Staatstheater Cottbus: "Antifaust" © Marlies Kross/Theaterfotografin
Marlies Kross/Theaterfotografin
Bild: Marlies Kross/Theaterfotografin

Staatstheater Cottbus - "Antifaust"

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Jo Fabian wird seinen Posten als Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus verlieren, doch sein wichtigstes Projekt hat er umgesetzt. Er hat seiner gefeierten "Faust"-Inszenierung vom Herbst 2019 einen "Antifaust" entgegengesetzt.

Staatstheater Cottbus: "Antifaust" © Marlies Kross/Theaterfotografin
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Die Idee klingt verlockend. Da nichts auf dieser Welt ohne sein Gegenteil wahr ist, möchte Jo Fabian Goethes Drama kommentieren. Sein "Antifaust" ist kein Stück im eigentlichen Sinn, sondern eine Textfläche, die seine "Faust I"-Inszenierung vom vorigen Herbst weiterdenkt. Dort zeigt er den Helden als nationales Kulturgut: Faust steht in einem Museum auf einem Sockel - nicht als Denkmal, sondern als 3D-Multimedia-Installation. Er kann sich bewegen und erlebt verschiedene Stationen von Goethes Drama, aber der Rahmen "Museum" schafft Distanz. – Und genau darum geht es dem Regisseur: Für ihn ist Faust eine deutsche Ikone, eine Figur, die für das Streben nach Überlegenheit steht. Und dieser Figur möchte er etwas entgegensetzen – keinen neuen Helden, sondern ein Stimmengewirr.

Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr

Nebelschwaden wabern über die Bühne. In der Mitte steht ein rundes Gerüst, das sich permanent im Kreis dreht. Die Figuren, die darauf sitzen, sind nicht zu erkennen. Sie blicken nach innen, wuseln hin und her, murmeln und schreien. In der Mitte stehen Musiker, die für eine düstere Soundkulisse sorgen, und ganz oben auf dem Gerüst thronen ein Engel im leuchtend weißen Kostüm und der Teufel ganz in Schwarz. Gut und Böse, Hell und Dunkel – das ist das Kraftfeld, in dem sich alles vollzieht. Wenn die Figuren sprechen, werden ihre Gesichter auf Bildschirme übertragen. Wir erkennen, dass sie wie Jesus-Jünger gekleidet sind. Auch die Frauen tragen grobes Leinen und Tücher über dem Kopf. Später tauchen auch Menschen in Uniformen und Krankenschwestern auf, doch die Symbolik wirkt über weite Strecken sehr religiös.

Dabei ist Religion eigentlich nicht das Thema. Die Gemeinschaft, die auf dem Gerüst zusammensitzt, hält Gericht – erst über Faust, dann über andere Leitbilder. Es geht um Jesus, Gott und die Sintflut und um die Frage, wie man sich am besten auf die Zukunft vorbereiten kann. Gedanklich stürzt einiges durcheinander, aber es blitzen auch Sätze auf, die sich festhaken: "Faust ist nur so lange ein Gewinn, solange wir nach Gewinnen trachten", zum Beispiel. "Wenn die Zeit kommt, da wir alles verlieren werden, wird auch Faust ein Verlust sein." – Faust wird also als Exponent des Kapitalismus betrachtet, als jemand, der sich die Natur untertan macht – mit all den negativen Folgen, die wir heute kennen.

Staatstheater Cottbus: "Antifaust" © Marlies Kross/Theaterfotografin
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Leitbild-Gedanken

Er wird auch als Leitbild kritisiert. „Als die Deutschen sich über die Welt erhoben, war Faust mit ihnen“, heißt es zum Beispiel. Darüber kann man lange nachdenken. Ein Problem ist aber, dass aus diesen Sätzen auf der Bühne nichts folgt. Nichts wird weitergesponnen oder spielerisch kommentiert. Es folgt Satz auf Satz, das Gerüst dreht sich weiter, so dass am Ende alles gleichförmig wirkt. Faust trottet über die Bühne und sagt nichts. Er trägt Hörner auf dem Kopf und ist an eine Art Deichsel angebunden, die aus dem Gerüst herausragt. Es sieht also so aus, als würde er die ganze Konstruktion mit seiner Körperkraft drehen – ob er das freiwillig tut oder dazu verurteilt wurde, bleibt aber offen. Wer Jo Fabians "Faust" nicht gesehen hat, wird ihn nicht einmal erkennen. Nur wer weiß, dass Axel Strothmann in der ersten Inszenierung Faust war, wird die Anspielung verstehen. Auch Boris Schwiebert, der zuerst den Mephisto spielte, ist dabei. Er ist der Teufel und schwebt mit weit ausgebreiteten Flügeln über dem Geschehen – doch viel zu sagen hat auch er nicht.

Es geht nicht um Figuren und Konflikte, sondern um Bilder und Stimmungen. Jo Fabian bezeichnet die Inszenierung theatrale Installation. Das Gerüst dreht sich immer weiter, man kann die Figuren von verschiedenen Seiten betrachten, aber was sie sagen, rauscht über weite Strecken vorbei – zu verquast, zu abgehoben, zu wenig mit konkreten Bildern verbunden. Obwohl es immer wieder Sätze gibt, die aus der Textfläche hervorleuchten, wirkt der Abend langatmig und beliebig.

Oliver Kranz, rbbKultur

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