Die Performance <<futurecore 2000>> eingeladen zum Performing Arts Festival 2020 Berlin. (Quelle: Jonas Fischer)
Jonas Fischer
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Festival der freien Szene - "Performing Arts Festival" – Online-Ausgabe

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Das Performing Arts Festival ist in seiner Online-Ausgabe eine ähnliche Überforderung, ein ähnliches Überangebot wie bei den Bühnen-Programmen der letzten Jahre. Man kann viele, viele Stunden lang auf der Internetseite des Festivals herumsurfen und das Angebot wächst auch noch täglich, denn alles was am Abend in LIVE-Streams oder LIVE-Video-Konferenzen zu sehen ist, wird danach als Video on demand gezeigt.

Dieses Online-Festival ist wie ein gut sortiertes Labyrinth mit vielen Lichtungen, auf denen man sich jeweils sehr lange umschauen kann. Es ist eine ungeheure Fülle an Stücken, Ideen, Projekten in Selbst-Präsentationen der Künstlerinnen und Künstler.

"Digital Showroom"

Nehmen wir als Beispiel den "Digital Showroom" mit 47 Produktionen, der an einen Adventskalender erinnert, nur dass sich hinter jeder Tür nicht nur ein Leckerli sondern eine ganze Welt verbirgt. Die zum Festival eingeladenen Künstler*innen und Gruppen zeigen sich mit Texten, Fotos und Videotrailern zu ihren Stücken und immer wieder auch mit Aufzeichnungen von Aufführungen. Allein im "Digital Showroom" kann man viele Stunden verbringen. Wobei sich durchaus das Online-Phänomen einstellen kann: nach einiger Zeit klickt man sich immer schneller durch die Präsentationen. Das Problem der Aufmerksamkeits-Spanne im digitalen Raum: das nächste Projekt ist immer die große Verlockung.

Riesige Themenvielfalt

Zumal auch die Themenvielfalt riesig ist. Da geht es z.B. um vor den Nazis geflohene jüdische Künstler, die im New York der 30er Jahre ausgerechnet das "Weiße Rössl" aufführen oder um Medea in einer Therapieeinrichtung, in der sie Mitgefühl und Mütterlichkeit lernen soll, dann aber zu einer Guerilla-Kämpferin für Selbstbehauptung wird. Eine Produktion stellt die Frage, wie wir heute leben würden, wenn Frauen die Geschichte geschrieben hätten, in einer anderen sucht ein schwules Paar seinen eigenen Weg im Liebes- und Beziehungs-Dschungel, unabhängig von den heteronormativen Vorstellungen, mit denen beide aufgewachsen sind. Sehr lustig ist, wie sich in einer anderen Produktion die Performer in die Tiere aus dem "Karneval der Tiere" von Camille Saint-Saens verwandeln.

Das Private, die Politik, das Leben in der westlichen Gesellschaft, die Frage, wie wir leben wollen und vielleicht leben könnten – alles ist dabei: Drama, Tragik, Komik und Vergangenheit, Krise der Gegenwart, Utopisches für die Zukunft.

Die Krise der Gegenwart

Wobei die Krise der Gegenwart durch einen Virus bestimmt wird. Das Corona-Virus ist das beherrschende Thema in den Videos der Künstlerinnen und Künstler mit ihren Botschaften aus ihren Wohnzimmern und in den -Konferenz-Gesprächen oder in der "Doku-Serie", die jeden Abend um eine neue Episode ergänzt wird. In der ersten Folge sollte etwa die Frage beantwortet werden, warum es in der Corona-Krise die performativen Künste überhaupt braucht. Die Antworten sind ein Ausdruck von Überforderung und Angst, Hoffnung und Mut.

Festival als Ausdruck der Krise, des Lockdown-Schocks

Auch das Online-Festival selbst, zustande gekommen nach kontroversen Diskussionen im Festival-Team, ist letztlich ein Ausdruck der Krise. Nach dem "Schock des Lockdowns", so die beiden Festivalleiterinnen Sarah Israel und Tessa Harting in der Online-Festival-Eröffnung, sei es ein "Riesen-Kraftaufwand" gewesen, die Künstler und Gruppen überhaupt sichtbar zu machen. Und die Folgen der Pandemie-Krise seien derzeit nur zu erahnen. Einen Ausblick gibt es vielleicht am Sonntag, wenn sich Berlins Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert im LIVE-Chat den Fragen zur Zukunft der Kultur nach Corona stellt, Sonntag 14 Uhr.

Empfehlung – "Doku-Serie" und "Show and tell"

Grundsätzlich empfehlenswert ist der Auftakt zur "Doku-Serie". Ein kurzer, flotter, witziger Zusammenschnitt von Künstlern, die ihre Projekte vorstellen. Beim "Show and tell"-Format werden morgen neun Künstlerinnen und Künstler ihre neuen Ideen und Konzepte präsentieren und wer sich anmeldet, kann sogar individuelle Gesprächstermine mit ihnen vereinbaren, die dann per Video-Chat oder Telefon stattfinden sollen.

Empfehlung "Introducing-Reihe" – Heiteres Ratespiel mit "Bambi Bambule"

Sehr zu empfehlen ist die "Introducing"-Reihe, die Nachwuchsplattform des Festivals. Hier geben sechs Gruppen in 15-Minuten-Videos Einblicke in ihre Arbeit: als Text-Fotoalbum oder als Fotoserie, als audiovisuelle Meditation oder als Split-Screen-Video-Konferenz-Schaltung.

Hier fällt die Online-Stück-Version der Gruppe Bambi Bambule auf. Die vier Performer*innen spielen an ihren jeweiligen Monitoren zu Hause mit Bier, Wurst und Zigarette das "Was bin ich"-Spiel. Jede muss durch ihre Fragen die Frauenfigur des klassischen Theaters erraten, die ihr oder ihm zugeordnet wurde. Ophelia, Medea, Gretchen oder Jungfrau von Orleans?

Und ganz nebenbei im lustigen Ratespiel wird klar, wie stereotyp und klischeehaft Frauen im Theater gezeichnet sind. Denn die Figuren werden erraten durch Fragen wie: "Bin ich jung und schön? Hat ein Mann oder eine Frau über mich geschrieben? Bin ich die Titelfigur oder nur eine Nebenrolle? Bin ich eine sexuelle Männerphantasie? Bin ich abhängig vom Mann? Werde ich wahnsinnig?"

Dieses Spiel bringt auf den Punkt, was das PAF-Online-Festival mal mehr mal weniger gelungen versucht: mit den unterschiedlichsten digitalen Formaten die Stücke und die Ideen-Welten dahinter fassbar zu machen.

Frank Schmid, rbbKultur

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