Berliner Ensemble: "Gespenster" von Henrik Ibsen – hier: Corinna Kirchhoff; © Matthias Horn
Matthias Horn
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Berliner Ensemble - "Gespenster" von Henrik Ibsen

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Was passiert, wenn man die eigenen Lebenslügen zu lange versteckt? So macht es Helene Alving in Henrik Ibsens Stück "Gespenster" und richtet damit nicht nur das eigene Leben zu Grunde, sondern auch das ihres geliebten Sohnes Osvald. Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik ist eine Expertin für Ibsen – vier seiner Stücke hat sie schon inszeniert. Am Berliner Ensemble folgt mit den "Gespenstern" nun das fünfte.

Die Regisseurin belässt es in Ibsens Zeiten, Ende des 19. Jahrhunderts. Man trägt historisches Kostüm, die Damen mit Cul de Paris – dem Gestell unterm Rock, das den Hintern künstlich erhöht. Das lange Haar haben sie kunstvoll und streng hochgesteckt. Die Herren treten in Stiefeln und Anzügen auf. Gespielt wird Ibsen von A bis Z, keine Aktualisierung, die das Geschehen ins Heute holt.

Aufwändiges Raumkonzept

Trotzdem blickt man auf kein naturalistisches Setting. Der Raum ist finster, nur wenige Lampen werfen Licht, die bleich geschminkten Schauspieler geistern durch Alvings herrschaftliches Haus wie Untote in der Salon-Gruft. Die Bühne besteht aus verschiebbaren Zimmern: Wände mit Türen, Fluren und Tischchen, die man wie beim Tetris in unterschiedlichen Konstellationen zueinander schieben kann, sodass verschiedene Perspektiven entstehen. Während Wolfgang Michael als Tischler Engstrand in der Mitte der Bühne durch einen Türspalt herein ins Publikum spricht, sieht man im Zimmer links seine vermeintliche Tochter Regine (Judith Engel) , die ihrerseits zu einer halb geöffneten Tür gewandt antwortet. So können die Spieler miteinander agieren, ohne sich zu nahe zu kommen.

Koležnik habe, so liest man, das Raumkonzept (von Raimund Orfeo Voigt und Leonie Wolf) aufgrund von Corona umgestellt. Es bebildert nun bestens die Einsamkeit, die Nicht-Kommunikation zwischen allen Figuren – ist aber extrem aufwändig: Jede Drehung wird von mehreren Bühnenarbeitern gestemmt, zum Schlussapplaus kommen ein Dutzend Menschen nach vorn, die den Abend lang nichts als Bühnenteile geschoben haben. Koležniks Grundidee, ein Verwirrspiel, ein Labyrinth zu bauen, durch das die Geister irren, ist einleuchtend. Darüberhinaus hält sie sich mit Interpretationsvorschlägen zurück.

Aus dem Gesellschaftsdrama wird ein Menschendrama

Das Thema der Lebenslüge ist, so, wie es in diesem Drama verhandelt wird, nicht leicht ins Heute übertragbar, wie man meinen könnte. Schließlich handelt es von einer verpassten Emanzipation: Anders als Ibsens "Nora" hat Helene Alving ihren Mann nicht verlassen, obwohl der sie nach Strich und Faden betrogen hat. Seinen Sohn Osvald hat er mit der vererbbaren Syphilis angesteckt, die schwachsinnig macht und zum frühen Tod führt. Verliebt ist Osvald in Regine, die Tochter des Tischlers, die sich aber als seine Halbschwester herausstellt. Helene Alving hatte sich damals dem Pastor offenbart, der sie aber brüsk in die Ehe zurückstieß, sie aufforderte, "ihre Pflicht zu tun", "ihr Kreuz zu tragen".

Dieses hypermoralische Korsett der Ehrhaftigkeit und Aufopferung ist längst passé. Auch die Syphilis ist nicht mehr tödlich. Als Gesellschaftsdrama ist das so kaum mehr spielbar. Man kann es näher an uns heranholen – das ist durchaus möglich in einer Zeit, die erneut von einer unwägbaren, ungeheuren Krankheit bedroht ist. Oder aber man spielt es als Menschendrama – wozu sich Koležnik entscheidet.

Große Schauspielerinnen und Schauspieler

Auf der Bühne stehen große Schauspielerinnen und Schauspieler: Corinna Kirchhoff, Judith Engel, Veit Schubert – sie spielen Figuren in einem dunklen Zwischenreich, alle verdammt, ohne, dass sie wirklich Schuld hätten. Wolfgang Michael gibt den versoffenen, berechnenden Engstrand wunderbar knarzig und verdruckst. Auch Veit Schuberts moralinsaurer Pastor, der nur aufs eigene Ansehen Wert legt, bleibt in all seiner Bigotterie stets unterhaltsam.

Corinna Kirchhoff als Helene Alving ist mit dem ihr eigenen, hochtrabenden Ton, dem kühlen Zynismus der alternden Diva hier einmal treffend besetzt. Ihre Figur ist die spannungsreichste – sie bereut ihre Entscheidungen, möchte die Dinge gerade rücken. Doch dafür ist es zu spät.

Ein "klassischer Ibsen" vom Blatt

All diese Figuren sind von Beginn an völlig durchschaubar. Doch wenn Sohn Osvald seine Mutter zuletzt bittet, ihm das erlösende Morphium zu reichen, hat das noch immer Kraft. Man kann sich also an einem klassischen Ibsen vom Blatt freuen – ohne tiefschürfende Einsichten fürs Hier und Heute erwarten zu dürfen.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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