Theatertreffen virtuell: Hamlet mit Sandra Hüller; © JU Bochum
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Theatertreffen virtuell | Schauspielhaus Bochum - "Hamlet"

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Ein Mai in Berlin ohne Theatertreffen – das gab es in 56 Jahren Festivalgeschichte noch nie. Und so soll es auch bleiben. Deshalb haben die Berliner Festspiele Corona-bedingt eine "Special Edition" entworfen, ein Theatertreffen "on demand", das sechs der "zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der Saison" auf der Website zeigt. Nun ist das Festival online von seiner Leiterin Yvonne Büdenhölzer eröffnet worden.

In ihrer 1 Minute 40 kurzen Rede sagte Büdenhölzer: "Wir finden, gerade in diesen Zeiten ist es wichtiger denn je, ein Zeichen zu setzen für die Kunst und für die Kultur. Und wenn Theater schon nicht als systemrelevant eingestuft wird, dann doch bitte als demokratierelevant."

Mehr als diese Floskel über die Wichtigkeit der Kultur bleibt aus. Eine etwas längere Fassung steht zum Nachlesen bereit – darin heißt es, dass Theater für die Leiterin eben doch systemrelevant sei, zudem geht sie kurz auf die Frauenquote ein, die man in diesem Jahr zum ersten Mal auf die eingeladenen Regisseurinnen und Regisseuren angewandt hat.

Man trifft sich online

Die Video-Variante der Rede ist als Festivalstart dürftig – gerade bei einem Beginn, der wegen des Virus' ohnehin schon abgespeckt daherkommen musste. Schade auch, dass die Rede voraufgezeichnet war. Wer pünktlich um 20 Uhr am Bildschirm saß, vorfreudig, das Festival zumindest live gemeinsam zu beginnen, wenn das Theatertreffen schon kein "Treffen" ist – der bekam nur eine weitere Konserve vorgesetzt. Zumindest im Anschluss an die Inszenierungen werden die Künstler aber online live befragt, die Zuschauer können Fragen via Chat einreichen. Und auch in den nächsten Tagen sollen Live-Diskussionen zum Thema Theater im virtuellen Raum stattfinden.

Eröffnet wurde mit der Aufzeichnung von Johan Simons' Bochumer "Hamlet"-Inszenierung, Sandra Hüller in der Titelrolle. Das Geschlecht Hamlets ist hier völlig irrelevant. Häufig werden heute am Theater Männerrollen mit Frauen besetzt. Die Geschlechterzuschreibungen sind dabei durchlässig und zweitrangig. Keine andere Theaterfigur ist zudem so häufig von einer Frau gespielt worden wie Hamlet. Durch die Jahrhunderte hinweg war es die Paraderolle zahlreicher Star-Schauspielerinnen. Auch, weil Hamlet mit seiner Feinsinnigkeit und Zauderhaftigkeit (jedenfalls im 19. Jahrhundert) gern als "weiblich" interpretiert wurde.

Unglaublich berührend

Sandra Hüller gibt ihn androgyn, als in sich gekehrten Denker, aufrecht, wahrheitssuchend, hoch sensibel. Und vor allem: trauernd. Ein Mensch, der gerade seinen Vater verloren hat, der sich vom Rest der schlechten Welt verlassen und verraten fühlt. Hüller spielt das unglaublich berührend. Nahbar und verletzlich.

Wenn die hier taffe, lebensfrohe Ophelia, gespielt von Gina Haller, Hamlet fragt, wie es ihm wirklich geht, bricht Hüller in Tränen aus und lässt sich in den Arm nehmen. Das ist alles andere als rührselig. Hamlets Geist tritt außerdem nicht als Figur auf, sondern spricht aus Hüller: Ein Dämon, der sie befällt, eine dunkle innere Ahnung, die sie immer wieder auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen muss.

Theatertreffen virtuell: Hamlet mit Ensemble; © JU Bochum
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Hamlet für Fortgeschrittene

Gespielt wird in einem artifiziellen, symbolischen Raum von Johannes Schütz. Die Spielfläche ist weiß und umrandet, eine große Schachtel. Darin rollt am Ende die Totengräberin in einer Mischung aus Boule und Billard silberne Kugeln, Totenschädel als Spielkugeln, Menschen als Spielfiguren. Darüber hängt ein gigantisches Mobile, sich immer wieder zur einen oder anderen Seite neigend, wankend, sich drehend. An einem Ende eine leuchtende Kugel, ein Vollmond. Am anderen eine schwere, kupferfarbene Platte, leicht verspiegelt, immer fortgleitend, wie die Wahrheit. Die Sehnsucht am Bildschirm wächst, im Zuschauerraum sitzen zu dürfen, wo die Wirkung dieses Raums deutlich intensiver erlebbar sein muss.

Anhand der Aufzeichnung lässt sich zumindest sagen, dass Johan Simons einen Hamlet für Fortgeschrittene inszeniert hat, ein philosophisches Extrakt, eine Hamlet-Abstraktion, die sich komplett auf dessen moralische Wahrheitssuche konzentriert. Die Handlungszusammenhänge sollte man vorher kennen, auf der Bühne bleiben sie verkürzt oder werden nur angedeutet. Das Duell etwa zwischen Laertes und Hamlet findet nicht statt, sondern wird erzählt. König Claudius, Hamlets Mutter, die Figuren am Hof bleiben einseitige, in ihrer schlichten Korruption flache Figuren.

Theatertreffen virtuell: Hamlet mit Sandra Hüller, Mercy Dorcas Otieno; © JU Bochum
Bild: JU Bochum

Ein Abend über den Zustand der Welt

Doch Hamlets Ausweglosigkeit, seine verzweifelte Rebellion gegen die kaputte und schlechte Welt, die Sandra Hüller so menschlich spielt, wird zum großen Gegengewicht dieser Abstraktion. Zwei clowneske Totengräberinnen begleiten ihn, kommentieren sein Tun. "Er ist allein", heißt es immer wieder. Wenn die Spieler am Ende ihren Platz als Leichen auf dem Spielfeld einnehmen, ein jeder einsam in eine andere Ecke gedrückt, ist das ein großes Bild.

Dazu Gina Haller als Ophelia und Horatio in Personalunion, die Hamlet wirklich nah kommt, eine handfeste Freundin. Trotz aller Abstraktion ein bewegender und zugleich düsterer, pessimistischer Abend über den Zustand der Welt.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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