Jedermann (stirbt) in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in der Inszenierung von Data Tavadze © Arno Declair
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DT Kammerspiele - "Jedermann (stirbt)"

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Der geizige "Jedermann" im berühmten Stück von Hugo von Hofmannsthal muss in seiner Todesstunde erkennen, dass ihm das viele Geld nichts nutzt und am Ende keiner zu ihm steht. Ferdinand Schmalz hat es ins Heute übertragen, nach Wien und Frankfurt hatte die Neufassung mit dem Titel "Jedermann (stirbt)" nun am Deutschen Theater Premiere.

In Salzburg gehört es zur Tradition, dieses Stück alljährlich auf den Treppen vor dem Dom aufzuführen. Der "Jedermann" ist in Schmalz’ Fassung jedoch kein verschwenderischer Lebemann, sondern ein abgebrühter Kapitalist. Er spekuliert, gibt halsabschneiderische Kredite. Hugo von Hofmannsthal zitiert in seiner Fassung ja die mittelalterlichen Mysterienspiele. Der reiche, gottlose Mann steht plötzlich allein vor dem Tod. Gott und Teufel kämpfen um seine Seele, doch die Gnade Gottes rettet ihn. Keine leichte Sache, diese mit christlichen Symbolen aufgeladene Existenzparabel ins Heute zu holen. Der Österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz versucht es, indem er die religiöse Dimension abschwächt: Gott ist bei ihm ein Penner, alles andere als allmächtig. Der Teufel wird von der Gesellschaft verkörpert. Gott und Teufel stecken also in uns. Und, ganz wichtig: Es gibt keine göttliche Rettung.

Kritik am Turbokapitalismus

Schmalz, der mit Anfang 30 schon den Bachmann-Preis gewonnen hat, schreibt in einer ungewöhnlichen Kunstsprache, sehr musikalisch, sie erinnert an das manierierte Umstandsdeutsch von Werner Schwab, auch an die Wortkaskaden von Elfriede Jelinek. Dieses Unsentimentale nimmt dem Stück seinen pastoralen Ton, hat einen gewissen Witz. Es ist keine radikale, sondern eine sanfte Umschreibung, noch immer mit Allegorien und Moral versetzt, doch auch mit Kritik am Turbokapitalismus.

 

Das Überzeitliche

Inszeniert hat den Abend der junge Georgier Data Tavadze, der in Tiflis das experimentelle Royal Court Theatre gegründet hat. Nun arbeitet er zum ersten Mal am Deutschen Theater. Er setzt weniger auf die heutige Kritik an den Börsenspekulanten, sondern auf das Überzeitliche der Parabel. Das Stück selbst ist eingebettet in eine Vorrede, in der es heißt, das alte Märchen in neuem Kleid werde von Mund zu Mund auf modrigen Zungen weitergegeben. Data Tavadze lässt diese Vorrede leise, mit langen Pausen artifiziell sprechen.

Parabel auf das Sterben

Die zwei Spielerinnen und drei Spieler, die es auf der Bühne lediglich sind, tragen Reifröcke und Anzüge, die an die Zeit Hofmannsthal erinnern – kombiniert mit dem abstrakten Kunstraum, in dem Tavadze spielen lässt, verdeutlicht er die Zeitlosigkeit.

Und auch die Spieler, allen voran Jörg Pose als Jedermann, sprechen den Text stilisiert, postmodern, losgelöst von ihrer Figur – als Parabel auf das Sterben. Der Text ist für Tavadze jedoch nur ein Element von vielen an diesem Abend.

Das ewige Sterben

Die Musik spielt eine tragende Rolle, doch genauso wichtig sind die kleinen Choreografien – die zu Körperbildern über das Sterben werden. Paul Grill und Niklas Wetzel gehen noch während die Zuschauer in den Saal strömen, aufeinander gestützt über die mit Sand bestreute Bühne. Einer von ihnen bricht zusammen, wird vom Gegenüber gehalten, aufgerichtet, bis der andere zusammenbricht und aufgerichtet wird. In ewiger Wiederholung. Am Ende dieselbe Szene, wenn es heißt: Wir hören nie auf zu sterben, der Tod sitzt schon immer in uns drin. Das ewige Sterben.

Theater als moralische Anstalt

Jörg Pose macht auf seinem letzten Gartenfest, das mehr einer Beerdigung gleicht, unrhythmische Tanzbewegungen, als würde er tatsächlich auf Leichen gehen, wie es im Text heißt. Und Gott (Niklas Wetzel) wird im weißen Leichensack hereingezerrt und sein lebloser Körper unsanft entkleidet.

Die Musiker sitzen auf Stühlen im hinteren Bühnenbereich und spielen mit Kontrabass, Posaune und Klarinette leise atonal, dissonant, nie auftrumpfend, den Text immer unterstützend.

Ein düsterer Totentanz, der ganz den Witz der Schmalzschen Vorlage ausblendet. Stattdessen schauen wir jemandem beim leisen Sterben zu. Was bleibt vom Leben, welche Werte sind die richtigen? Das Theater ganz als moralische Anstalt.

Ein leiser Abend

Data Tavadze war bereits 2018 mit Gastspielen am DT zu sehen, seinen "Prometheus" hatte er damals mit der Unabhängigkeitserklärung Georgiens verknüpft. Ebenfalls eine bildstarke, tiefschwarze Inszenierung ohne Hoffnungsschimmer. Doch zudem war sie laut, gewaltvoll. Dieser Abend nun ist leise, voller Pausen, die man aushalten muss. Natali Seelig, eine eher exaltierte Spielerin, war selten so zurückgenommen auf der Bühne zu sehen. Es wird stetig gewispert, geflüstert. Das kann man spröde und langatmig finden. Auch, weil die Spieler zu häufig am Mikrofonhalter herumstehen.

Doch die zurückhaltende, formal strenge Gesamtkomposition, den Mut zur Stille, zur Ernsthaftigkeit, ironiefrei über Sterblichkeit und Lebenssinn nachzudenken, ist durchaus angenehm, im deutschen Theater eher ungewöhnlich und zeitweise sogar berührend. 

Barbara Behrendt, rbbKultur

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