders erstes Theaterstück, auf dem sein berühmter Film basiert, nun neu inszeniert.

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Zeitlos

Die Kostüme erinnern dabei stark an den Film: Die Frauen tragen kurze farbige Kleidchen zu Pony und hohen Stiefeln; die Männer lange Koteletten, Sonnenbrille und Anzug. Und auch die Musik klingt nach 60er Jahre: Eva Meckbach singt in der Rolle der Ingrid, die große Karriere machen will, einen Sehnsuchtsschlager nach dem anderen.

Abgesehen davon aber hat Nehle Balkhausen einen hoch artifiziellen Bühnenraum entworfen, der nicht an Zeit und Ort gebunden ist. Aus einem Beton-Guckkasten ist ein Rechteck in Form einer Kinoleinwand herausgeschnitten, darin spielen die zehn Darsteller in Fassbinders bajuwarischem Kunst-Dialekt. Thalheimer zeigt also eine zeitübergreifende Laborsituation.

Berliner Ensemble: Katzelmacher © Matthias Horn
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"Katzelmacher" (die abfällige Bezeichnung für Gastarbeiter) ist hier der Grieche Jorgos. Er wird von Elisabeth, Besitzerin einer Wundertüten-Fabrik, als Arbeiter ins Dorf geholt und trifft dort auf eine Schar abgehängter, resignierter, aggressiver junger Leute mit No-Future-Blick. Die Männer sehen durch Jorgos ihre Arbeitsleistungen abgewertet und fühlen sich dem "Südländer" sexuell unterlegen. Die Frauen projizieren ihre Liebessehnsüchte auf ihn. Alle warten sie auf das große Glück, das jedoch gar nicht daran denkt, hier in der Provinz haltzumachen. Den Unmut auf sich selbst und das eigene Scheitern übertragen sie in Hass auf den Fremden, der "wegmuss", "damit wieder eine Ordnung herrscht". Und schlagen ihn zusammen.

Grotesk und gruselig

Schon in Fassbinders Film (mit Hanna Schygulla, Irm Hermann und Fassbinder selbst) wird nicht psychologisch-realistisch gespielt, sondern extrem monoton und exaltiert gesprochen. Thalheimer setzt noch einen drauf und übersetzt die Künstlichkeit in die Körper. Schließlich gilt er als Experte, den Spielern seltsame Ticks zu geben, mit denen sich das Innere ihrer Figur einen Weg nach Außen bahnt. In Bettina Hoppes Zittern (in der Rolle der Elisabeth fast eine Irm-Hermann-Kopie) wird das sichtbar.

Am deutlichsten aber tritt es bei Eva Meckbach zu Tage. Am Mikrofon mit leuchtenden Diskolichtern singt sie ihre Schmachtsongs wie eine aufgezogene Puppe. Alle Gesten sind mechanisch, jedes Wort über Liebe und Sehnsucht ist aufgesetzt. Sie singt ins Leere, das aber perfekt. Ist der Song zu Ende, klappt ihr Oberkörper nach vorn und sie wankt von der Bühne als hätte man die Marionettenfäden losgelassen. Grotesk und gruselig.

Thalheimers Weltbild ist tiefschwarz

Die für Thalheimer so ungewöhnliche Schlager-Musik spielt die wahre Hauptrolle. Im triefenden Kitsch der schmalzigen Songs kann keine Figur den Takt halten oder „echt“ empfinden. Meckbach singt: „Gefühle allein können Menschen verbinden, deren Schicksal sie voneinander trennt.“ Der blanke Hohn, wenn sie später neben dem blutüberströmten Peter Moltzen als Jorgos einfach roboterhaft weitersingt. Der Schlagerkitsch, so ist auch Bernd Stegemanns Aufsatz im Programmheft zu entnehmen, ist die vergiftete Beruhigungspille, um sich nicht dem Hass und der Leere in sich selbst stellen zu müssen.

Thalheimers Weltbild ist tiefschwarz – auch an diesem Abend sucht er keine Auswege, keine Erklärungen, er verortet die Figuren auch kaum in ihrem sozialen Umfeld. Er stellt uns eine beklemmende Horror-Show an Hass-Menschen vor, zeigt uns ein Labor von bornierten Verlierern. Clou ist die Schlussszene, ganz nach Fassbinder. Da eröffnet Elisabeth Jorgos, dass bald ein zweiter Gastarbeiter kommt, ein Türke. Jorgos ist entsetzt: Mit einem Türken will er auf keinen Fall etwas zu tun haben. Frei von Schuld und Vorurteilen ist hier also keiner.

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Politisch

Neue Erkenntnisse bringt die Inszenierung keine. Zudem kann man Thalheimer vorwerfen, diese Freaks zu weit für jegliche Spiegelung von den Zuschauern wegzurücken. Trotzdem ist es in seiner harten, unerbitterlichen Abgrenzung von Rassismus, ein eindrücklicher Abend. Deutlich politischer als Thalheimers letzte Kraftmeier-Wumms-Inszenierungen.

Zuletzt eine Geste: Beim Schlussapplaus legt das Team weiße Rosen für die Opfer von Hanau auf die Bühne – und Thalheimer tritt in schwarzem Hemd auf, darauf in weißer Schrift: AfD. Durchgestrichen.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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