Theatersommer Netzeband 2020 "Bluthochzeit" (c) Uwe Hauth
Uwe Hauth
Bild: Uwe Hauth

Theatersommer Netzeband - "Bluthochzeit"

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Der Theatersommer in Netzeband konnte Anfang August in lauer Sommernacht unter freiem Himmel in seine 25. Saison starten – diesmal mit Federico Garcia Lorcas „Bluthochzeit“, der ersten lyrischen Tragödie des spanischen Dichters.

Gespielt wird in einer großen Grünanlage, dem Gutspark. Bislang schaute das Publikum auf den Park herunter, die Temnitzkirche im Rücken. Diesmal ist es umgekehrt: Die Zuschauer sitzen im Park und blicken hoch zur Kirche. So konnten 400 Stühle mit Corona-Abstand aufgestellt werden – genauso viele wie in den Jahren zuvor, für die Organisatoren ein großes Glück.

Die neue Kulisse passt perfekt zum Stück – Lorcas Hochzeitsgesellschaft kann den Hügel hinauf in die Kirche ein- und ausziehen. Gespielt wird vorrangig auf einer Bühnenfläche im Vordergrund und in kleinen, weiß getünchten Häuschen rechts und links davon. Durch die Kirche auf dem Hügel entsteht jedoch eine Panoramabühne, die sicherlich 40 Meter Tiefe hat. Die Spieler treten von allen Seiten auf, manchmal sieht man sie schon Minuten vorher kommen. Dadurch überträgt sich ein Gefühl für die Weite der Landschaft, die im Stück eine tragende Rolle spielt.

Wenn nach der Pause die Figur des Mondes in der stockdunklen Nacht mit gleißenden weißen Scheinwerfern beleuchtet wird und die Sensen der Waldarbeiter blitzen, wirkt diese Naturbühne wie für Lorca geschaffen.

Ein ungewöhnliches Eröffnungsstück

Und, noch ein Glück: Die Ästhetik, die das Theater entwickelt hat, das sogenannte Synchrontheater, ist bestens für Coronazeiten geeignet. Stimme und Spiel verlaufen synchron, stammen aber nicht von einer einzigen Person. Die Spieler auf der Bühne (Laien aus der Umgebung plus Schauspieler) tragen Maskenköpfe aus festem Leinen. Die Stimmen und die Musik kommen vom Band, professionelle Sprecher haben das Hörspiel vorproduziert. Dadurch entsteht eine Ästhetik, die mit Bühnenrealismus nichts zu tun hat und an Commedia dell’arte erinnert – Volkstheater, bei dem bestimmte Typen als Masken gezeigt werden. Auch Lorca porträtiert keine Individuen, sondern Typen. Seine bildreiche Sprache, die Archaik ist bei diesem verfremdeten Maskenspiel mit großen, pathetischen Gesten der Spieler bestens aufgehoben.

Dass der Theatersommer mit der Tragödie „Bluthochzeit“ eröffnet, wirkt ungewöhnlich. Open-Air-Theater sind sonst mehr auf Shakespeare-Komödien und leichte Unterhaltung gebucht. „Bluthochzeit“ dagegen ist kein einfaches Stück, Lorcas dunkel poetische Sprache mit ihrer archetypischen Symbolik nicht leicht zu sprechen.

Der Kampf zwischen Vernunft und elementaren Naturkräften

Das Stück gehört zu Lorcas Bauerntrilogie; die Mischung aus Avantgarde, Volkskunst und Gesellschaftskritik hat ihn international bekannt gemacht. Eine Bauerntochter erklärt sich darin zur Hochzeit mit einem reichen Bauernsohn bereit – doch direkt nach der Trauung reitet sie mit ihrem ehemaligen mittellosen Verlobten davon, dem sie hoffnungslos verfallen ist. Das Dorf geht auf Rachefeldzug und die beiden Männer töten einander. Sittenstrenge, Ehrenmord, Familienfehde sind die Themen – doch „Bluthochzeit“ ist kein Sozialdrama. Im Zentrum steht der Kampf zwischen Vernunft und elementaren Naturkräften, denen die Tochter unterliegt, so sehr sie sich gegen sie wehrt und eine „ehrbare Ehefrau“ sein will. Wie so oft bei Lorca: ein geradezu feministisches Stück, das der Frau eine ebenso triebhafte Sexualität zugesteht wie dem Mann – die sie selbst nicht wirklich versteht.

Inszenierung von Herbert Olschok

Herbert Olschok inszeniert getragen. Es dauert, bis man sich in das langsame, harte Leben Andalusiens eingefunden hat. Das Stück wird ungekürzt gespielt, die ersten Dialoge wirken noch lang und zäh, bis nach der Pause der Rhythmus stimmt und die Katastrophe in schweren Schritten ihren unaufhaltsamen Lauf nimmt.

Schwieriger bleibt die musikalische Untermalung mit einem nicht nachvollziehbaren Stilmix. Neben den andalusischen Klängen, die immer wieder eingespielt werden, erklingt das dunkle, unheilschwangere Wiegenlied des Stücks plötzlich als süßlicher Popsong. Tritt dann der blutdürstende Mond auf, eine bösartige Gestalt, die den Liebenden mit seinem eiskalten Licht jedes Versteck nimmt, liegt unter seinen Worten eine liebliche Schlafliedmelodie, die Lorcas Sprache völlig verunklärt. Das Stück ist brutaler als das Hörspiel es wirken lässt.

Hervorragende Sprecherinnen und Sprecher

Die Bilder aber, die Olschok erschafft, die Art, wie er Figuren durch den Raum bewegt, das hat große Poesie. Und die Sprecher und Sprecherinnen sind hervorragend: Vor allem Hildegard Alex, die die Mutter des betrogenen Bräutigams voller Bitterkeit spricht und doch so, dass ihr Schmerz durchbricht, ist bewegend.

Man sieht Masken und Pantomime – hört und spürt jedoch die Zerrissenheit, die Sehnsüchte von Menschen. Die weite Landschaft und das Maskenspiel sind für Lorca ein Gewinn. Die symbolträchtige Geschichte, ja, der ganze Abend wirkt nach.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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