Schaubühne am Lehniner Platz © Gianmarco Bresadola
Gianmarco Bresadola
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Schaubühne am Lehniner Platz | Online - "Zwangsvorstellungen"

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Wer jemals versucht hat, Karten für die Berliner Schaubühne zu ergattern, der konnte nur frustriert sein – alles immer sofort ausverkauft. Jetzt hat das Theater sein Videoarchiv geöffnet und präsentiert unter dem Titel "Zwangsvorstellungen" jeden Abend einen Hit aus aktuellen und vergangenen Spielplänen. "Hamlet" mit Lars Eidinger ist dabei, aber auch Klassiker von Peter Stein und Andrea Breth.

"Trust" war bereits als eine der ersten Aufzeichnungen online zu sehen. Falk Richter hat den Abend nicht nur inszeniert, sondern auch den Text geschrieben. Dieser bezieht sich auf die Situation 2009: die Welt direkt nach der Finanzkrise. Finanz- und Beziehungskrise spiegeln sich hier gegenseitig. "Trust" steht für "Vertrauen" in einen Menschen, aber auch für "Treuhand" in der Finanzsprache.

Stücke der Stunde

Beim nochmaligen Sehen geht einem jedoch auf, dass hier eines der Stücke der Stunde gezeigt wird. Man kann die Inszenierung viel universeller lesen, vor allem in unserer Ausnahmezeit: als Abend über emotionale Krisen, über Vereinzelung, über fehlende Nähe – die, so heißt es passenderweise einmal, nicht durch soziale Medien, durch Facebook zu ersetzen ist. Es ist eine Zusammenarbeit mit der Tanz-Companie von Anouk van Dijk – sehr berührend, wie die Körper sich versuchen zu halten, fallen, aneinander zerren, weil sie die innere Leere füllen wollen, aber selbst nichts zu geben haben. Weil jeder Beziehung lebt wie einen Bankvertrag: Was will ich investieren, wie viel hab ich davon? Eine Inszenierung, die emotional sogar mehr bewegen kann als noch vor elf Jahren.

Überrprüfung des eigenen Blicks

Es ist also unbedingt empfehlenswert, auch Inszenierungen zuhause anzuschauen, die man live bereits gesehen hat. Vor allem über sich selbst lernt man vieles, wenn man den eigenen Blick noch einmal überprüfen darf. Im Live-Theater ist ohnehin jeder Abend anders, doch auch die Aufzeichnung zeigt, wie man bekannte Sätze neu wahrnimmt. Wie stimmungs- und situationsabhängig dieses Medium ist.

Die Inszenierungen sind leider immer nur einen Abend lang von 18.30 bis Mitternacht abrufbar, "Trust" ist also bereits "abgespielt". Dafür ist am 5. April jedoch "For the Disconnected Child" zu sehen, ebenfalls von Falk Richter. Mit den Musikern der Berliner Staatskapelle und der wunderbaren Ursina Lardi.

Die "Zwangsvorstellungen" laufen zunächst bis Mitte April und besonders die richtig alten Inszenierungen, die man sonst nirgends zu sehen bekommt, sind dabei empfehlenswert. Am 26./27.3. läuft "Peer Gynt" in der Inszenierung von Peter Stein. Ohnehin stehen viele Stein-Abende aus der Schaubühne auf dem Programm. Am 31. März folgen "Die Backchen" von Klaus Michael Grüber. Doch auch Luc Bondy und Andrea Breth werden gezeigt, zudem abgespielte Arbeiten von Thomas Ostermeier.

Überfällige Archiv-Öffnung

Man mag es nicht besonders kreativ von der Schaubühne finden, schlicht alte Videos online zu stellen. Andere Theater schalten live in die Wohnzimmer ihrer Spieler und lassen sie einen ganzen Abend lang in Echtzeit performen. Doch diese Archiv-Öffnung ist für Zuschauer überfällig – und wichtiger, als dass die Theater nun mit Schnellschüssen halbgare Livestreams von kleinen Solo-Performances senden und so notdürftig die Digitalisierung nachholen. Von Schnipseln und Splittern ist das Netz übervoll. Und es ist nicht so, als stünden in Bibliotheken Theateraufführungen so selbstverständlich im Regal wie Bücher. Auch das Fernsehen zeigt kaum noch Theateraufzeichnungen.

Eine eimalige Gelegenheit

Man könnte dieses Einfrieren des Theaters andererseits auch für ein Vergehen am Live-Medium Theater halten, das nun einmal von der direkten körperlichen Erfahrung lebt. Und natürlich: Eine Aufzeichnung wird das Erlebnis einer Aufführung nie ersetzen können. Hätte man die Wahl, Botho Strauß’ "Schlusschor" in Luc Bondys Regie auf dem Bildschirm zu sehen oder an der Schaubühne – dann würde man selbstverständlich die Schaubühne vorziehen müssen.

Doch es gibt diese Abende nun einmal nicht mehr live. Für Menschen, die sich für Theater interessieren, ist es unglaublich erhellend, zumindest einen visuellen Eindruck davon zu bekommen, was in den 1960ern, 1970ern, 1980ern State of the Art im Theater war – und nicht nur darüber in Büchern zu lesen. Immer wieder verblüffend, wie klug, wie wenig verstaubt, wie komisch diese alten Inszenierungen oft daherkommen.

Die Isolation nutzen

Wir leben, nicht nur im Theater, in einer schnelllebigen Zeit, in der so oft nur das Jetzt gilt. "Geschichtsvergessen" sagt man. Da lässt sich die momentane Isolation nutzen, um zu erforschen, was es auf dieser Welt alles schon gibt. Was man an Schätzen bergen und weiterdenken kann.

Deshalb sind die aktuellen Inszenierungen online die uninteressantesten. Alles, was im Repertoire noch zu sehen ist, "Hamlet" etwa, "Richard III.", "Rückkehr nach Reims", sollte man, wenn es dann wieder möglich ist, am besten live anschauen.  

Barbara Behrendt, rbbKultur

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