Lars Eidinger in einer Theaterszene aus Shakespeares Hamlet © dpa/Evie Flylaktou/Athens Festival/EPA/_ANA-MPi
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Schaubühne am Lehniner Platz | Aufzeichnung Online - "Wiedergesehen: Hamlet"

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Die Schaubühne ist geschlossen und hat auf Kurzarbeit umgestellt. Die Stimmung am Haus, das sagte Intendant Thomas Ostermeier in einem Interview, sei gedrückt und ratlos. Einziger Grund zur Freude sind die hohen Click-Zahlen bei den Inszenierungsaufzeichnungen, die das Theater online für jeweils einen Abend zur Verfügung stellt. Auch Ostermeiers "Hamlet" mit Lars Eidinger in der Titelrolle steht nun auf dem Online-Spielplan.

Ein hyperaktiver Loser

Seit zwölf Jahren läuft "Hamlet" vor ausverkauftem Haus. Karten zu bekommen ist so gut wie aussichtslos. Eine hoch unterhaltsame Inszenierung, in der ein verzweifelter Rebell, der sich für keine Peinlichkeit zu schade ist, die korrupte Welt vorführt. Keine Insider-Veranstaltung – sondern ein Abend, der als cool gilt, weil Hamlet kein entrückter Zweifler ist, sondern ein hyperaktiver Loser unserer Tage. Und der global verstanden wird: "Hamlet" wurde in über 30 Städten weltweit gespielt, von Athen über Sydney, Moskau, Seoul bis nach Ramallah und Jerusalem.

Eidinger die Rampensau

Je mehr Eidinger durch seine Filme, seine Social-Media-Präsenz, seine Musik zum Mädchen-Schwarm geworden ist, umso kultiger wurde die Inszenierung. Es ist seine Paraderolle – das trauernde dicke Trotzkind Hamlet im Fatsuit, das immer Essen in sich hinein stopft. Das erst irre spielt und dann tatsächlich immer verrückter wird, physisch über seine Grenzen geht. Man spürt, dass vieles von Eidinger selbst eingeflossen ist – etwa die Szenen, wenn er den DJ-Hamlet gibt, Songs performt. Das sind, so sagt er, seine eigenen Ideen. Diese unverbesserliche Rampensau Eidinger genießt es sichtlich, sich an den Rand des Wahnsinns zu spielen. Seit 336 Aufführungen. Unglaublich.

"Hochglanz-Tourneetheater"

Ein Fehler, dass die Inszenierung bei Kritikern damals lediglich achselzuckend zur Kenntnis genommen wurde. Vor allem in Berlin steckte man 2008 mitten im Hype um das diskursive Labortheater, die Dekonstruktion – Theater sollte alles tun, bloß kleine Klassiker ernst nehmen und noch dazu auf unterhaltsame Weise. Unter dieser Kritiker-Malaise hat das realistische, psychologische Theater von Ostermeier viele Jahre gelitten. Man hat seine Inszenierungen lange abgetan als "Hochglanz-Tourneetheater". Als sei der Rest der Welt, der diese Abende feiert, dümmer als wir Deutschen.

Sein "Hamlet" ist kein Meisterwerk, andere Ostermeier-Inszenierungen wirken genauer, menschenklüger. Hier arbeitet er mit (zu) zahlreichen Mitteln: Slapstick, Kameras, ständigem Rollenwechsel, Erd- und Blutschlachten. Alle Figuren sind lediglich Stichwortgeber für Hamlet – das liegt an Eidinger, doch es passt auch zu Hamlet, der die Regie über das Spiel übernimmt, weil er besser denken kann als die anderen.

Eidinger improvisiert und provoziert

Die Aufzeichnung stammt von 2008, vom Gastspiel in Avignon, kurz nach der Premiere. Im Lauf der Jahre hat sich die Inszenierung stark verändert – ein theaterhistorisch spannender Vorgang. Der Abend hat an der Schaubühne heute eine Länge von zwei Stunden 45 – in Avignon war er 20 Minuten kürzer, da Eidinger damals noch kaum mit dem Publikum interagiert hat. Heute macht das einen großen Teil des Kults aus: Eidinger improvisiert, provoziert die Zuschauer – meist in seiner Rolle. Das wirkt manchmal schrecklich eitel, doch es ist auch unglaublich schlagfertig. Eidinger spielt nie auf Nummer sicher, er liefert sich jeden Abend mit Haut und Haar aus. In seinem Spiel ist er inzwischen differenzierter, feiner, sicherer geworden. In der Aufzeichnung wirkt er gröber, weniger gewitzt. Und auch äußerlich hat sich die Inszenierung verändert: drei der sechs Spieler von damals sind nicht mehr dabei – Stefan Stern, Sebastian Schwarz und Judith Rosmair. Ein Verlust.

Aufzeichnung ist kein Ersatz

Die Aufzeichnung kann ein wenig darüber hinweg trösten, den "Hamlet" derzeit nicht live sehen zu können – ein Ersatz ist sie nicht. Die Bildqualität ist nicht besonders gut und die Wirkung vieler ästhetischer Mittel wie der Einsatz von Kamera, Projektionen, Vorhängen überträgt sich abgefilmt eher schlecht.

Trotzdem schaut man Eidinger auch auf dem Bildschirm gern dabei zu, wie er mit irrem, kaltem Witz die Menschen wie Marionetten führt – und sich dabei mehr und mehr selbst verliert. Eine Lieblingsszene: Wenn Laertes Hamlet am Ende zum Duell auffordert und der dicke Prinz mit großem Ernst einen Plastiklöffel statt eines Floretts zwischen die Finger nimmt und sich in den Kampf stürzt. Immer wieder anrührend.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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