"Bettina Hoppe, Josefin Platt, Martin Rentzsch, Gerrit Jansen, Ingo Hülsmann, Veit Schubert, Judith Engel in "Gott" am BE"; © Matthias Horn
Matthias Horn
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Berliner Ensemble - "Gott"

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Ferdinand von Schirach ist nicht nur berühmt für seine juristische Kompetenz, die er in Romanen und Theaterstücken zum Ausdruck bringt, sondern auch für seine moralischen Gedankenspiele. In seinem Stück "Terror" mussten die Zuschauer entscheiden, wer überlebt. In "Gott" steht nun die Frage im Raum, ob Sterbehilfe nicht nur juristisch, sondern auch moralisch richtig ist.

Ferdinand von Schirachs Theaterstück "Terror" war 2016/17 das meistgespielte Stück der Saison – und wurde schnell verfilmt, mit Burghart Klaußner, Martina Gedeck und Lars Eidinger. Ein Pilot der Bundeswehr steht dabei vor Gericht, weil er eine Maschine mit 164 Personen abgeschossen hat – um 70.000 Menschen in der Münchner Allianz-Arena zu retten, in die Terroristen das Flugzeug steuern wollten. Darf man Leben gegen Leben aufrechnen, lautete die Frage. Der Clou: Die Zuschauer mussten das Urteil über den Piloten selbst sprechen.

Berliner Ensemble: "Gott" von Ferdinand von Schirach - hier: v.l. Josefin Platt, Judith Engel;
Josefin Platt, Judith Engel | Bild: Matthias Horn/BE

Eine ethische Frage

Nun wurde am Berliner Ensemble (und parallel dazu am Schauspielhaus in Düsseldorf) Schirachs neues Stück "Gott" uraufgeführt – das Thema ist nicht weniger brisant: Sterbehilfe. Das Setting ähnelt dem von "Terror". Die "Verhandlung" findet diesmal jedoch nicht vor Gericht statt, sondern in der Akademie der Wissenschaften. Hier tagt der Ethikrat – wir Zuschauenden sollen kein juristisches Urteil fällen, sondern ein ethisches.

Die Frage lautet: Wenn Sie selbst Ärztin wären, würden Sie einem gesunden Menschen ein tödliches Medikament aushändigen, wenn dieser Mensch den klaren Wunsch hat, nicht mehr leben zu wollen?

Dieser Mensch ist im Stück Herr Gärtner, auf der Bühne ist es eine Frau Gärtner, 78 Jahre alt, kerngesund. Ihr Mann ist vor drei Jahren unter Qualen im Krankenhaus gestorben. Sie waren 42 Jahre verheiratet, politisch interessiert, eigenständige Köpfe – nun möchte Gärtner ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben durchsetzen.

Klare Rechtslage

Juristisch ist die Lage seit neuestem eindeutig: Das Bundesverfassungsgericht hat im Februar 2020 den § 217 für nichtig erklärt, in dem Sterbehilfe verboten war. Karlsruhe hat nicht nur das "Recht auf selbstbestimmtes Sterben" anerkannt, sondern auch das Recht, "auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückgreifen zu dürfen", unabhängig von Alter und Gesundheitszustand. Das heißt: Eine Ärztin darf ihrer Patientin das Gift aushändigen – sie muss es aber nicht.

Vieles muss von der Gesetzgebung noch reguliert werden: Wer prüft, wie ernsthaft und von Dauer der Sterbewunsch ist, ob er aus freien Stücken entstanden ist, ob eine psychische Erkrankung vorliegt, die das Urteilsvermögen beeinträchtigt? Die Zuschauenden hören den Abend über vielen Sachverständigen zu und müssen am Ende entscheiden, ob sie Frau Gärtner das Rezept ausstellen.

In Berlin hat sich die Mehrheit dafür entschieden. In Düsseldorf, wo das Stück zeitgleich uraufgeführt worden ist, waren es ebenfalls rund zwei Drittel. Allerdings wurde diese Abstimmung zumindest in Berlin arg verschenkt – die Pause, in der man bei "Terror" damals hitzig mit seiner Begleitung über das Für und Wider diskutierte, fiel nun coronabedingt aus. Ohne Vorwarnung und innerhalb von zehn Sekunden erfolgte die Abstimmung per Handzeichen, richtig abgezählt wurde erst gar nicht.

Wem gehört unser Leben?

Doch die Abstimmung ist ohnehin zu vernachlässigen. Wichtiger sind die Argumente, die zu einem Pro oder Contra führen: die des Anwalts und der Rechtsprofessorin, die für Selbstbestimmung streiten, die des katholischen Bischofs und des Arztes aus der Ärztekammer, die für ein besser begleitetes Sterben eintreten, ohne ärztliches Eingreifen. Die der Hausärztin, die einfach nicht gegen ihr Gewissen handeln kann.

Wem gehört unser Leben, ist die große Frage. Und wie verändert es eine Gesellschaft, wenn sich alte Menschen, die sich womöglich als Last für ihre Mitmenschen empfinden, zu so einem Schritt gedrängt fühlen?

Verlangsamtes Spiel

Ein aufrüttelndes Thema, das Oliver Reese aber nicht annähernd so spannungsvoll auf die Bühne bringt. Ästhetisch betrachtet ein spröder Abend. Der Sitzungsraum besteht aus ein paar hohen Holzstufen, auf denen die Schauspieler den Abend über mit ihren Aktentaschen sitzen oder ein wenig hin und her tigern. Schirach gibt 90 Minuten als Spiellänge an, bei Reese sind es zwei Stunden – Grund ist das verlangsamte Spiel.

Zu hören sind keine hitzigen Wortgefechte oder emotional aufgeladene Bekenntnisse, sondern ein getragenes Sprechen mit vielen Pausen, durch das die Figuren wenig Kontur gewinnen. Es sind die klassischen Thesenträger. Selbst Josefin Platt als Elisabeth Gärtner bleibt einem überwiegend fremd. Das Stück hätte ohnehin ein paar Zuspitzungen und Kürzungen vertragen – Reese fügt hingegen ein paar redundante Sätze hinzu.

Trotzdem: Nach dem Schlussapplaus hörte man noch viele Zuschauer über diese ethischen Fragen diskutieren. Und das ist in diesem Fall die Hauptsache. Schirach schafft es eben doch, uns in die Verantwortung zu ziehen, uns eine Haltung abzuzwingen. Dass er das Theater als Verhandlungsort ethischer Fragen sieht, ist (dieser Tage) so ungewöhnlich wie großartig. Inszenieren müsste man es allerdings mit deutlich mehr Temperament und Lebendigkeit.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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