30.09.2020, Berlin: Schauspieler Sebastian Grünewald bei der Fotoprobe "Die Orestie" in der Volksbühne (Bild: dpa/Paul Zinken)
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Schauspiel von Thorleifur Örn Arnarsson nach Aischylos - Volksbühne Berlin: "Die Orestie"

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Um Aischylos’ "Orestie" zu inszenieren, braucht es kein besonderes Anliegen: Die Geschichte von der Geburt der Demokratie, dem Sieg der Vernunft über die Blutrache passt immer – in Zeiten, in denen die Demokratie bedroht, allerdings besonders gut. Der Schauspielleiter der Volksbühne, der Norweger Thorleifur Örn Arnarsson, hat das große Werk neu inszeniert.

Vor genau einem Jahr hat Thorleifur Örn Arnarsson an der Volksbühne die "Odyssee" inszeniert, mit viel Nebel, Rock-Musik, blutigen Schlachtengemälden – und auch diesmal fährt er eine Menge auf, vor allem musikalisch. Vier Klaviere stehen parat – zum Höhepunkt des Abends dreht sich die Bühne, die Klaviere werden ekstatisch von Clowns mit Glatzen und weißen Nachthemden beackert, dazu schlägt ein fünfter die Pauke. Immer irrer wird das Spiel.

Von vorneherein herrscht die Dekonstruktion

Die Bühne gleicht einem mehrschichtigen Konstrukt. Auf der Unterbühne wird in einem realistischen Wohnzimmer gespielt – zu Beginn fährt es nach oben, um sichtbar zu sein. Auf der Hauptbühne ein großes Amphitheater. Gespielt wird zudem auf der Vorbühne. Doch anders als bei Arnarssons fantastischer "Edda" vor einigen Jahren am Staatsschauspiel Hannover ist hier bei allem Bombast von Archaik, von Mythen, den großen Fragen nach Leben und Tod nicht viel übrig geblieben.

Anarsson hat die Angewohnheit, das Pathos, die bildstarken Szenen, die er entwirft, wieder zu zertrümmern, in dem er die Spieler aus der Szene treten lässt, Slapstick einbaut, Telenovela-Sprech – er dekonstruiert gern, nachdem er eine gewissen Fallhöhe erreicht hat. Diesmal aber herrscht von vorneherein die Dekonstruktion. Er beginnt nicht mit der Orestie, sondern mit zwei anderen Geschichten.

Zwei Geschichten

Die erste Geschichte ist die von Martha und George aus Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf". Dafür wird ein Guckkasten aus dem Bühnenboden gefahren, darin das erwähnte realistische Wohnzimmer mit Sólveig Arnarsdóttir und Sebastian Grünewald als Ehepaar, das sich bekriegt. Sie wiederholen immer dieselbe Szene, an deren Ende Arnarsdóttir Blut bzw. Farbe von Grünewald ins Gesicht geschüttet bekommt.

Das ist demütigend – aber Martha und George spielen nun einmal seit Jahrzehnten ihr bitteres Ehe-Spiel. Durch die Wiederholung über zwei Stunden hinweg (das Publikum sieht die beiden den Abend über auf Bildschirmen, ohne Ton übertragen) zeigt sich, dass die Hölle darin besteht, nicht aus dem Spiel ausbrechen zu können. Zum Weitermachen verflucht zu sein. Wie auch in der Orestie das Geschlecht zur Blutrache verflucht ist.

Eine Aneinanderreihung unzusammenhängender Ideensplitter

Die zweite Geschichte folgt auf den Albee-Einstieg. Sarah Franke tritt auf die Vorderbühne, zieht mit Klebeband Corona-Abstände ein und erzählt, dass das Virus alle Pläne zunichte gemacht habe. Man hätte drei Monate Vorproben haben sollen im Frühjahr: alles ausgefallen. Dann habe der Regisseur eine Sinnkrise bekommen, sie selbst sei zur Hygienebeauftragten ernannt worden und wisse nun genau, in welchem Abstand sie wie laut schreien darf. Sie schreit und schreit und man denkt: Wenn es etwas gibt, das man im Lockdown nicht vermisst hat, dann doch wohl grundlos brüllende Schauspielerinnen. Ob die Geschichte mit der Sinnkrise stimmt oder nicht – deutlich wird jedenfalls, dass Arnarsson tausend Ideensplitter unzusammenhängend aneinanderreiht. So bleibt der gut zweistündige Abend oft unverständlich und deshalb: langweilig.

Zwischendurch werden Orestie-Szenen angespielt: Der erste Teil, in dem Agamemnon aus dem Krieg nach Hause kehrt und von seiner Frau umgebracht wird, weil er die eigene Tochter im Krieg geopfert hat, gerät sogar halbwegs ausführlich – müde witzelnd, mit einem abgehalfterten Elvis-Verschnitt als Agamemnon. Dass daraufhin der Sohn die Mutter aus Rache für den Vater tötet und am Ende Athene das Bürgergericht einführt, das demokratisch für oder gegen den Muttermörder votieren darf, geht dagegen völlig unter.

Scheitern am großen Gesellschaftsstoff

Wie man das Demokratie-Happy-End der Orestie inszeniert, ist immer die große Frage. Michael Thalheimer hat in seiner Inszenierung damals nihilistisch mit dem Blutbad geendet und die Demokratie komplett weggelassen. Ersan Mondtag zeigte alle Figuren als Ratten – auch kein positives Menschenbild. Arnarsson nun reißt den dritten Teil in ungefähr drei Minuten herunter, allein Athene entscheidet über den Mörder, weil die Bürger nicht mitmachen und nur dumm gucken. Dieses abrupte Ende wirkt völlig aus der Luft gegriffen und schlicht angehängt.

Mit seinem Fokus auf Albees Ehehölle möchte Arnarsson die Orestie auf den privaten Familienkampf herunterzoomen – doch das ist eben zu kurz gegriffen. Es ist schließlich ein hoch politisches Stück, das sich um Kriegstreiberei und Privatinteressen dreht, um Opfer, Rache und Bürgerbeteiligung. An diesem großen Gesellschaftsstoff scheitert Arnarsson (coronabedingt?) regelrecht.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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Matthias Horn

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