EVERYWOMAN von Milo Rau / Ursina Lardi im Oktober 2020 an der Berliner Schaubühne. (Quelle: Armin Smailovic)
Armin Smailovic
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Schaubühne am Lehniner Platz - "Everywoman"

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In Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" wird ein Mann kurz vor seinem Tod gezeigt: Wer steht ihm bei? Was nutzt ihm das Geld, das er sein Leben lang angehäuft hat? Was bleibt? Bei den Salzburger Festspielen ist es Tradition, das Stück alljährlich auf dem Domplatz aufzuführen. In diesem Jahr wurde der Autor und Regisseur Milo Rau von Salzburg und der Berliner Schaubühne gemeinsam beauftragt, eine neue Fassung des Mysterienspiels zu schreiben.

Die Schauspielerin Ursina Lardi steht an diesem Abend als Schauspielerin Ursina Lardi auf der Bühne. Leger in Turnschuhen und Sportjacke erzählt sie ein wenig von ihrer Schweizer Heimat. Ihren Vorfahren, die alle Reiter waren. Davon, wie sie auf der Rennbahn einmal ein Pferd sterben sah – von Angesicht zu Angesicht. Und davon, wie sie im Mai, als die Schaubühne coronabedingt schon zwei Monate geschlossen war, einen Brief bekam.

Helga Bedau ist "Everywoman"

"Sehr geehrte Frau Ursina Lardi, ich gehe oft ins Theater, und für mich ist es schrecklich, dass sie nun geschlossen bleiben. Als ich jung war, stand ich ebenfalls auf der Bühne, ich spielte die Rosalinde, eine kleine Rolle in "Romeo und Julia". Und nun habe ich eine Diagnose erhalten: Krebs. Es ist vermutlich der dümmste Moment, das vorzuschlagen. Aber gern würde ich noch einmal in einem Stück mitspielen." Normalerweis, so Lardi, werfe sie diese Briefe weg. Aber dieser klare, einfache Ton habe sie berührt: "Bei ihr geht es um alles, dachte ich. Die will ich kennenlernen."

Helga Bedau heißt die 72-jährige Berlinerin, die nun als Helga Bedau auf der Bühne steht, bzw. auf die Leinwand über der Bühne projiziert wird. Dass ihr Leben und Sterben die Hauptrolle des Abends spielen soll, kann sie nicht verstehen – hat sie doch nichts völlig Ungewöhnliches erlebt. Doch wer hat das schon? Helga Bedau ist "Everywoman". Ein Mensch, der gelebt hat und sterben muss – wie wir alle.

Ursina Lardi Helga Beda im Stück "Everywoman" in der Regie von Milo Rau
Bild: Schaubühne/Armin Smailovic

Milo Rau setzt beide Frauen bedeutungsschwer in Szene

Wenn Ursina Lardi auf der Bühne Fragen stellt und Helga Bedau auf der Leinwand antwortet, könnte man meinen, sie säße live vor der Kamera. Doch die Einstellungen sind aufgezeichnet. Wir sehen in das furchige, recht zufriedene Gesicht einer Frau mit hellem Haar, die eine reiche Vergangenheit hat. Sie spricht ganz in sich ruhend – traurig, nicht verbittert.

Milo Rau hat die beiden Frauen bedeutungsschwer in Szene gesetzt. Auf der Leinwand sitzt Helga Bedau im Kreise anderer Menschen, vermutlich Freunde, an einer reich gedeckten Tafel. Es symbolisiert die Gartenszene in Hofmannsthals Versdrama: Der "Jedermann" sitzt beim Fest und sieht Gesichte – so wie Helga Bedau fernab der eigenen Realität mit Ursina Lardi spricht. Lardi dagegen steht in einer schwarzen Pfütze auf der runden Bühne des kleinen Globe Theaters, in der sie sich stets spiegelt. Was ist real, was Bild, was Leben, was Tod?

"Wie schnell das alles ging. Ich kann es nicht verstehen, dass ich es bin, die stirbt. Und alles andere geht weiter." zitiert Lardi Helga Bedau. Und spricht dann über sich selbst: "Wenn ich nicht arbeite, dann ist es, als rase ein schwarzer Planet auf mich zu. Wie auch nicht – oder weiß hier jemand mehr als ich? Kann Gott uns nicht einfach sagen, was er von uns will?"

Ein intimer, warmer, tröstlicher kleiner Abend

Doch es geht, wie immer bei Milo Rau, auch um die Reflexion übers Theater selbst. Lardi denkt stellvertretend laut darüber nach. Über den herrlichen Moment der Leere zwischen Stückende und Applaus, den man mit allen Menschen im Raum teilt. Über die Gemeinschaft gegen Einsamkeit. Über die Sehnsucht, ein einziges Mal ein einziges Leben auf der Bühne vollständig erzählt zu haben.

Ursina Lardi ist eine beinahe unnahbare Schauspielerin, die allerdings eine ungewöhnliche Feinnervigkeit ausstrahlt. Und so ist trotz des dunklen Themas ein intimer, warmer, tröstlicher kleiner Abend entstanden. Der nur in der zweiten Hälfte etwas zu pastoral gerät und am Ende ganz über die Pathos-Stränge schlägt, wenn zum Rauschen des Bühnenregens Lardi am Flügel Bach spielt – die Musik, die Helga Bedau sich zum Sterben wünscht.

Doch noch ist sie auf dieser Welt – und tritt zum Schlussapplaus beglückt wie ein junges Mädchen auf die Bühne.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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