Winterreise im Olympiastadion © Ruth Walz
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Schaubühne am Lehniner Platz | Online - "Winterreise im Olympiastadion"

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Klaus Michael Grübers "Winterreise im Olympiastadion", 1977 an der Berliner Schaubühne uraufgeführt, ist eine Inszenierung, von der Zeitzeugen heute noch sprechen. Die Schaubühne zeigt die Produktion nun als Aufzeichnung – endlich können sich auch jüngere Theaterfreunde ein Bild machen.

 

"Legendär" gilt die Produktion schon allein des Ortes wegen. Sie wurde fürs Berliner Olympiastadion konzipiert. 800 Zuschauer durften pro Abend mit dabei sein – bei damals 87 000 Stadion-Sitzen verschwindend wenig. Es war Teil des Konzepts: Ein Gefühl von Verlorenheit sollte sich im Publikum einstellen.

Grüber hatte zuvor schon ungewöhnliche Orte bespielt: eine Berliner Messehalle etwa und eine Pariser Kirche. Er galt als bild- und geheimnisstarker Regisseur, Gegenpol zum analytisch genauen Peter Stein. Als herausragend wurde auch bei dieser Arbeit seine Art beurteilt, Bilder zu kreieren. Hinzu kommt die unwirtliche Spielstätte, die dunklen Winterabende im Stadion, die Unwiederholbarkeit dieser nur acht Aufführungen im Dezember 1977. Der zweite Teil des Titels lautet zudem: "Textfragmente aus Hölderlins Roman 'Hyperion oder der Eremit in Griechenland'"– es wurden also Texte vom sprachmächtigen, schwerst verstehbaren Hölderlin gesprochen, geheimnisumwoben. All das führte dazu, dass die Inszenierung als legendärer Kultabend in die Theatergeschichte einging.

Hoch politisch

Im Stadion treten nicht nur Schauspieler wie Libgart Schwarz und Willem Menne auf, sondern auch Sportler. Sie drehen ihre Runden auf der Laufbahn; andere üben Stabhochsprung oder überwinden Hürden. Auf der leeren Tribüne gegenüber der Zuschauer sieht man große Kreuze aufgestellt zum Gräberfeld. Im Wind fliehen Fahnen, Jeeps verfolgen mit Suchscheinwerfern die Sportler. Zeltlager sind aufgeschlagen, aus denen Rauch dringt. Penner drängen sich an einer Würstchenbude. Bälle werden nicht in ein Fußballtor gekickt, sondern auf eine kleine Nachbildung des Tors am Anhalter Bahnhof – Sinnbild für die besiegte Hauptstadt im Dritten Reich. Das alles zeigt, dass der Abend neben aller Bildästhetik auch hoch politisch angelegt war.

Anspielungen sind derer viele. Zum einen das Stadion selbst, das Hitler 1936 für seine faschistischen Olympiaden erbaut hat, die zwölf Jahre lang stattfanden. Dann der Titel "Winterreise": Name für die erste große Antiterror-Polizeiaktion in der Bundesrepublik. In der Aufzeichnung sind RAF-Fahndungsplakate zu sehen, wir befinden uns schließlich im Winter nach dem "Deutschen Herbst".

"Winterreise" klingt jedoch auch nach Schuberts Liederzyklus – das passt wiederum zu Hölderlins einsamem Wanderer Hyperion, der als Eremit in Griechenland aus seinem unerfüllten Leben erzählt. Teil dieser Erzählung ist eine Standpauke, die Hyperion den Germanen hält, den "allberechnenden Barbaren".

Keine leichte Kost

Eine Inszenierung also über das Deutschland der 1970er Jahre mit RAF, Ost-West-Teilung – doch auch der faschistischen Vergangenheit und der Paradoxien zwischen Massenmord und klassizistischer Griechenlandsehnsucht. Eine komplexe, verrätselte, auch statische Arbeit, die keine nachvollziehbare Geschichte erzählt.

Heute ist all das ohne Hintergrundwissen allein beim Blick auf den Bildschirm schwer verstehbar. Theater ist eben stets auch an Zeitgeschichte, Menschen der Gegenwart gebunden. Andererseits war die Aufführung auch damals keine leichte Kost, wie man den Premierenkritiken entnehmen kann.

Kraftvolle Bilder

Man sollte am Bildschirm nicht so sehr versuchen, das Geschehen zu verstehen, sondern die Kraft der Bilder auf sich wirken lassen. Die Einsamkeit des Wanderers, der nicht zu den Kämpfern im Zelt gehört, die davon reden, aufräumen zu wollen auf Erden, das Unkraut an der Wurzel durchzuschneiden – aber auch nicht zu den pöbelnden Menschen am Würstchenstand. Eindrücklich, wie hier jemand seinen Weg sucht in einer von Terror, Krieg, Staatsgewalt geprägten Gesellschaft.

Die Aufzeichnung selbst zumindest macht es einem leicht – es ist keine abgefilmte Aufführung, sondern eine eigene Fernsehproduktion von 70 Minuten, bei der man den Spielern im Stadion durchaus nah kommt. Allerdings machte sich die Verlorenheit im gigantischen, leeren, eiskalten Stadion, viele Meter weit weg von Spielern und Sportlern, sicher ganz anders körperlich bemerkbar als zuhause im warmen Wohnzimmer.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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