Der Koffer von Malgorzata Sikorska-Miszczuk in einer Inszenierung von Rolf Kemnitzer 2020 © Dramatische Republik, 2020
Dramatische Republik, 2020
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Haus der Statistik - "Der Koffer"

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Es wird wieder Theater gespielt, mit echten Schauspielern und echten Zuschauern – live und körperlich. Möglich ist das in Berlin unter freiem Himmel: Die Theatergruppe "Die Dramatische Republik" hat mit dem Regisseur Rolf Kemnitzer das preisgekrönte Stück "Der Koffer“ von der polnischen Autorin Małgorzata Sikorska-Miszczuk gezeigt – im Autoscooter vor dem Haus der Statistik in Berlin-Mitte.

Bedauerlicherweise durften die etwa 40 Zuschauer dabei nicht in kleinen elektrischen Box-Autos Platz nehmen, sondern in Corona-Abstand auf bunten Plastikstühlen auf einer Seite der Fahrfläche, die Schauspieler agieren auf der anderen. Einziges Auto ist ein metallicgrüner alter Golf, der seine Runden zu Beginn um den Autoscooter dreht – aus ihm steigt ein Mann in goldenem Glitzeranzug, Steppschuhen und güldenem Haar: der Erzähler und Entertainer.

Der gigantische entkernte Plattenbau des Hauses der Statistik am Alexanderplatz, in dem zur Zeit ein kommunaler, kultureller Ort entsteht, in seinem Hof der abgeranzte Autoscooter – das gibt’s nur in Berlin. Diese erste Premiere in der Stadt nach fast drei Monaten Theaterstillstand war also aus mehreren Gründen besonders. Man stieß hier auch auf  den ersten Programmzettel, auf dem neben Regie und Darsteller "Hygienebeauftragte" aufgelistet sind. 

Eingeladen hat "Die Dramatische Republik", eine Gruppe von Berliner Autorinnen und Theatermacherinnen, die sich der zeitgenössischen Dramatik verschrieben hat. Im Haus der Statistik zeigt sie jeden Monat ein zeitgenössisches, oft europäisches Stück.
Diesmal die deutsche Erstaufführung von Małgorzata Sikorska-Miszczuks "Der Koffer".

Hauptfigur ist Fransoua, der im "Museum für Vernichtung" den Koffer seines Vaters findet, den er nie kennengelernt hat. Im Grunde ist das bereits die ganze Geschichte – und doch geht es natürlich um viel mehr: um den Holocaust, den in Auschwitz vergasten Vater, das persönliche Recht auf Erinnern, das Recht auf Vergessen, um den fortwährenden Drang, Geschichten zu erzählen, sie zu inszenieren, sie zu missbrauchen. Die Museumsführerin verzweifelt beim tagtäglichen Blick auf die Bilder der nackten Frauen, der weinenden Kinder – sie plädiert, das Museum zu schließen, endlich vergessen zu dürfen. Eine Haltung, die man in Deutschland nur von Rechtsaußen kennt, eigentlich harter politischer Tobak. Doch Sikorska-Miszczuk hat eine heitere Geschichte daraus gemacht, poetisch, absurd, fantastisch.

Von der verstörenden, wahren historischen Begebenheit des Sohnes des Franzosen Pierre Lévi, der im Pariser Museum "Mémorial de la Shoa" tatsächlich den Koffer seines Vaters entdeckt, als Leihgabe der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau – woraufhin ein Streit über den rechtmäßigen Eigentümer des Erinnerungsstücks entbrennt, der vor Gericht landet, bleibt im Stück nur die Ausgangssituation.

Der Regisseur Rolf Kemnitzer inszeniert surreal und halbironisch, in den Knallbonbonfarben des Autoscooters – die "Anrufbeantworterstimme" etwa, die durch die Telefonleitung steigt, lässt er sich aus einem grauen Stoffschlauch entpuppen. Für den Erzähler und jene Telefonstimmenfrau, Paul Maximilian Boche und Ini Dill, findet er zudem eine zweite Geschichtsebene: das Netz zwischen Deckengerüst und Boden, sodass die beiden direkt über den Köpfen der Zuschauer spielen. Trotz (fast immer eingehaltenem) Corona-Abstand ein ungehemmtes und nie aseptisch wirkendes Spiel, das muss einem erst mal gelingen.

Allerdings findet man kaum einen Zugang zu dieser Geschichte und ihren Figuren, einen Punkt, an dem man sich festhaken könnte. Zum Einen mag das am luftigen Ambiente liegen. Unter heulenden Sirenen herübergeweht vom Alexanderplatz, dröhnenden Ghettoblastern, kreisenden Autos auf dem Parkplatz gehen viele Feinheiten des konzentrierten, komplexen, metaphorischen Textes verloren. Zum Anderen treibt Kemnitzer in der harmlosen Glitzer-Konfetti-Zauber-Welt des Autoscooters dem Text zu sehr die gesellschaftspolitische Relevanz aus. Das Private ist hier eben nur privat – Auschwitz hin, Erinnerungskultur her.

Trotzdem: eine Freude, dass sie endlich zurück sind – die Körper, die Räume, die Zuschauer, die unbequemen Sitze ...

Barbara Behrendt, rbbKultur

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