Staatsballett Berlin: Giselle © imago images / POP-EYE
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Staatsballett Berlin - "Giselle"

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Mit der Wiederaufnahme der "Giselle" zeigt das Berliner Staatsballett das erste abendfüllende Handlungsballett seit März. Und schon ist es wieder vorbei, müssen alle Vorstellungen im November abgesagt werden. Dass die Theater- und Opernhäuser ab Montag schließen müssen, ist eine harte Entscheidung, gerade angesichts der strengen Hygienemaßnahmen, die die Häuser seit Wochen durchsetzen.

Und so scheint die Stimmung in der Staatsoper Unter den Linden ernst zu sein, aber doch gefasst, etwas bedrückt und doch froh. Erwartungsfroh, eine der vorerst letzten Vorstellungen sehen und sich von "Giselle" verzaubern lassen zu können. Trotz allem. Der Ausfall der November-Vorstellungen mitsamt der geplanten "Schwanensee"-Wiederaufnahme ist ein schwerer Schlag für das Staatsballett. Nach all den Hygiene- und Kontrollmaßnahmen der letzten Wochen, wie etwa den getrennten Trainingsgruppen, einer bestens funktionierenden Maßnahme. In der letzten Woche gab es eine Infektion im Ensemble, aber anders als das Bayerische Staatsballett musste das Berliner nicht in Quarantäne.

Es ist eine sehr schwierige Situation für das in diesem Jahr so gebeutelte Staatsballett.

Leicht geänderte "Corona-Fassung"

Die Berliner "Giselle" stammt von Patrice Bart, aus dem Jahr 2000, ist an der Staatsoper noch vor Gründung des Staatsballetts herausgekommen und er selbst hat nun diese angepasste Fassung erstellt, auch wenn er mit seinen 75 Jahren nicht nach Berlin reisen konnte. Die Einstudierung hat seine Assistentin Raffaela Renzi vorgenommen, die Berliner Kammertänzerin, früher an der Deutschen Oper gefeiert.

Diese angepasste Fassung ist verschlankt, ist noch reduzierter in den pantomimisch-erzählerischen Passagen und mit viel Abstand in den Massen-Choreographien, beim großen Dorf-Fest, bei dem Giselle zur Weinkönigin gekürt wird oder im zweiten Akt beim berühmten Tanz der Wilis.
Auch die Berliner Staatskapelle hat in kleinerer Besetzung gespielt und Dirigent Ido Arad hat eine sehr überzeugende, durchsichtig sehnige, an den richtigen Stellen fragile oder auftrumpfende Interpretation der Musik von Adolphe Adam geliefert.

Staatsballett Berlin: Giselle, hier: Ensemble; © Yan Revazov
Bild: Yan Revazov

Der "Giselle"-Zauber stellt sich ein

Vor allem im zweiten Akt stellt sich dann auch der "Giselle"-Zauber ein, wenn die Geschichte zu ihrem Zentrum findet - dieses traurig-tragische Schauermärchen vom Dorfmädchen Giselle, das sich in den Adligen Albrecht verliebt, der jedoch schon einer anderen versprochen ist, weswegen sie an gebrochenem Herzen und an ihrer Tanzlust stirbt. Im zweiten Akt, wenn sie bei den Wilis ist, bei den Waldgeistern und Feen, den jungen Frauen, die vor ihrer Hochzeit gestorben sind und nun in alle Ewigkeit Nacht für Nacht tanzen müssen, v.a. Männer zu Tode tanzen müssen – ein Schicksal, das nun auch Albrecht droht.

Höhepunkt des romantischen Balletts

"Giselle", 1841 im Paris uraufgeführt, ist der Höhepunkt des romantischen Balletts, setzt tänzerisch und erzähltechnisch die Standards für alles, was folgt, v.a. in der Erzählung der überirdischen, ins Jenseitige reichenden romantischen Liebe. Nur Giselles Liebe zu Albrecht über ihren Tod hinaus kann ihn retten – wegen ihrer Liebe kann sie Myrtha, der gnadenlosen Königin der Wilis widerstehen und darf Albrecht die erlösende Morgendämmerung erleben.

Der zweite Akt ist traumhaft entrückt mit den tanzenden Feen, mit den neuerlichen Liebestänzen von Giselle und Albrecht, ihrer Trauer abgetrotzt – und er ist auch in dieser verschlankten Fassung ein ergreifendes Finale. Und dass wegen Iana Salenko und Daniil Simkin als Liebespaar.

Staatsballett Berlin: Giselle, hier: Iana Salenko, Daniil Simkin; © Yan Revazov
Bild: Yan Revazov

Iana Salenko und Daniil Simkin

Schon bei den Gala-Abenden des Staatsballetts seit September war Iana Salenko der strahlende Star. Nun ist sie eine grandiose Giselle, erst zart und gehorsam als schüchtern-verliebtes Mädchen, dann vom Wahnsinn geschüttelt in der berühmten Wahnsinns- und Todes-Szene am Ende des ersten Aktes, wenn sie die Wahrheit über Albrecht entdeckt. Und grandios im zweiten Akt als der Welt abhanden gekommene Fee, deren letztes Lebens-Liebes-Glimmen Albrecht das Leben rettet. Tänzerisch und darstellerisch ist das eine herausragend glanzvolle Leistung von Iana Salenko.
Auch Daniil Simkin ist im zweiten Akt fantastisch. Er verzehrt sich in Trauer und Schuld und tanzt sich auf Befehl der Wilis-Königin fast zu Tode – er springt und fliegt selbst schon wie zu einem Traum geworden.

Das ist der Clou dieser "Giselle"-Fassung: am Ende bleibt er allein zurück, wird nicht getröstet von seiner ihm verzeihenden Verlobten. Der gesamte zweite Akt, die Feen, das geisterhafte Wiedererscheinen von Giselle, ihre Liebestänze, ihr Verschwinden im Morgengrauen – alles könnte auch nur Albrechts Traum gewesen sein.

Vorerst letzte Vorstellungen nicht verpassen

Die vorerst noch möglichen Vorstellungen dieser "Giselle" sollte kein Ballett-Fan verpassen. Es dauert zwar etwas, ehe der Abend seine Faszination entwickelt, der erste Akt wirkte gestern etwas verhuscht, bei den Damen und Herren gab es einige kleine Ungenauigkeiten und Salenko und Simkin waren da auch noch nicht ganz das glühende Liebespaar – das sind sie erst in der Tragik, in Verzweiflung und Tod.

Aber der zweite Akt ist wundervoll – mit Aurora Dickie als diamanthart unerbittlicher Feenkönigin, mit dem herrlichen Tanz der vierzehn Wilis auf der vom Mond beschienenen Wald-Lichtung, mit der Errettung des schuldig Gewordenen durch die wahre Liebe.

Also hingehen und den schweren Schlag für das Staatsballett abmildern.

Frank Schmid, rbbKultur

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