remains
Carolin Saage
Bild: Carolin Saage

Uraufführung im Radialsystem - Andrew Schneider: "remains"

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Die Theater- und Opernhäuser sind geschlossen, aber eine Premiere gab es gestern Abend noch, eine vorerst letzte Vorstellung im Berliner Radialsystem. Auf Einladung und im Auftrag von Sasha Waltz hat der US-amerikanische Regisseur Andrew Schneider sein Deutschland-Debüt gegeben. "remains" heißt seine Choreographie.

Uraufführung aber Absage aller weiteren Vorstellungen

Zur Uraufführung gebracht in bedrückter und bedrückender Stimmung, in einer Atmosphäre der Sorge und Trauer – immerhin stand vor der Premiere fest, dass dies die vorerst letzte Vorstellung sein wird. Für die freien Künstler und ihre Produktionsorte wie das Radialsystem eine existenzgefährdende Situation.

Andrew Schneider und die Wooster Group

Andrew Schneider, von Sasha Waltz nach Berlin geholt und mit einem Auftragswerk anvertraut, ist hierzulande eine Entdeckung. Er ist New Yorker Regisseur, Autor und Performer, war bis 2014 einige Jahre lang in der Wooster Group, seit Mitte der 70er Jahre die wichtigste US-amerikanische Theatergruppe, eigentlich ein Verbund vieler Künstler, Vorreiter in Sachen Postdramatik und experimenteller Theaterkunst, weltweit stilbildend. Hier hat er das Wesentliche gelernt und sein Interesse an Technologie und neuen Techniken des Erzählens hinzugefügt, er arbeitet auch in Videokunst, interaktiver Elektronik-Kunst und im Bereich der Installation.

Akustische und visuelle Effekte

Für "remains" verwendet er eine Unmenge an akustischen und visuellen Effekten, um eine fantasyartige Traumwelt in Szene zu setzen, märchenhaft und mysteriös.
Und das mit einem Soundtrack zwischen rhythmischem Basswummern und sirenenhaft sphärischen Streicher- und Elektronik-Klängen und v.a. mit einer äußerst ausgeklügelten Licht-Dramaturgie: Stroboskop-Licht weiß, rot, blau, Blitze, die kurz die Bühne erhellen oder die Zuschauer blenden. Lichtgewitter, die von den Seiten oder von der Decke Lichtkorridore in die zumeist tiefdunkle Bühnenwelt fräsen.

Exemplarische Ein-Sekunden-Szenen – Momentaufnahmen

In einer exemplarischen Szene erhellt das Licht nur jeweils eine Sekunde lang die Bühne, bevor sie für ca. drei Sekunden wieder in Dunkelheit versinkt. In dieser einen Sekunde sehen wir die neun Tänzerinnen und Tänzer stehen, gehen, laufen, jeweils einzeln, in jeder Lichtsekunde ein anderer Mensch, in den Dunkelsekunden ausgetauscht.

Das sind Momentaufnahmen von Leben und Lebensgeschichten: eine Frau versucht wieder und wieder heruntergefallene Einfälle in eine Kiste zu packen, ein Mann läuft wieder und wieder dieselbe Strecke und kommt nicht vom Fleck, Szenen, die wiederholt werden, sich nur minimal verändern.

Banale Alltagsmomente, etwas aufgeplustert und aufgeplüscht und doch Menschen-Studien, blitzartige Eindrücke von Figuren und Charakteren – ein Erzählen in Partikeln, die jedoch alles zu enthalten scheinen.

Quantenphysik und das Erzählen in Miniaturen

In der Ankündigung zum Stück heißt es, Andrew Schneider würde nach Zusammenhängen von "physikalischer Quantenverschränkung" und menschlichen Verstrickungen suchen. Gemeint ist dieses Erzählen in Miniaturszenen, die parallel nebeneinander existieren und sich dennoch auch beeinflussen können. Denn Schneider überblendet, überlagert auch einzelne Sequenzen: die Figuren begegnen sich, treten kurz in Kontakt, verändern ihre Wege, abhängig von den anderen - wie in der Quantenphysik kleinste Teilchen sich gleichzeitig in mehreren Zuständen befinden und sich über weite Entfernungen koppeln und beeinflussen können.

Diesen Quanten-Physik-Aspekt sollte man aber nicht überbewerten. Schneider zeigt zwar parallel existierende Realitäten, die getrennt scheinen und sich dennoch beeinflussen - aber letztlich ist das doch ein Geschichtenerzählen mit den guten alten Theatermitteln: Bühne, Figuren, Musik, Licht. Ein sogar neoromantisches Erzählen mit menschlichen Minidramen voller Emotionen. Schneider glaubt letztlich daran, dass auf der Bühne Geschichten von Menschen erzählt werden sollen und können und seien es Geschichten von Geisterwesen.

Abschied, Wehmut – Geisterwesen – eigenes Universum

"remains" ist neben einigen komischen, comedyhaften Szenen v.a. von Wehmuts-, Abschieds-, fast Apokalypse-Stimmung durchweht, vom Fortgehen, vom Tod. "Don’t Go" ruft gegen Ende eine Tänzerin einer anderen zu, in der nächsten Szene ist diese von Schattenwesen umringt, wirkt selbst wie ein Geist – während Popmusik in der Ferne zerfasert und ein wummernder Herzschlag die Bühne erbeben lässt.

Andrew Schneider hat mit höchstem technologischem Einsatz ein eigenes Universum entworfen, hat die lineare Realität mit aller Logik und Konsequenz, die wir zu kennen meinen, aufgelöst – es gibt nur noch Restspuren des uns Bekannten, die er aber auch verwehen lässt.

Ein faszinierender, immer wieder überraschender visueller Rausch – mit Jubel und Füßetrampeln gefeiert - schade, dass das zumindest vorerst nicht mehr zu sehen ist.

Frank Schmid, rbbKultur

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