Szene aus: Melissa kriegt alles von René Pollesch (Quelle: Arno Declair/Deutsches Theater)
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Premiere - Deutsches Theater: Melissa kriegt alles

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Erst die Volksbühne, dann das Gorki, jetzt wird auch am Deutschen Theater in Berlin wieder gespielt, vor 130 Zuschauern statt vor 600. Den Auftakt machte der Mann, der in einem Jahr die Volksbühne übernehmen wird: René Pollesch. Sein neuer Abend: „Melissa kriegt alles“

Wer ist Melissa? Dieses Rätsel hat sich auch nach 90 Minuten noch nicht gelöst. Sie bildet lediglich den Auftakt. Da kommt Kathrin Angerers Hand unter der geschlossenen Brecht-Gardine hervor – für diesen Abend auf der Bühne befestigt – und angelt nach dem Brief, der dort liegt. Er handelt von einer großen Erbschaft, Angerer liest, bis sie aufschreit: „Was? Melissa kriegt alles?“ Eine boulevardeske Szene.

Post-Revolution und postrevolutionäre Depression, die Frage: Was kommt danach?

Mit ein bisschen Recherche stellt sich das als Erzählung von Alexandra Kollontai heraus. Kollontai war eine russische Frauenrechtlerin, Politikerin, Schriftstellerin. Über sie kommt man dem Abend näher, zumindest einem seiner Fäden: Post-Revolution und postrevolutionäre Depression, die Frage: Was kommt danach? Und Feminismus am Brecht-Theater – Helene Weigel, sinnieren die Spieler, sei als Intendantin vermutlich auch nur die Haushälterin des Theaters gewesen, die Mutter des Ensembles.

Wie immer bei Pollesch scheint die Inszenierung eher ein Nebenprodukt seiner jüngsten Lese- und Sehfrüchte zu sein. Frenchy und Ray, gespielt von Angerer und Martin Wuttke, sind Figuren aus Woody Allens „Schmalspurganoven“, wie man sich übers Programmheft zusammenreimen kann. Sie wollen aus einer Pizzeria einen Tunnel in die Bank nebenan buddeln. Letztlich hilft einem dieses Sekundärwissen fürs Verständnis allerdings auch nicht weiter.

 

Melissa kriegt alles von René Pollesch am Deutschen Theater
Bild: Arno Declair/Deutsches Theater

Corona bleibt außen vor

Die russische Revolution dagegen ist nicht zu übersehen. Gespielt wird in einer Guckkastenbühne mit zwei kleinen Holzzimmerchen, die in Hammer-und-Sichel-Optik tapeziert sind (Bühne: Nina von Mechow). Die männlichen Schauspieler sind mit gewaltigen russischen Fellmützen und Pelzmänteln ausstaffiert. Martin Wuttke trägt dazu Vollbart und Holzpantoffeln. Katrin Wichmann träumt mit dicker Fellhaube davon, Anna Karenina zu spielen. Da Bühne und Kostüme vermutlich schon fertig waren, als der Abend im Frühjahr Premiere haben sollte, war die Revolution wohl der erste Ausgangspunkt. Es spielen aber, wie immer bei Pollesch, auch die Deckungsgleichheit von Schauspieler und Figur eine Rolle, darum, wie wir uns von außen betrachten.

Corona hingegen bleibt außen vor. Zwar wird die Paradoxie zwischen Überzeugung und Tun verhandelt, die angeblich in einen etwas schizophrenen Trance-Zustand versetzen kann – das Thema könnte man auf unseren Umgang mit Krisen beziehen: Obwohl wir es besser wissen, tun wir das Altbewährte. Es bliebe allerdings weit hergeholt. Selbstredend erwartet niemand Pandemie-Palaver von Pollesch – doch der Abend wirkt schlicht aus der Zeit gefallen. Vor 10 Jahren hätte man ihn genau so zeigen können.

Funke springt nicht über

Einem Martin Wuttke, einer Kati Angerer sieht man natürlich immer gern zu, auch Katrin Wichmann, Franz Beil und Jeremy Mockridge, vor allem nach so langer Theaterpause. Doch gerade weil Pollesch seine Stücke erst auf den Proben entwickelt, hätte das Stück zumindest eine winzige Verbindung zeigen können zu den großen philosophischen Fragen, die die Welt und das Theater umtreiben – auch auf Meta-Ebene. Doch es ist ein Abend, der wie eine Pollesch-Schneekugel im Regal steht, seltsam abgeschlossen vom Rest der Welt. Und ein Abend voller Melancholie: Am Ende sinniert Angerer über das Verschwinden einer großen Liebe.

Dass der Funke nicht überspringt, liegt auch an den wenigen Zuschauern, der reduzierten Reaktion aus dem Publikum. Die Hoch-Stimmung, die sonst bei Pollesch aufkommt, kann bei einem nur viertel gefüllten Saal nicht entstehen. Es ist, als stehe man mit drei Leuten auf der Tanzfläche. Und obwohl am Ende alle klatschen, klingt der Applaus mit so wenigen Zuschauern lau.

Corona hat das Theater deutlich verändert

So sehr man sich darüber freut, dass wieder gespielt werden kann: Corona hat das Theater deutlich verändert. Nach den ersten Premieren an der Volksbühne, am Gorki Theater, am DT wird deutlich, was mit Corona verloren gegangen ist. Die Energie zwischen Zuschauenden und Spielerinnen fließt nicht. Die Spieler wirken wie auf Reserve. Und das Gemeinschaftsgefühl im Publikum ist so groß wie in einem halbleeren Fußballstadion. Das verändert das Theater, diese Publikumskunst, ganz beträchtlich – nie konnte man das so gut studieren wie jetzt. Schlimmer als alle Huster dieser Welt ist ein totenstiller Zuschauerraum. Es bleibt ein Hoffen auf die Zeit, in der der Überschwang, das Gesurre und Gebrumme, die Anspannung, Aufregung, die Freude und das Leben ins Theater zurückkehren dürfen.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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