Schaubühne Berlin: Die Affen © Arno Declair
Arno Declair
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Schaubühne am Lehniner Platz - "Die Affen"

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Es war wohl die letzte Theaterpremiere für mindestens die nächsten Wochen, die in Berlin über die Bühne gegangen ist: Marius von Mayenburgs Uraufführung "Die Affen" an der Schaubühne.

Das Corona-Virus bringt das kulturelle Leben in Berlin zum Erliegen: Erst wurde das Festival für Internationale Neue Dramatik (FIND) an der Schaubühne mit Gastspielen aus aller Welt abgesagt, inzwischen sind alle Theaterhäuser der Stadt geschlossen. Nur Mayenburgs Auftakt-Premiere mit dem Ensemble, die im Repertoire bleiben wird, durfte zuletzt noch stattfinden – im kleinen Globe-Theater mit knapp 300 Zuschauer.

Die Stimmung im Haus war bedrückt. Normalerweise sind bei der FIND-Eröffnung internationale Gruppen und Publikum aus aller Welt da, das Haus ist übervoll. Diesmal war das einzige Thema im Foyer Corona und die kurzfristige Absage. Wer nun für die Kosten aufkommt, das sagte Thomas Ostermeier im kurzen Gespräch, ist noch unklar. Für die Schaubühne ist das auch eine finanzielle Katastrophe.

Tierwelt, die der Mensch für überwunden hält

Das Programm des FIND war mit Milo Rau, Angelica Liddell, Caroline Nguyen, Toshiki Okada spannend aufgestellt. Vorbildlich, wie konsequent die Schaubühne mit der kompletten Absage gehandelt hat – und nicht etwa versucht hat, die kleinen Veranstaltungen noch durchzubringen. Anders als andere Häuser zunächst: Das Berliner Ensemble reagierte auf die Ansage des Senats, indem es einfach den 2. Rang schließen wollte, damit man knapp unter 500 Zuschauern bleibt. Verantwortlich und solidarisch ist das nicht, dort geht es um rein ökonomische Überlegungen.

Doch zur Inszenierung: Am Ende hüpfen im Globe Theater vier Schauspieler in Affenkostümen über den schwarzen Strand der Bühneninsel. Sie gehen elastisch auf ihren Knöcheln, schwingen die Arme, schreien äffisch – bis der kräftige Sohn den Alpha-Vater vom Thron stößt und tot beißt. So geht es zu in der Tierwelt, die wir als Evolutionsgewinner Mensch im Großen und Ganzen ja für glücklich überwunden halten.

Rückentwicklung des Menschen zum Affen

Nicht so Marius von Mayenburg in seinem neuen Stück. Muss der Mensch wieder Teil der Natur werden, um den Planeten und sich selbst nicht in den Abgrund zu stürzen, fragt er darin. Ist der Mensch die Krone der Schöpfung – oder deren Pervertierung? Die Alternative zum rasenden Fortschritt ist bei Mayenburg keine romantische Naturidylle, sondern die Rückentwicklung des Menschen zum Affen. Ein Zurück auf Null.

Konkret geht es um Rupp, gespielt von Robert Bayer. Ein Familienvater, der sein Leben lang im Rohölgeschäft den afrikanischen Kontinent ausgebeutet hat und die Verhältnisse und die Menschheit ganz allgemein nicht mehr ertragen kann.

Unter Hose und Jacket legt er plötzlich eine tierische Behaarung frei, die Mitspieler setzen ihm eine Langhaarperücke mit vorgewölbter Stirn auf. Seine Beine werden elastisch, er wirft mit Tellern um sich – und: Er verliert seine menschliche Sprache. Eine unheimliche Verwandlung.

Die Affen Schaubuehne © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Moralpredigten über Ausbeutung und Narzissmus

Das alles in den ersten Szenen. Danach wird es unübersichtlich: Die Figuren wechseln, Rupps Familie mutiert zu den ausbeuterischen Kollegen oder zu Forschern, die ihn im Dienste der Wissenschaft auf den Mars schießen möchten, um die Evolution dort neu zu starten. Episode reiht sich unschlüssig an Episode, Thesenträger halten verquaste Moralpredigten – über Ausbeutung, Narzissmus, die Schlechtigkeit des Menschen.

Das alles vor Weltuntergangskulisse. Ein paar Plastikstühle am Asphalt-Strand, dahinter Projektionen eines düsteren Meers, des einsamen Weltalls. Darüber hängt ein riesiger Planet aus Farn, Plastikmüll und Elektroschrott. Mal dient er als Raumschiff, mal als Affenkäfig. Die vier Spieler formieren sich davor zu einem apokalyptisch raunenden Chor.

Als Komödie zu moralisch

Mayenburg stellt eine gewichtige Frage in Zeiten von Klimawandel und Globalisierung: Wie kann ein alternatives Leben aussehen? Doch so, wie der Autor und Regisseur das Thema verhandelt, führt es keinen Schritt weiter.

Mayenburg war bislang ein Autor von grotesken Komödien, mit denen er am Firnis der bürgerlichen Wohlstandswelt gekratzt hat. Eine gewisse Plakativität und Pauschalität war dabei Teil des Konzepts. Mit den "Affen" jedoch hat er sich weit von der Komödie fortbewegt: Die ersten humoristischen Szenen führen geradewegs in die Apokalypse. Für eine Komödie sind Stück und Inszenierung zu moralisch. Für eine ernsthafte Auseinandersetzung aber zu undifferenziert, die Figuren zu stereotyp.

Dass die Lösung nicht darin liegen kann, die Menschen wieder auf Bäume klettern zu lassen, ist nun wahrlich keine überraschende Pointe. Doch Mayenburg exerziert das Exempel, als habe er tatsächlich an die Affen als Rettung der Menschheit geglaubt.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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