James Bridle; © Mikael Lundblad
Mikael Lundblad
Bild: Mikael Lundblad

HAU | Livestream - "Spy on Me #2"

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Das öffentliche Leben liegt brach – sodass viele Menschen mehr Zeit im Internet verbringen. Auch Firmen bauen in Zeiten des Homeoffice die Möglichkeiten von Video-Konferenzen und anderen digitalen Zusammenkünften aus. Die Corona-Krise verändert also unseren Umgang mit dem Netz. Wie passend, dass das HAU ausgerechnet jetzt ein Festival über die digitale Gegenwart veranstaltet. "Spy on Me" war eigentlich für die Theaterbühne gedacht. Jetzt findet es im Internet statt.

Die griechische Sonne scheint auf die Hauswand, vor der James Bridle in kariertem Baumwollhemd und mit Hipster-Schnauzbart sitzt. Eigentlich sollte er jetzt im Berliner Hebbel Theater am Ufer stehen und das Festival "Spy on me" eröffnen – aber die Corona-Krise bindet ihn an sein griechisches Arbeitsdomizil. Es gibt Schlimmeres.

Der Oktopus

Seinen Vortrag hat der viel gefragte Digitalisierungskritiker in ein 45-minütiges unterhaltsames und informatives Video gepackt, in dem er die Thesen seines Buchs "New Dark Age – Der Sieg der Technologie und das Ende der Zukunft" zusammenfasst. Wir müssen, sagt er, die Kontrolle über die Algorithmen im Netz, über die Technik, die wir nicht verstehen, zurückgewinnen. Künstliche Intelligenz sei nicht die Lösung, sondern andersartige organische Intelligenz. Zu Hilfe holt er dabei den Oktopus: "Das Gehirn des Oktopus dehnt sich in seine Arme aus. Die Hälfte seines Gehirns ist über seinen Körper verteilt. Und es scheint sogar so zu sein, dass seine Arme unabhängig voneinander funktionieren. Der Oktopus ist also weniger ein einzelnes Individuum als ein Kollektiv von Verwaltungsstellen."

Mensch und Oktopus stammen vom selben Vorfahren ab. Es müsste, so Bridle, doch möglich sein, diese andersartige Intelligenz für uns nutzbar zu machen. Ein "Manöver für die Digitalisierung", auf dessen Suche sich das Festival mit genau diesem Untertitel, "Künstlerische Manöver für die digitale Gegenwart", machen möchte. Bei der ersten Ausgabe 2018 stand das Thema "Big Data" im Zentrum, die Auswirkungen der Datenüberwachung auf unseren Alltag. Heute, da wir verunsichert sind, in welche Richtung sich die Künstliche Intelligenz entwickelt, sind neue Strategien im Umgang mit dem Internet gefragt.

Corona-Krise

Die Corona-Krise, die die Menschen nun vehement in die digitale Welt treibt, um nicht zu vereinsamen, macht das Festival doppelt aktuell. Die HAU-Intendantin Annemie Vanacke steht bei ihrer Begrüßungsrede per Live-Video vor einem leeren Zuschauerraum: "Als wir das Programm für "Spy on me" Nummer Zwei übers letzte Jahr hinweg aufgestellt haben, hatten wir noch keine Ahnung, welche neue Relevanz der Einführungstext haben würde. Aber dann mussten wir unsere Pläne ändern. In den letzten neun Tagen haben wir neue Manöver für die digitale Gegenwart mit jenen Künstlern erarbeitet, deren Projekte an eine digitale Ausgabe angepasst werden konnten."

Ratlos zurückgelassen

Man mag es zunächst passend finden, dass das Festival nun ins Internet abwandern musste. Aber von Alternativen, von Manövern für die digitale Gegenwart ist in der zwangsweise reduzierten Netz-Variante dann nur wenig zu finden.

Das erste Wochenende bestreitet das internationale Künstlerkollektiv "dgtl fmnsm" mit seinen assoziierten Gruppen. Und präsentiert dabei wenig anderes als das, was ohnehin schon en masse im Netz herumschwirrt: einen Facefilter-Workshop etwa, bei dem man lernt, Gesichter digital zu verändern – und stundenlange Live-Chats mit viel Leerlauf und wenig Professionalität.

Ratlos lässt einen auch die animierte Tour zurück, die zu elektronischen Klängen durch den Raum führt, in der das offline-Programm stattgefunden hätte. Dass all diese Beiträge nun ausgerechnet auf dem Videoportal YouTube gestreamt werden, das zur Datenkrake Google gehört, hatte James Bridle schon in seinem Eröffnungsvortrag kritisiert – ein Alternativprogramm zur digitalen Gegenwart sieht anders aus.

Sehnsucht nach körperlicher Nähe

Aufschlussreich dann aber das dreistündige Gespräch mit dem Titel "Ten Easy Steps on How to lose your Reality System" also: "Zehn einfache Schritte, um dein Realitätssystem zu verlieren". Mit diesem Thema hatte der Chat zwar nichts zu tun, doch die nachdenklichen Menschen, die hier inkognito zusammenkommen, sprechen in Zeiten der sozialen Isolation vor allem über ihre Sehnsüchte nach körperlicher Nähe, die das Internet nicht erfüllen kann. Zumindest nicht bei Erwachsenen.

Ein Teilnehmer erzählt: "Ich habe einen Artikel darüber gelesen, wie Kinder in Dänemark das ipad benutzen. Wir betrachten das als unkörperliche Bewegung. Kinder, die mit dem ipad aufgewachsen sind, können das Körperliche im abstrakten ipad-Raum viel besser wachrufen. Vielleicht sind wir also nur ein paar Jahre zu alt dafür!"

Kein Ersatz

Wie könnte eine "Sprache der Liebe" im Internet aussehen, angelehnt an Gary Chapmans Paartherapeuten-Klassiker "Die fünf Sprachen der Liebe", fragten sich die Teilnehmer – während ihnen auf Youtube gerade einmal 15 Menschen zuhörten. Die Energie der Körper im Raum – sie sei durch eine Online-Party zum Beispiel nicht zu ersetzen: "Gestern war ich auf ein paar Online-Partys. Mit einem Live-DJ und einem Avatar. Letzten Endes saß ich aber immer noch in meinem Wohnzimmer. Es war keine Party. Dafür muss man den Bass im Körper spüren, den Rhythmus. Die Energie zwischen den sozialen Körpern im Raum."

Online-Festivals, das ist womöglich die wichtigste Aussage von "Spy on Me" bislang, werden das reale Theater, bei dem sich Menschen körperlich in einem realen Raum begegnen, zum Glück nie ersetzen können.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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