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Deutsches Theater - Festival "Radar Ost digital"

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Seit 2018 zeigt das Deutsche Theater mit seinem kleinen Festival "Radar Ost" im Juni Theater aus Russland und Ost-Europa. Dass internationale Theatermacher zur Zeit nicht nach Deutschland reisen können, versteht sich von selbst. Deshalb heißt das Festival diesmal "Radar Ost digital".

Und trotzdem laden der Intendant Ulrich Khuon und die Kuratorin Birgit Lengers in die verschiedenen Räume ins Deutsche Theater ein, denn: es handelt sich um ein begehbares "3-D-Theaterfestival". Ja, was denn nun – digital oder im Theater?

Freitagnachmittag. Intendant Ulrich Khuon und seine Kuratorin Birgit Lengers sitzen in der Box des Deutschen Theaters und eröffnen das Festival "Radar Ost digital" – und zwar live und nicht, wie das in Corona-Zeiten zur schlechten Angewohnheit geworden ist, mit einer Ansprache aus der Konserve.

Der Greenscreen hinter Lengers zeigt die comicartige, dreidimensionale Version des Theaterhauses, durch die man sich per Mauseclick bewegen kann. Entworfen haben das die Digitaltheaterspezialisten "Cyberräuber". Hinter jeder Tür befinden sich kleine Videos – im Rangfoyer, in den Garderobenräumen, auf der Unterbühne – Gastspiele, die in Berlin hätten gezeigt werden sollen und die nun von den Künstlerinnen in eine digitale Form gebracht worden sind. Inhaltlicher Schwerpunkt sind "weibliche Perspektiven".

Von den Geschichten, die Natalia Vorozhbits in "Bad Roads" über das Kriegsgebiet Ukraine erzählt, sind allerdings nur zwei winzige Monologe übrig geblieben, die keinen Eindruck von der bildstarken Aufführung geben können. Die komprimierte 30-minütige russische Inszenierung von Olga Shilyaevas feministischem Stück "28 Tage" über den weiblichen Zyklus zeigt dagegen durchaus den Furor und die Selbstironie, mit der die zehn jungen Frauen auf der Bühne über ihren blutenden Körper, über Stimmungsschwankungen und Gleichberechtigung sprechen.

In den meisten Fällen bleiben die Adaptionen jedoch Trailer, die Lust machen, die oft gesellschaftskritischen Arbeiten live zu sehen. Gut auf den Bildschirm übertragbar sind dagegen die Gastspiele, die in Berlin auf den großen Bühnen gezeigt worden wären. "Radar Ost" zeigt sie ausschließlich als Livestream an einem einzigen Abend – wie im richtigen Theater: Wer zu spät kommt, verpasst etwas.

Für Kirill Serebrennikovs Inszenierung von Iwan Gontscharows Klassiker "Eine alltägliche Geschichte" muss man zwar fast drei Stunden am Bildschirm zubringen – und konstant Untertitel lesen. Aber weil das russische und osteuropäische Theater noch immer deutlich realistischer, psychologisch nachvollziehbarer erzählt als das deutsche, wird man auch digital schnell in die Inszenierung gezogen.

Serebrennikov hat den Klassiker ins heutige Moskau verlegt und betont das Universelle an der Geschichte – nämlich die Frage, wie viel es braucht, um aus einem jungen, naiven Träumer aus der Provinz, der im Moloch Moskau sein Glück sucht, einen konformistischen Zyniker zu machen. Eine schöne atmosphärische Arbeit mit exzellenten Schauspielern, viel Musik und schwarzem Humor.

Auch Timofej Kuljabins sibirische Inszenierung von Puschkins "Onegin" wirkt selbst digital bewegend und konzentriert auf unser aller Fragen nach einem gelungenen Leben.

Einzig die polnische Inszenierung von Edouard Louis’ Romans "Im Herzen der Gewalt" ist ärgerlich. Premiere feierte sie in der polnischen Kleinstadt Gniezno und es lässt sich nur vermuten, dass die Regisseurin Ewelina Marciniak bewusst mit stereotypen Bildern Homosexueller im konservativen Polen spielen wollte. Doch wie französische Philosophen als Maria Callas hörende Tunten in Glitzerhöschen vorgeführt werden und das Leben des schwulen Protagonisten als regengefluteter Kerker mit halbwegs selbst verschuldeter Vergewaltigung dargestellt wird, verstärkt die schlichtesten Vorurteile.

Wie so oft, wenn Produktionen aus ihrer Kultur, ihrem Sprachraum gerissen werden: für das ausländische Publikum bleibt deren Bedeutung im Ursprungsland oft undurchsichtig.

Zum Austausch kommt es trotz Chatroom selten, dafür hätte es das traditionelle, moderierte Nachgespräch gebraucht. In einer geführten Diskussion mit internationalen Theatermachern findet dann allerdings doch noch ein erhellender Austausch statt: Wenn Natalia Kaliada aus Belarus erzählt, wie ihr Präsident das Virus leugnet und seine Bürger zur Militär-Parade antreten lässt, wirft das ein anderes Schlaglicht auf Theater in Corona-Zeiten.

Für internationalen Kulturaustausch, das merkt man einmal mehr, reichen digitale Zusammenkünfte nicht aus. Und doch hat dieses 3-D-Festival mit Live-Veranstaltungen aus dem realen Theater, der Imitation eines Festival-Zentrums und der im Großen und Ganzen starken Auswahl an Stoffen für Corona-Zeiten Maßstäbe gesetzt.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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