Ballet Rambert Enter Achilles © Hugo Glendinning
Hugo Glendinning
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Berliner Festspiele - "Enter Achilles"

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Seit vielen Jahren war in Berlin keine Choreographie des britischen Star-Choreographen Lloyd Newson zu sehen, der seit Mitte der 80er Jahre mit seiner Company "DV8" Tanzgeschichte in Großbritannien und weltweit geschrieben hat. Nun gibt es bei den Berliner Festspielen die Chance, einen seiner Klassiker zu erleben: "Enter Achilles", das Stück von 1995. Neu inszeniert und getanzt vom Londoner Ballet Rambert.

Acht Männer im Pub

Ein Stück mit acht Männern, ein Stück über Männer im englischen Pub. Sie saufen, singen, streiten und prügeln sich, sind beste Kumpel, Fußballfans und bei ihren Kneipen-Rituale bestens aufeinander eingespielt, was auch bedeutet, dass sie ihre Hack- und Rangordnung immer mal wieder klären müssen.

Und so rangeln sie in Männlichkeits-Gehabe und Potenz-Geprotze: wer hat mehr Muskeln, schafft mehr Liegestütze, wer trinkt das Bier am schnellsten, wer reißt die sexistischsten Witze – wer ist der coolste Macker.

Das zeigt Newson zu 90er Jahre Pophits in akrobatischen Tanzszenen – bis eine Störung auftritt, ein Außenseiter, ein schwuler Mann. Nun schlägt die Kumpelhaftigkeit, die vorher untergründige Gewalttätigkeit in Brutalität und offene Gewalt um, allerdings mit anderem Ergebnis als erwartet.

Ballet Rambert Enter Achilles © Hugo Glendinning
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Die Liebe zur Gummi-Puppe

Denn Newson macht nicht den schwulen Mann zum Opfer - das wäre zu simpel, geschieht zu oft in der Popkultur, v.a. in Film und Fernsehen, wäre als Kritik an der Eindimensionalität heterosexueller Männlichkeit zu einfach.

Hier wird jener Mann zum Opfer, der eine Gummi-Sex-Puppe liebt – wirklich liebt. Seine Gefühle sind wahrhaftig und Newson inszeniert sie zwar herzzerreißend komisch, macht sich darüber aber nicht lustig. Die Gefühle für die Puppe sind Ausdruck der Hilflosigkeit, der Sehnsucht nach Nähe und Liebe, die im herkömmlichen heteronormativen Männlichkeits-Bild damals wie heute kaum Platz haben.

Echte Kerle – ernst gemeinte Karikatur

Denn ein echter Kerl ist nicht weich und gefühlvoll, tanzt nicht mit flatternden Händen und schwingenden Hüften, schlägt nicht die Beine übereinander beim Sitzen, ist nicht zärtlich zu seinem Kumpel sondern säuft und grölt und greift sich in den Schritt und pfeift den Frauen nach, natürlich nur in der Sicherheit der Gruppe. All das lasst Newson seine Männer treiben und das ist peinlich und abstoßend, ist anrührend und sehr witzig als ernst gemeinte Karikatur.

Dieses Stück ist ein Psychogramm missverstandener Männlichkeit. Newson zeigt, wie deren Normen in gruppendynamischen Prozessen durchgesetzt werden und wie Abweichung davon bestraft wird.

Neueinstudierung der Choregraphie von 1995

Nun stammt dieses Stück aus dem Jahr 1995, ist 25 Jahre alt – seitdem ist in der Welt, in der Gender-Frage viel geschehen. Und so hat Lloyd Newson es beim Einstudieren mit den neuen Tänzern an einigen Stellen überarbeitet. 

Neuer Feminismus und die Me-Too-Bewegung tauchen auf - als Feindbilder eines der Männer, der auch nationalistische und rassistische Bemerkungen von sich gibt und sich als Opfer stilisiert, denn seine Wahrheit werde ja unterdrückt. Kommt einem das bekannt vor?

Auch ein schreiender populistischer Politiker ist kurz im Pub-Fernseher zu sehen – Lloyd Newson war immer ein politischer Choreograph, die Lebensrealität abzubilden einer seiner selbstgesetzten Aufträge.

Die Auswüchse der Hooligan-Szene, die Mitte der 90er im englischen Fußball extrem und ein Anlass für dieses Stück waren, sind in den Fußballstadien Europas nach wie vor zu erleben, jüngst auch wieder in der Fußball-Bundesliga. Und bei der Suche nach anderen Formen von Männlichkeit sind die meisten Männer von heute nicht viel weiter als damals – sie sind höchstens stärker verunsichert.

Tanz-Theater der 80er und frühen 90er Jahre

Inhaltlich ist "Enter Achilles" also durchaus aktuell. Im Tanz ist es eine Erinnerung an den theatralen Tanz der 80er und frühen 90er Jahre – klar gezeichnete Charaktere und Figuren-Psychologie, im Tanz erzählte Geschichten voller Dramatik. Heute ist das extrem selten, aber in Abstraktion wollte Lloyd Newson sich nie zurückziehen. Das ist gutes altes Tanz-Theater, erinnert an Pina Bausch und die frühen Stücke von Sasha Waltz.

Vorallem in dem wunderbaren Humor, in der liebevollen Aufmerksamkeit für jeden einzelnen Charakter. Diese Kerle, diese albernen Testosteron-Opfer sind auch tapsig und trottelig und liebenswürdig, wie sie mit den Biergläsern jonglieren, in verlegen-zärtlicher Kumpelhaftigkeit miteinander tanzen, sich akrobatisch durch die Luft wirbeln, sich ihre Zuneigung gern zeigen wollen, aber nicht wissen, wie. Und gerade dieses Nicht-Wissen schlägt in Brutalität und Grausamkeit um. Der und das Andere, das Fremde muss voller Härte ausgegrenzt werden, denn für sie ist es eine Bedrohung ihrer Männlichkeit.

Witz, Poesie, Analyse

Lloyd Newsons Witz zeigt sich exemplarisch in jener Szene, in der der schwule Mann die gegen ihn gerichtete Gewalt einfach in einen sanften Tanz überführt, in der jeder Schlag zu einer Umarmung wird.

Und in einer grandiosen poetischen Seiltanz-Akrobatik-Nummer zeigt er, was zwischen zwei heterosexuellen Männern, die sich mögen, möglich wäre, wenn sie die Scham überwinden, die Stereotypen und Normen vergessen könnten – der eine lässt den anderen fliegen und träumen.

"Enter Achilles" ist ein immer noch faszinierendes Stück, klug, bissig, analytisch auf den Grund gehend, lustig-unterhaltsam, eine revuehafte Groteske, voller Wut, Härte und Verletzlichkeit. Da sich Lloyd Newson Ende 2015 vom Choreographieren zurückgezogen hat, diese Wiederaufnahme nur eine Ausnahme bleiben soll – sollte man sich das unbedingt anschauen.

Frank Schmid, rbbKultur

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