Potsdamer Tanztage, La Desnudez © Marcos Gpunto
Marcos Gpunto
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Yoann Bourgeois | Daniel Abreu - Potsdamer Tanztage - Die Eröffnung

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Gestern Abend war es nun doch endlich so weit. Mit gut drei Monaten Verspätung konnten die Potsdamer Tanztage ihre Eröffnung feiern. Die Jubiläumsausgabe des Festivals, die eigentlich im Mai stattfinden sollte, musste wegen Covid 19 abgesagt werden.

Und so ist dieses Festival eine Sonderausgabe mit Hygieneregeln, die alles bestimmen. Die Zuschauer können nur mit Abstand und Maske in den Saal, durch zwei Ein- und Ausgänge, es dürfen immer nur die Zuschauer einer Reihe rein oder raus und es sind auch nur 50 statt der üblichen 200 Zuschauer erlaubt. Sonderbedingungen für dieses Sonderfestival, das nach der Absage im Mai in nur wenigen Wochen entwickelt wurde, aber doch ein erstaunlich umfangreiches internationales Programm bietet.

Ein Experiment

Die Festivalleiter verstehen diese Ausgabe als ein Experiment: es wird viel Open Air geschehen, auf dem Gelände in der Schiffbauergasse oder im Hof des Brandenburger Landtags oder bei Stadtspaziergängen durch Potsdam. Und die Aufführungen im Saal der fabrik Potsdam werden LIVE in den Biergarten auf die große Leinwand übertragen - ausschließlich LIVE, es gibt keine Aufzeichnungen und kein Streamen in Internet. Dafür ist dieses Angebot ist kostenlos für alle, die keine Karten mehr bekommen haben. Hoffen wir, dass die nachgeholte Jubiläumsausgabe zum 30. Geburtstag im nächsten Jahr unter besseren Bedingungen stattfinden kann.

Yoann Bourgeois: "Fugue / Trampolin" – Artistik und Tanz

Die Eröffnung fand zunächst auf der grünen Wiese vor der fabrik Potsdam mit einem knapp zehn Minuten kurzem Stück des Franzosen Yoann Bourgeois statt. Er war 2016 beim Tanz im August in Berlin, ist nun zum ersten Mal in Potsdam und er ist ein Vertreter des Cirque Nouveau in Frankreich, der Verbindung von Artistik und Akrobatik, Performance und Tanz.
Bei diesem kleinen Stück "Fugue / Trampolin", ein Ausschnitt aus der "Fugue"-Serie lässt sich ein Performer zu melancholisch-minimalistischer Musik von Philip Glass immer wieder in ein Trampolin fallen. Das ist so geschickt in ein Holzpodest eingebaut, dass man es nicht sieht und an seiner Längsseite steht eine hohe Holztreppe.

Potsdamer Tanztage, Fugue Trampoline © Geraldine Aresteanu
Bild: Geraldine Aresteanu

Stürzen, Fliegen und Schweben

Von dort stürzt er immer wieder herab und lässt sich wieder hinauf schleudern, so dass er zu fliegen scheint, zu schweben, in der Luft zu stehen oder sogar die Seitenwand der Treppe hinaufzulaufen – der Schwebemoment als ein Anhalten der Zeit. Alles scheint verkehrt herum zu geschehen, das Stürzen geschieht in Zeitlupe, das Hochschnellen rasant, die Treppe wird im Flug erklommen und das Fliegen scheint der natürliche Zustand zu werden, jedenfalls wankt er und schwankt und fällt um, als er am Ende wieder auf der Erde steht. Ein kleines poetisches Stück, ein Einblick in die Arbeit von Yoann Bourgeois – ein federleichter Auftakt für das Festival.

Daniel Abreu: "La Desnudez" – temperamentvolles Paar

Das zweite Stück des Eröffnungsabends, "La Desnudez" des spanischen Choreographen Daniel Abreu ist hingegen die dramatische Geschichte von Beginn und Ende einer Liebe, wobei offensichtlich der Tod das Ende bestimmt. Treffenderweise heißt dieses Stück "Die Nacktheit". Nicht nur, weil Daniel Abreu und Dazil Gonzalez teilweise nackt tanzen, sondern weil sie sozusagen ihre Seelen entblößen.
Die beiden sind ein temperamentvolles Liebespaar mit der Fähigkeit zum Streit. Selbst in den harmonischen Szenen, in denen sie synchron tanzen, sich umgarnen und umschmachten gibt es bei beiden eine Spur Eigensinn, liegt eine Gefahr in der Luft, steht ein Ausbruch bevor, kündigt der Abschied sich an. Nichts ist hier auf Dauer.

Potsdamer Tanztage, La Desnudez © Marcos Gpunto
Bild: Marcos Gpunto

Episodisches Erzählen in verknappten Allegorien

Abreu erzählt das episodisch und in Vor- und Rückblenden. Zu Beginn sieht man den Abschied: sie liegt unter dem großen schwarzen Tuch, das den Boden bedeckt, ist eine Verschwundene, eine Abwesende und er tanzt wie ein Verlorener, als müsse sich sein Körper nach einem Schock, nach einer Erschütterung erst wieder finden, wieder neu zusammensetzen. Abreu hat verknappte reduzierte Allegorien choreographiert: die Liebe, das Alltägliche, der Schmerz des Abschieds. Und er zeigt v.a. die Sehnsucht nach der ewigen harmonischen Verschmelzung, wohl wissend, dass das ein Traum, eine Illusion ist.

Widersprüche wagen

Zudem wagt Abreu faszinierende Widersprüche. So holt er z.B. den Musiker Hugo Portas mit seiner großen Tuba auf die Bühne. Dieser spielt eines der ergreifendsten Stücke von Claudio Monteverdi, das "Lamento della Ninfa" und begleitend zu dieser traumhaft idyllischen Musik streiten und zanken Abreu und Gonzalez, springen sich an, stoßen und treten, ziehen und schleppen und werfen sich herum.
Harmonischer Einklang und große Trauer und heftige Dissonanzen bestimmen dieses Stück, das auch in den einzelnen Episoden geschickt Widersprüche vereint, das betont sachlich und hochdramatisch zugleich ist. Berechtigter Jubel für dieses Stück.

Frank Schmid, rbbKultur

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