Staatstheater Cottbus: Umkämpfte Zone, hier: Lucie Luise Thiede (Großmutter), Gunnar Teuber (Großvater), Johann Jürgens (Bruder), (hinter ihm) Susann Thiede (Schwester 1) sowie der BürgerSprechChor; © Marlies Kross
Marlies Kross
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Staatstheater Cottbus - "Umkämpfte Zone"

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Regisseur und Autor Armin Petras hat das Berliner Maxim Gorki Theater geleitet und das Staatstheater in Stuttgart. Eine Zeit lang galt er auch (nach dem unrühmlichen Abgang von Chris Dercon) als heißer Kandidat für den Chefposten der Berliner Volksbühne. Jetzt hat Petras, den der "Spiegel" einen "rastlosen Theaterberserker" nannte, als Hausautor und Regisseur eine neue Heimat am Staatstheater in Cottbus gefunden. Er eröffnet die Saison mit der Adaption eines Romans von Ins Geipel: "Umkämpfte Zone".

Ines Geipel war Weltklasse-Sprinterin der DDR und ist heute Kritikerin der Geschichts-Klitterung. Die "Umkämpfte Zone" ist reales und imaginäres, politisches und psychisches Schlachtfeld, ist die Vergangenheit der DDR und die Gegenwart der ostdeutschen Bundesländer. Der vollständige Titel lautet: "Umkämpfte Zone: Mein Bruder, der Osten und der Hass", denn Ines Geipel macht ihre Familiengeschichte zum Ausgangspunkt ihrer schmerzhaften Erkundungen. Sie will herausfinden, woher das "toxische Schweigen" kommt, das über der eigenen Familie, der SS-Vergangenheit ihrer Großväter und der Stasi-Tätigkeit ihres Vaters lag, woher die Angst und die Lügen kommen, die den Alltag der DDR-Bürger aushöhlten.

Staatstheater Cottbus: Umkämpfte Zone, hier: Lucie Luise Thiede (Jugendliche) sowie der BürgerSprechChor; © Marlies Kross

Hass und Wut auf alles und jeden

Geipel liest die Geschichte der DDR als eine Geschichte der Gewalterfahrung, schlägt einen Bogen von der Nachkriegs- bis in die Wendezeit, sieht den Rechtsradikalismus der AfD und den Terror der NSU als Verdrängung schuldhafter Verstrickungen und als Fortsetzung der unbearbeiteten Diktatur-Erlebnisse mit anderen Mitteln. Sie zeigt, dass sich die verdrängte Vergangenheit wie ein Krebsgeschwür in die Gegenwart frisst, sich heute in Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus ausdrückt, sich in Hass und Wut entlädt, auf alles und jeden, den Staats, die Eliten - vor allem aber auf sich selbst.

Petras lässt keine Zeit, um die Gedanken zu sortieren

Armin Petras kürzt radikal, fokussiert sich auf wenige Personen und Themen: aus dem Roman von 277 Seiten wird ein luftig bedrucktes 60-Seiten-Bühnen-Manuskript. Es gibt nur noch den im Sterben liegenden Bruder und die an seinem Krankenbett sitzende Schwester in doppelter Ausführung; dazu den Nazi-Großvater, der nie zur Rechenschaft gezogen wurde, und jetzt identisch ist mit dem Stasi-Vater, der immer wieder in den Westen reiste, um Spitzeldienste zu leisten und Verräter aufzuspüren.

Und es gibt einen Chor, der in vielen Verkleidungen und Sprechweisen auftritt, die von Gewaltgeschichte der Familie und die Gewaltgeschichte der Diktatur-Mitläufer und Demokratie-Verweigerer wie in einem antiken Drama kommentiert: als Nazi-Schergen, als sozialistische Fahnenschwenker, als Pegida- und NSU-Sympathisanten. Textsplitter, Musikeinlagen, Sprechchöre, Träume und Alpträume: alles rattert wie ein unaufhaltsamer Zug über die Bühne: Gern würde man mal länger verweilen, die Gedanken sortieren, aber Petras hat dafür keine Zeit, er will uns den maximalen Kontrast von individuellem Leid und gesellschaftlicher Unterdrückung möglichst deutlich vor Augen führen.

Geschichte der Gewalt

Die Bühne (gebaut von Peta Schickart) ist eine Krypta des Vergessens, ein Erinnerungsgrab, ein schwarzer Schlund, der in der Tiefe des leeren Raumes immer enger wird und alles gnadenlos verschlingt und wieder ausspuckt. Durch ein kleines Loch krabbeln sie ans Tageslicht, die Schauspieler und der Chor, die Lügen und die Schuld, die Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reicht.

Der mit blutigen Verbänden auf einer Pritsche liegende Robert, sensibel und fragil gezeichnet von Johann Jürgens, sieht alles doppelt, auch Ines, seine Schwester, sieht er gleich zweimal, als junge und alte Frau, als Spielkameradin und als Geliebte: Susann Thiede und ihre Tochter Lucie Luise Thiede spielen die doppelte Ines als eine mal zerbrechliche und mal als starke Frau, sie will nichts wie weg und bleibt dann doch, um den Bruder vor dem Vater zu beschützen, der an seine Kinder die Gewalt weitergibt, die er von seinem Nazi-Vater geerbt hat und die er jetzt bei seiner Arbeit als Stasi-Agent gut gebrauchen kann.

Gunnar Teuber (als Vater und Großvater) ist eine Ausgeburt des "autoritären Charakters", der nur Befehl und Gehorsam kennt. Er muss nur fies grinsen und seine Kinder durch den dunklen engen Tunnel der Erinnerungen jagen, zuschlagen muss er gar nicht: die Gewalt ereignet sich dann nur in unserer Fantasie. Petras legt es auf scharfe Schnitte und knallige Konturen an: Während Schwester und Bruder psychologisch feinfühlig erkundet werden, sind Vater und Großvater nur satirische Karikaturen und alberne Charaktermasken. Gegen das individuelle Leid der Geschwister setzt Petras die enthemmte Masse, den stampfenden Chor, der uns grölend die Geschichte der Gewalt, die vom Holocaust bis zu den Morden des NSU reicht, um die Ohren hat: Das ist ungemütlich und tut richtig weh.

Staatstheater Cottbus: Umkämpfte Zone, hier: Lucie Luise Thiede (Schwester 2) und Johann Jürgens (Bruder); © Marlies Kross
Bild: Marlies Kross

Ein "Volkshochschulkurs" zur deutschen Geschichte

Dass die Inszenierung dazu beitragen könnte, die Kluft zwischen Ost und West zu schließen und die Mauern in den Köpfen einzureißen, ist ein frommer Wunsch: Denn die wenigen Zuschauer*innen, die in Corona-Zeiten noch ins Theater dürfen (es werden 70 statt 620 in den Saal gelassen), gehören ohnehin zur Bildungs- und Kultur-Elite, die über die Deformationen des "autoritären Charakters" Bescheid weiß. Der aufs Skelett reduzierte Text und die Inszenierung tun aber so, als müsste man Aufklärungsarbeit leisten. Wie in einem Volkshochschulkurs zur deutschen Geschichte werden Fakten und Namen heruntergebetet und den Zuschauern regelrecht eingebleut. Die Intensität der intimen Momente, die im Spiel zwischen Bruder und Schwester entsteht - Leid, Schmerz, Ausweglosigkeit - wird allzu oft konterkariert mit krakeelender Blödelei, mit Plüschfiguren und Pittiplatsch-Albernheiten.

Hätte Petras darauf verzichtet, wäre wohl ein grandioser Abend zustande gekommen. Eine Frage wird leider gar nicht gestellt: Wie konnte Ines Geipel, im Gegensatz zu vielen anderen, die in der DDR drangsaliert wurden und heute Populisten hinterherlaufen, sich aus der Gewaltspirale befreien und solch ein aufrüttelndes und kluges Buch schreiben wie "Umkämpfte Zone"?

Frank Dietschreit, rbbKultur

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