Staatsballett Berlin: From Berlin with Love (1) © Carlos Quezada
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Gala zur Saisoneröffnung - Staatsballett Berlin: "From Berlin with Love (1)"

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Mit einem Gala-Abend hat das Berliner Staatsballett gestern in der Deutschen Oper seine neue Saison eröffnet. Und das in einer schwierigen Situation nach dem vorzeitigen Abschied des Intendanten-Duos Waltz und Öhman Anfang des Jahres, nach dem Corona-Lockdown und dem Ausfall sämtlicher Vorstellungen seit dem Frühjahr.

Eine übliche Gala war das jedoch wegen der Corona-Einschränkungen nicht. Es waren lediglich 450 Zuschauer*innen statt der möglichen 1.800 im Saal und die vielen leeren Plätze und Reihen haben für ein Gefühl der Beklommenheit gesorgt. Festliche Gala-Stimmung ist nicht aufgekommen, da auch im Programm dieses ersten "From Berlin with Love"-Abends, Mitte September folgt der zweite, das Dramatisch-Elegische ausgiebig gepflegt wurde. Zehn kurze Choreografien waren in den zwei Stunden zu sehen, die Hälfte Soli – immerhin gab es einige Höhepunkte und Überraschungen.

Höhepunkte - mit Publikumsliebling Polina Semionova

Und zu den Höhepunkten zählten einmal mehr Iana Salenko und Marian Walter als erfahrenes Liebespaar im Pas de Deux aus "Schwanensee", das hier von ausnehmend intimer Wirkung war. Peter Tschaikowskys Musik wurde mit Klavier, Geige, Cello live gespielt und zwar etwas verlangsamt, wodurch eine Kammerspiel-Atmosphäre entstanden ist, eine sehr innig-vertraute und liebevolle Atmosphäre.

Sehr beeindruckend war auch der Auftritt von Publikums-Liebling Polina Semionova. Sie hat im ledern-schwarz glänzenden Rock zu Antonio Vivaldis "Stabat Mater dolorosa" getanzt wie eine Leidende, die sich wehrt, die das Schicksal akzeptiert und dennoch dagegen aufbegehrt, wahrlich aufwühlend. Beide Ausschnitte waren schon im Juli bei der Online-Gala des Staatsballetts zu sehen, wirken nun auf der Bühne jedoch noch viel intensiver.

Staatsballett Berlin: From Berlin with Love (1) © Carlos Quezada
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Überraschungen – eine der Berliner Erstaufführungen

Zu den Überraschungen gehörte, dass der Auszug aus der "Sommernachtstraum"-Choreografie von Altmeister Heinz Spoerli, der die Einstudierung mit seinen 80 Jahren höchstselbst vorgenommen hat, was er nur noch selten macht, nicht richtig zünden konnte. Das Sextett mit drei Paaren wirkte zur Musik von Philipp Glass recht statisch und gravitätisch schwer, passte nur momenthaft zur zarten und ins Jenseitige verweisenden Musik und wurde unerwartet unterspannt vorgetragen.

Zu den positiven Überraschungen gehörte eine der insgesamt drei Berliner Erstaufführungen, der Ausschnitt aus einem Stück der hierzulande wenig bekannten chinesischen Choreographin Yabin Wang, in China ein Star. Dieser Ausschnitt aus "M-Dao", das gern einmal in voller Länge gezeigt werden sollte, ist ein elegisch-dramatisches Solo zu eindringlicher Musik der englischen Komponistin Jocelyn Pook. Eine junge Frau allein mit sich, aber in einer imaginierten, in ihrem Inneren leuchtenden Idee von Gemeinschaft – exzellent getanzt von Ksenia Ovsyanick.

Kurzer Ausflug ins Festlich-Fröhliche

Das Elegische und Dramatische, die Reflexion von Einsamkeits-Situationen haben diesen Gala-Abend bestimmt. Zum Glück gab es jedoch auch einen Ausflug ins Festliche und Fröhliche, mit "Les Bourgeois" zum gleichnamigen Chanson von Jacques Brel. Ein junger Mann hat wohl ein Gläschen Wein zu viel genossen und schlingert als fidel-charmanter Tunichtgut und Verführer durch eine Nacht, die er nicht beenden will, denn da wartet bestimmt noch irgendwo ein amouröses Abenteuer. Dinu Tamazlacaru hat dieses lustige Stück schon mehrfach bei solchen Gala-Abenden getanzt und es funktioniert bestens.

Uraufführung "Du bist die Ruh" nach Franz Schubert

Ansonsten war dies ein Abend ernster Stücke, wie auch die einzige Uraufführung:"Du bist die Ruh‘", nach dem Lied von Franz Schubert, hier mit Klavier und Cello gespielt.
Der Choreograph Andreas Heise, Schüler der Palucca-Schule Dresden und einst Tänzer am Leipziger Ballett und am Norwegischen Nationalballett Oslo hat das Sehnsuchtsvolle dieses Liedes, diesen Stoßseufzer der Hoffnung eines einsamen Herzens nach Liebe und Lust in das Solo einer Frau verwandelt, die immer nur um sich selbst kreist und nicht rauskommt aus ihrer Selbstbezüglichkeit. Eine Gestalt von gewisser Tragik, von Yolanda Correa tief empfunden getanzt. Das war post-post-post-romantisch per excellence in diesem Abend, der Tradition und Moderne vereinen möchte.

Ausflug in die Tanzgeschichte

Und der mit einem Ausflug in die Tanzgeschichte begonnen hat, mit einer Szene aus "Pas de Quatre" in der Version des Briten Anton Dolin (von 1941) nach der Choreografie von Jules Perrot, die zur Tanzgeschichte gehört. Jules Perrot hatte Mitte des 19. Jahrhunderts die damals vier berühmtesten Ballerinen Europas zusammengebracht, zwar nur für wenige Vorstellungen, aber das gilt als ein Fixpunkt der Ballettgeschichte. Welche Damen auch immer dies tanzen, stehen in außerordentlicher Tradition und die vier des Staatsballetts, darunter wieder die blendende Iana Salenko, haben das mit Meisterschaft gelöst.

Wohingegen das Herren-Quartett "Variations for Four", ebenfalls von Anton Dolin, aus den 1950er Jahren, das am Ende getanzt wurde, eine Enttäuschung war, dank der zur Schau gestellten aufgeplusterten Männlichkeit.

Also etwas mehr Schatten als Licht bei diesem ersten Gala-Abend des Staatsballetts – ein Ausdruck der schwierigen Zeiten insgesamt und insbesondere beim Staatsballett.

Frank Schmid, rbbKultur

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