Schlosspark Theater: Schmetterlinge sind frei mit mit Julia Biedermann, Johannes Hallervorden, Helen Barke & Fabian Stromberger; © DERDEHMEL/Urbschat
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Schlosspark Theater Livestream - "Schmetterlinge sind frei"

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Ausnahmezeiten erfordern Ausnahmemaßnahmen – das wissen nicht nur Politiker und Ärzte dieser Tage, sondern auch Kulturschaffende. Also sucht sich das große Live- und Vorort-Medium Theater seinen Weg in der digitalen Welt. Das Berliner Schlosspark-Theater feiert eine besondere Premiere: Zum ersten Mal ging auf dem Facebook-Kanal des Theaters eine komplette Theatervorstellung – nicht über die Bühne, sondern über den Screen.

Das ist auch für die Kritikerin eine Premiere: Theater live sehen – aber mit Keksen und Tee auf der Couch, auf kleinem Bildschirm. Für komplizierte ästhetische Experimente würde da die Konzentration fehlen, doch eine romantische Komödie, wie sie das Schlosspark Theater zeigt, lässt sich so bequem "konsumieren".

Zuschauer können kommentieren

Entgegen des allgemeinen Vorurteils ist man bei dieser Art des Theaterguckens nicht allein, sondern kann sich (wenn man möchte) die Kommentare der Zuschauer anzeigen lassen. Hunderte waren es bei der Livestream-Premiere. Wenn Johannes Hallervorden, der Sohn von Hausherr Didi, auftritt, kommen virtuelle Zwischenrufe wie: "Er spricht ja wie sein Vater!" Und wenn Julia Biedermann die Bühne betritt, liest man: "Sie ist ja kaum älter geworden seit, 'Ich heirate eine Familie'!" Ein Gespräch unter Zuschauern, dass man im Theater nie hat.

Ärgerlich nur, dass das Theater es nicht, wie angekündigt, geschafft hat, die Aufführung auf Youtube zu übertragen. Der Stream läuft lediglich auf Facebook – dort muss man einen Account haben, um die Aufführung sehen zu können.

Die Energie der Schauspieler ist trotzdem spürbar

Für die Schauspieler muss es besonders seltsam sein, ohne Lacher, ohne jegliche Reaktion aus dem Zuschauerraum zu spielen, als sei man auf der Probe. Sich Hunderte Menschen an ihren Bildschirmen vorzustellen, deren Reaktion jedoch nicht aufnehmen, zurückspielen zu können – das muss irritieren. Bei der Premiere führte das zu einem hektischen Spiel ohne Lachpausen. Ohne Pointen auszukosten folgt ein Satz in irrem Tempo auf den nächsten. Doch das wird sich an den kommenden Abenden mit mehr Erfahrung womöglich noch einpendeln.

Fast absurd, wenn Don, gespielt von Johannes Hallervorden, sagt: "Wann immer sich die Ärzte was nicht erklären können, war es ein Virus." Intensiver Blick in die Kamera – doch natürlich ohne Reaktion. Erstaunlich, wie viel Energie, Konzentration selbst über den Bildschirm bei den Schauspielern trotzdem spürbar wird.

Herzerwärmende Romanze

Gespielt wird der Broadway-Hit "Schmetterlinge sind frei" des Amerikaners Leonard Gershe. Eine herzerwärmende Romanze über den blinden Don aus gutem Hause, der mit Mitte 20 endlich seiner Glucken-Mutter, gespielt von Julia Biedermann, unter den Fittichen entflohen ist und in einem kleinen New Yorker Appartement als Musiker sein Glück sucht.

Hier trifft er auf das Hippie-Mädchen Jill, gespielt von Helen Barke, bekannt aus der Telenovela "Sturm der Liebe". Jill ist mit 24 schon geschieden und nimmt sich die Männer mit einer Leichtigkeit, die Don völlig abgeht. Emotional binden kann sie sich dafür schwer. Die beiden landen im Bett, bis plötzlich Dons Mutter in der Tür steht, ihren Sohn nach Hause holen will – und Jill entscheiden muss, ob sie bereit ist, sich auf den lustigen, aber sensiblen Don voll und ganz einzulassen. Während seine Mutter lernen muss, ihrem Sohn mehr zuzutrauen.

Ein gelungenes Experiment des Schlosspark Theaters

Die Regisseurin Irene Christ setzt auf Witz und Tempo – mehr als auf das Innenleben der Figuren, die das durchaus hergeben würden. Das der Eindruck, der sich am Bildschirm überträgt, sobald Schauspieler nicht für die Kamera, sondern für die große Bühne spielen. Stets wirkt das (dem Medium geschuldet) ein wenig zu groß, zu übertrieben.

Doch selbst, wenn der Ton zwischendurch hängt und die beiden Kameras nicht perfekt aufeinander abgestimmt sind: ein gelungenes Experiment des Schlosspark Theaters. Eine kostenlose Gabe an Bühnenfreunde in der ganzen Welt, jetzt, da kaum jemand ins Theater gehen kann. Die Zuschauer zur Premiere kamen aus Andalusien, Schweden, Florida – und auch aus Erkelenz, Duisburg und Gütersloh.

Zu Beginn waren es 1200, am Ende der beiden Stunden immerhin noch gut 800. Ins Schlosspark Theater selbst passen 440 Menschen – das Theater wäre also doppelt und dreifach gefüllt gewesen. Die Zuschauer waren begeistert, viele fragten sogar, wo sie eine kleine Spende für den Abend abgeben könnten. Die Schauspieler live auftreten zu lassen, die Technik zu stemmen, um den Zuschauern in diesen kulturarmen Zeiten etwas geben zu können – eine gute und schöne Sache.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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