MetamorphosIn
Arno Declair
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DT Jugendclub - Metamorphos*in

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Wenn Jugendliche sich im Jugendclub eines Theaters anmelden, dann deshalb, weil sie auf der Bühne stehen und spielen wollen. Schweißtreibende Proben, Anspannung, Lampenfieber, Zuschauerblicke – das ganze Programm eben. Die Jugendlichen vom "Jungen Deutschen Theater" spielen nun trotz Corona tatsächlich live im Theaterhaus – doch die Zuschauer sind nur virtuell anwesend, am heimischen Laptop.

Ursprünglich war das Projekt mit dem Titel "Metamorphos*in" ausgeschrieben als eines über Verwandlung, Travestie und Drag-Kunst. Verhandelt an Ovids Metamorphosen – darin sind es die Götter, die andere zum Schutz oder zur Bestrafung in Tiere, Pflanzen, Steine verwandeln. Welche zehn jungen Leute ab 16 letztlich mitmachen dürfen, wird nicht gecastet, sondern ausgelost. Normalerweise entwickelt der Projektleiter Lasse Scheiba dann mit den Spielern über ein halbes Jahr eine Performance, die drei Mal in der Box des DT gezeigt wird.

Schaupieler spielen in ihren Garderobenräumen

Trotz Corona wollten die Jugendlichen live spielen – und haben, den geschlossenen Schulen sei Dank, dafür täglich miteinander am Bildschirm geprobt. Nun spielen sie tatsächlich aus acht Garderobenräumen des Theaters. Jeder sitzt allein an seiner Kamera, sichtbar nur für die Zuschauer zuhause – so können alle Abstandsregeln eingehalten werden.

Als Zuschauerin bewegt man sich frei, kann mit einem Klick in ein anderes Zimmer schalten. Angelegt ist das als Weiterbildung: Nach der Anmeldung für die Performance bekommt man eine Bestätigung von der "Olymp GmbH" geschickt für das "Fortbildungsprogramm Labyrinth", das uns Auswege aus der Krise zeigen will. Das sorgte wohl zunächst für Verwirrung – nach ein paar Stunden die nächste Mail: das sei kein Spam, sondern Teil der Inszenierung.

Besucher sind per Chat dabei

Auf der Website der Olymp GmbH, auf die man am Abend gelangt, sind die Kursleiterinnen und -leiter aufgelistet: Selbsterkenntnis-Workshop beim selbstverliebten Narcissus, Führungskompetenz mit Ariadne, die mit dem roten Faden in der griechischen Mythologie. Ihr Vater, der Gott Minos, macht mit "Hygiene und Kontrolle" reinen Tisch. Bei ihrer Mutter Pasiphae, die mit einem Stier das Halbwesen Minotaurus gezeugt hat, steht das Liebesleben im Zentrum. Per Chat kann man mit den Leitern in Kontakt treten – und das sollte man auch, da das Spiel sonst nicht vorangeht. Zudem darf man anrufen, um live von sich zu erzählen.

Metamorphosen © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Oberflächlich betrachtet geschieht in diesen Zimmern genau das, was der Kurstitel verspricht. Pallas leitet ihren Optimierungskurs zwischen Sportgeräten und Pokalen als Fitnesstraining an. Pandora sitzt mit rosa Perücke vor Goldvorhängen und zeigt im Konsum-Seminar, wie man sich glücklich kauft. Pasiphae liegt mit ausladendem Dekolleté und roter Federboa auf dem Bett und fragt, wie oft wir masturbieren. Narcissus, ein Jüngling mit goldener Krone und Herzchen auf den Wangen, nennt uns "little angels" und möchte Selbstliebe lehren. Zwischen zwei bis zehn Besucher tummeln sich virtuell in einem Raum und beteiligen sich rege, chatten, rufen an. Wechseln oft den Raum, man will schließlich nichts verpassen.

Aufwändig und liebevoll gestaltet

Darunter liegt jedoch die Frage, welche Machenschaften die Olymp GmbH mit Zeus und Hera an der Spitze verfolgt. Eine Störfigur, die Putzfrau, dringt in die Chats und die Zimmer und verrät, dass Ikarus, der nur angeblich der Sonne zu nah gekommen und verbrannt sei, noch lebt und eingekerkert ist. Und tatsächlich findet man einen Raum, in dem Ikarus den Weg durchs Labyrinth sucht und unsere Hilfe braucht – oder aber das Ganze ist nur ein Virus, wie Pandora warnt...

Metamorphosen © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Ein unterhaltsames Online-Game in dem unglaublich viel Kreativität, dramaturgische und technische Arbeit liegt. Aufwändig und liebevoll gestaltet – schon allein die Einrichtung der Garderoben, die Kostüme, aber auch die Webseite, das Fortbildungsprogramm. Sowie die verwebte Götter-Familiengeschichte, die Machtspiele untereinander, wenn die Figuren übereinander lästern. Überhaupt wuppen die zehn Spielerinnen und Spieler das gut – fast anderthalb Stunden müssen sie improvisieren und mit dem arbeiten, was die Zuschauer liefern. Die Metamorphose soll bei uns passieren – wir sind die Hauptfiguren, sagt Narcissus.

Ambitioniertes Projekt

Doch letztlich persiflieren die Jugendlichen hier Youtube-Clips im Stil gängiger Influencer – inhaltlich gibt das nicht sehr viel her, jedenfalls verlässt man das  Fortbildungsprogramm nicht unbedingt klüger. Auch die Ikarus-Entführungsgeschichte bleibt kryptisch – oder aber die Kritikerin war nicht zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Raum.

Trotzdem ist "Metamorphos*in" ein weit ambitionierteres Projekt als viele andere auf den Theaterhomepages. Bedauerlich, dass am Ende schlicht der Livestream abgeschaltet wird – man hätte den Jugendlichen gern live, Auge in Auge, applaudiert.

 

 

Barbara Behrendt, rbbKultur

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