Wut © Thomas Aurin
Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin

Münchner Kammerspiele | Online - "Wut"

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Eines der wenigen guten Dinge in diesen Zeiten: Man kann Theater aus ganz Deutschland anschauen, wenn auch nur auf dem Bildschirm. Heute geht die virtuelle Reise an die Münchner Kammerspiele. Fast auf den Tag genau vor vier Jahren feierte dort Elfriede Jelineks Stück "Wut" seine Uraufführung.

Jelinek schrieb es als Reaktion auf die tödlichen Anschläge auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Paris 2015. In ihren Stücken geht es jedoch nie nur um ein einzelnes Ereignis, sie kalauert sich in den Textströmen oft vom Hütchen zum Stöckchen. Die islamistischen Attentate in Frankreich sind in "Wut" Ausgangspunkt, um sich religiösen Gruppen zu widmen, die im Namen ihres Gottes töten.

Hin zu all jenen Gruppierungen, die aus blindem Hass heraus sinnlos Gewalt ausüben. Es kommen Antisemiten zu Wort, IS-Kämpfer, AfD-Wähler, Wut-Bürger, radikale Katholiken – aber auch der antike Herakles, der seinen Zorn an der eigenen Familie auslässt. Es ist nicht immer klar, wer spricht, sicher ist nur: Jeder meint, im Recht zu sein. Die Wut der Fanatiker und der sich Zukurzgekommen-Fühlenden, die Jelinek beschreibt, ist zeitlos – leider.

Steman als großer Jelinek-Regisseur

Dieser Text-Steinbruch ist, wie immer bei Jelinek, nicht leicht in den Griff zu kriegen – ein Regisseur muss daraus den eigenen Abend zurechtsortieren. Dabei gibt es zwei Methoden: Man kann fokussieren, sich einzelne Themen herausgreifen und unters Brennglas legen. Oder aber man schüttet den ganzen Sack voll Assoziationen, Aspekten, Kalauern auf der Bühne aus und wühlt sich durchs Material.

Nicolas Stemann macht letzteres. Er gilt als einer der großen Jelinek-Regisseure, weil er beherzt kürzt, aber auch neu arrangiert, hinzufügt. Er benutzt den Text als Szenenmaterial, das er auf der Bühne mit den Schauspielern auffächert und fortschreibt. Unübersichtlich und überfordernd, ganz bewusst.

Slapstick und Trash

Auf der Bühne präsentiert er das als bombastische, musikalische Revue. Ins Publikum führt eine breite rote Showtreppe – hier sitzen die Spieler und lesen ihren Text aus dem Textbuch. Die meiste Zeit aber breiten sie sich quer über die Bühne aus – vieles läuft parallel: Ein Schauspieler verkleidet sich etwa als Friedenstaube, ein anderer bekleckst ihn mit roter Farbe, vorne spricht jemand eine Passage, Stemann, der selbst mitspielt, ruft, auf welcher Seite man sich gerade befindet. Auf einer Leinwand werden Schauspieler per Video übertragen, dazu spielt jemand Klavier.

Die meisten Szenen bestehen aus Slapstick und Trash: Jesus feiert eine Party mit Buddha, Zeus, Ganesha, dem Weihnachtsmann und dem fliegenden Spaghetti-Monster. Ein gewisser "Mo" taucht im Goldröcken auf und darf selbstredend auf keinen Fall als Mohammed interpretiert werden: Mache dir kein Bildnis! Alles ist ganz im Geiste der Postdramatik inszeniert: keine Figuren, alle Spieler lesen den Text aus ihren Textbüchern vor. Dreieinhalb Stunden lang.

Elfriede Jelinek, Wut, Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin

Die Uraufführung hat polarisiert

Bei der Uraufführung hat der Abend die Presse polarisiert: Manche nannten ihn reinsten Dschungelcamp-Trash – andere sprachen von kluger, diskursiver Unterhaltung. Stemans Anliegen war es, das Stück im Geiste von Charlie Hebdo als Satire inszenieren. Doch vor allem in der ersten Hälfte bleibt zu wenig Wut und zu viel Gewitzel. Die zweite Hälfte wird hingegen deutlich schärfer.

Man konnte zuvor mutmaßen, ob sich das Stemannsche Format vielleicht sogar gut ins Wohnzimmer übertragen ließe: die lockere Szenenfolge ohne Pause, in der die Zuschauer im Saal einfach aufstehen und sich etwas zu trinken holen – beinahe wie zuhause auf der Couch. Doch die Erfahrung zeigt: Am Bildschirm gerät man nicht in jenen Flow, den Stemanns Inszenierungen im besten Fall entwickeln. Musik, Action, Zuschauer, die auf die Bühne geholt werden – ähnlich wie bei einem Rock-Konzert muss man schlichtweg im Saal sein, um Teil des Ereignisses zu werden.

Zudem improvisiert Stemann tagesaktuell – da wirkt die Aufzeichnung von 2016, bei der von der Terrorgruppe Freital die Rede ist, die an eben jenem Tag hochgenommen worden ist, beinahe historisch alt. Jelineks Text ist noch dazu zwischendurch hoch komplex, volle Konzentration ist nötig, die sich am Bildschirm schwer einstellt.

Tipp: sich nicht die ganzen dreieinhalb Stunden vornehmen, sondern lediglich die zweite, deutlich stärkere Hälfte mit voller Konzentration. Dann stellt sich auch am Bildschirm etwas von der Spannung dieser Uraufführung ein.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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