Strauss: Spielplanaenderung © Klett-Cotta
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Theater-Sachbuch - "Simon Strauß: Spielplanänderung!"

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Simon Strauß ist ein junger Autor und Theaterredakteur bei der FAZ, der sich über die "Einfallslosigkeit" der Theaterspielpläne ärgert. Deshalb hat er 2019 eine Serie in seiner Zeitung gestartet: Bekannte Persönlichkeiten stellen vergessene Theaterstücke vor, die man statt der altbewährten Klassiker spielen sollte. Jetzt ist das Buch zur Serie erschienen: "Spielplanänderung! 30 Stücke, die das Theater heute braucht".

Viele Zuschauer und Kritiker, aber auch Theaterkünstler, so Strauß, seien enttäuscht vom Theater. Den Autor verwundert, dass gerade das deutsche Theater, das staatlich so hoch subventioniert wird, wie kein anderes auf der Welt, in der Stoffwahl so wenig experimentiert, sondern stets dieselben Klassiker auf den Spielplan setzt: Lessing, Schiller, Ibsen, Tschechow. Oder aber Bearbeitungen von Roman- und Filmstoffen.

Sein Vorwurf: Theater setzten zwar strukturell inzwischen auf Vielfalt, indem sie mehr Frauen und Menschen mit diverseren Herkunftsgeschichten ins Ensemble integrierten, doch in der Auswahl der Stoffe seien die Häuser völlig einfallslos. Das liege auch an den schwachen dramaturgischen Abteilungen, die sich zu reinen Organisatoren degradieren ließen und keinerlei literarische Entdeckungen präsentierten. Dabei sei es die Aufgabe der Theater, die Schätze der Dramengeschichte zu heben und andere Stoffe zu wagen.

Mainstream, wohin man blickt

Der von Strauß beschriebene Zustand ist tatsächlich unübersehbar. Die Dramaturgien organisieren und verwalten – doch intellektuelle Köpfe voller Dramenschätze, die auf Augenhöhe mit dem Regisseur agierten, gibt es dort (bis auf wenige Ausnahmen) längst nicht mehr. Aus Angst vor weiterem Bedeutungsverlust setzen die Theater auf große Namen und bauen sich so ihre Nummer-Sicher-Spielpläne. Mainstream, wohin man blickt.

Immer dieselben zehn Autoren

Die Folge: Das literarische Theater gilt als völlig öde. Kein Wunder, werden doch immer nur dieselben zehn Autoren gespielt. Also überschreibt man Dramen, verquirlt drei Stücke zum großen Event oder entwickelt Projekte mit den Biografien der Spieler, macht dokumentarisches Theater oder freie Performances. Das kann hochspannend sein – doch wird niemand widersprechen, dass dem Theater das historische Bewusstsein völlig weggebrochen ist. Auf den Seitenwegen des Dramenkanons ist niemand mehr unterwegs. Keiner würde für einen vergessenen Autor eintreten – zu gewagt, zu abseitig wäre das. 

Viele vergessene Weltautoren

Strauß lässt viele Weltautoren vom 17. Jahrhundert bis heute vorstellen. Von Lope de Vega über Gryphius, Kotzebue, Hebbel, Grillparzer bis hin zu George Bernhard Shaw, Ferenc Molnár oder Peter Hacks. Auch einige unbekanntere Namen sind darunter: die Norwegerin Dagny Juel oder der jüdische Autor Salomon Ansky.

Die Stoffe selbst sind in der Tat fast vergessen. Höchstens Marieluise Fleißers "Der starke Stamm" ist noch ein Begriff oder Else Lasker-Schülers "Die Wupper". Mit etwas Recherche zeigt sich, dass die Dramen in den 1950er bis 1970er Jahren noch Bühnenhits waren. Stücke von Jean Anouilh etwa, von Alexander Ostrowski und Marina Zwetajewa. Auch Pablo Picassos surrealistisches Stück "Wie man Wünsche beim Schwanz packt" stand damals durchaus mal auf dem Spielplan.

Die Exhumierung mancher Stücke

Man kann selbstverständlich keine Garantie abgeben, dass diese Stoffe heute noch auf der Bühne funktionieren. Dazu bräuchte man die entsprechenden textinteressierten Regisseure – und womöglich würde die Exhumierung mancher Stücke, wie man so sagt, nur deren Tod bestätigen. Trotzdem könnte man es versuchen, es gibt schließlich nichts zu verlieren.

Mehr als das, was Strauß bereits in seiner FAZ-Serie veröffentlicht hat, enthält das Buch allerdings nicht. Etwas weniger sogar – die Serie hatte 40 Stücke vorgestellt, im Buch sind es 30. Vieles kann man sogar noch online nachlesen. Doch das Buch sortiert die Dramen übersichtlich nach Jahrhunderten, zudem sind kleine Szenen abgedruckt, um einen Leseeindruck zu bekommen.

Beste Beschäftigung in der Isolation

Es lässt sich schön darin schmökern und blättern – auch, weil Strauß beste Gewährsmänner und -frauen gefunden hat. Fabian Hinrichs etwa schreibt eine wunderbare Liebeserklärung auf Lord Byrons "Sardanapal". Sasha Marianna Salzmann macht leidenschaftlich Lust auf "Automatenbüffet" von der jüdischen Autorin Anna Gmeyner. Auch Burghart Klaußner empfiehlt ein Stück, Daniel Kehlmann, Johanna Wokalek.

Der Erscheinungstermin passt nun (zufällig) bestens: In der Corona-Isolation haben Dramaturgen, Regisseure und Intendanten so viel Zeit wie selten, um lesen und Schätze ausgraben zu können.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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