Mit mehreren Kameras und Mikrofonen ausgestattet gelang der Livestream aus dem Deutschen Theater Berlin (Quelle: Deutsches Theater Berlin/Arno Declair).
Bild: Deutsches Theater Berlin/Arno Declair

Deutsches Theater - "Der Zauberberg"

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Am Deutschen Theater war zum ersten Mal eine "Geisterpremiere" zu sehen. Das Ensemble spielt live – aber ohne Publikum. Die Zuschauer*innen können sich lediglich für die Dauer der Aufführung online zuschalten.

Eine Prozession weißer Gestalten kämpft sich mit schweren Schritten über die weiße Bühne als ginge sie durch meterhohe Schneewehen. Ihre Gesichter weiß, die Haare weiß, stecken sie in weißen Fatsuits, die ihnen dicke Brüste, massige Bäuche anheften. Oder die faltige Haut in Stofflappen über den Stoffrippen herabhängen lassen. Als könnten diese Menschen ihre Körper aus fahlem oder zu üppigem Fleisch jederzeit abstreifen. Und dann? Was bliebe dann von ihnen übrig?

Roman der Stunde

Ihre Stimmen sind verzerrt, wenn sie die großen, existenzphilosophischen Fragen stellen, die in Thomas Manns "Zauberberg" oft eher zwischen den Zeilen verhandelt werden: Kann man die Zeit erzählen? Was ist der Körper? Was ist das Fleisch? Was ist das Leben?

Auf dem Bühnenboden die Projektion eines Labyrinths, schön wie ein Mandala. Darauf steht ein riesiges Instrument, ein Galgen womöglich, ein Folterwerkzeug, vielleicht aber auch ein Teleskop zur Sternenbetrachtung.

"Der Zauberberg" wird gerade an vielen Theatern als Roman der Stunde inszeniert: Hans Castorp, der seinen Vetter im Schweizer Sanatorium besucht, eines für Lungenerkrankungen. Auf drei Wochen nur – doch aus ihnen werden sieben Jahre in Isolation, während derer sich in der Welt der Krieg zusammenbraut. Eine Geschichte über Krankheit, Leben, Sterben und natürlich: Zeit.

Castorp blitzt hier und da durch

Sebastian Hartmann hat diesen Klassiker schon vor zehn Jahren in Leipzig inszeniert, damals sogar recht nah an der Vorlage. Am Deutschen Theater verabschiedet er sich nun von jeder Erzählebene und zeigt allein seine radikal subjektiven, bizarren Assoziationswelten. Er arbeitet sich fast ausschließlich an der Episode ab, in der Castorp sich auf einer Schneewanderung verirrt und der Welt beinahe verloren geht – im weißen Wahn fantasiert er sich da blutige Albträume zusammen.

In der Figur von Markwart Müller-Elmau blitzt Castorp hier und da durch, wenn er ins Leere starrt und Sätze sagt wie: "Ich bin der Welt abhanden gekommen. Gestorben bin ich der Welt."

Nihilismus pur

Ein höchst abstrakter Abend ist das, finster inszenierte Philosophie vom Nichts. Nihilismus pur. Einmal wird ein Körper mit einem Akku-Schrauber immer wieder zum Leben erweckt. Doch alles, was er wie wahnsinnig schreien kann, ist: "Ich muss sterben!!". Von wegen: freier Wille.

Hin und wieder dann ein Bruch, die Dekonstruktion. Die Spieler verschwinden für eine Zigarette hinter der Bühne und reden von der "Unbrauchbarkeit der großen Begriffe". Später wechseln sie in weiße Kleider aus Tüll und parodieren die selbstsichere Gesellschaft, die für alles einen Namen und eine Antwort hat.

Momente höllischer Verzweiflung

In den besten Augenblicken schafft Hartmann albgeträumte Existenzbilder und Momente höllischer Verzweiflung. Etwa die Projektion der pseudo-nackten Menschen an der Bühnenwand, die nun wirken, als fielen sie aus schwarzen Wolken in einen finsteren Abgrund. Die gruseligen Totenköpfe, die den Spielern immer wieder aufs Gesicht projiziert werden. Der Moment, wenn Cordelia Wege versucht, einen unsichtbaren Vogel zu fangen. Das einzige echte Leben.

Und immer wieder: der Blick in das stumme, elendige, hoffnungslose Gesicht von Markwart Müller-Elmau, der sich in Erinnerungen an den Krieg verliert, während schwarze Asche auf ihn rieselt.

Überambitionierte Kunstanstrengung

Doch die längste Zeit des Abends wirken die rätselhaften Bilder, die die vier Kameras höchst professionell sowohl kreieren als auch einfangen, überinstrumentiert, künstlich und bedeutungsschwanger. Man mag das perfekte Handwerk des Regisseurs bewundern, seine Kunstfertigkeit, Kameras und Bühne so geschickt zu verzahnen, zudem die fantastischen Kostüme von Adriana Braga Peretzki – berühren kann das aber nur äußerst selten.

Nach der Dauer von zwei Stunden bleibt vor allem das Gefühl einer überambitionierten Kunstanstrengung zurück.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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