Sasha Waltz: Dialoge 2020 – Relevante Systeme II; © Luna Zscharnt
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Im Livestream aus dem Radialsystem V - "Dialoge 2020 – Relevante Systeme II" - der erste Abend

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Sasha Waltz ist zurück. Wenn auch ganz anders als geplant. Eigentlich wollte Deutschlands bekannteste Choreographin ihre neuen Dialoge-Abende vor Publikum im Berliner Radialsystem zeigen – nun sind vier Livestream-Abende daraus geworden. Seit gestern und noch bis Sonntag wird an jedem Abend live aus dem Radialsystem übertragen - mit jeweils anderen Klangkünstlerinnen und -Künstlern der elektronischen Musikszene.

Nach einem für sie sehr schwierigen Jahr, das mit dem überraschenden Ende ihrer Co-Intendanz am Berliner Staatsballett begonnen hatte und die Absage fast aller Vorstellungen und Tourneen gebracht hat, versucht Sasha Waltz nun wie beim ersten "Dialoge 2020 – Relevante Systeme I"-Abend im August, Neues zu finden und möglichst frei zu experimentieren.

Nicht alles improvisiert

Und doch ist bei diesem ersten Abend nicht wie angekündigt alles improvisiert, sondern einiges ist vorformuliert und als situative Setzung geplant. Etwa beim Spiel mit einer u-förmigen Box aus drei großen Plexiglasscheiben oder beim Drama mit der einzelnen Scheibe, auch manche der Bewegungs-Motive und -Phasen wirken wie schon mal geprobt.

Das hat diesem einstündigen Livestream gutgetan – er hatte dadurch etwas Konzentriertes und Fokussiertes, eine stringente Dramaturgie in seiner Vielfältigkeit und Vielgestaltigkeit. Innerhalb der vorstrukturierten Settings hatten die neun Tänzerinnen und Tänzer, darunter auch Sasha Waltz selbst, Raum zu Improvisation und sie haben ihn klug genutzt.

So mancher Improvisationsabend verläuft sich ja wenig vergnüglich in Beliebigkeit – das war hier nicht der Fall.

Konkret und erzählerisch – Box als Angst-Lust-Objekt

Hier ging es sehr konkret und erzählerisch zu. Etwa beim Spiel mit der u-förmigen Box, die Angst-Lust-Objekt, trennende Grenze von Innen und Außen, Distanz und Nähe ist. Wer wagt sich hinein, wie wirkt sich die Trennung aus, wie findet man durch die Scheiben hindurch zu Intimität – das sind hier die Themen, Menschen getrennt und doch verbunden und das Waltz-typisch auch akrobatisch und gefährlich. Denn die Box wird zur Dach-Konstruktion gekippt, unter der man nur gestaucht stehen und gehen kann und schließlich liegt eine Tänzerin obenauf und beim nächsten Kippen der Box werden alle benötigt, um das Gewicht zu halten, die Tänzerin vorm Absturz zu bewahren.

Das ist also auch eine Übung in Gemeinsamkeit.

Wutausbruch und Trost

Zum Drama mit der einzelnen Scheibe kommt es, als eine Tänzerin voller Wut immer wieder eine Lederjacke dagegen haut und mit ihren Füßen dagegentritt, ein Wutausbruch zum Fürchten. Sie wird am Ende dieser Szene von Sasha Waltz wie ein Kind in den Armen gehalten und getragen und wie zum Trost gewiegt.

Sasha Waltz auf der Bühne

Sasha Waltz selbst hat den Livestream eröffnet, hat in absoluter Nahaufnahme ihr Willkommen in eine der Kameras geflüstert, hat dann auf der Bühne immer wieder Impulse gesetzt, Bewegungen initiiert, die die Tänzerinnen und Tänzer aufgenommen haben oder auch nicht. Sie hat mitgetanzt – mal mit strengem Blick, mal lächelnd – eine Freude, sie wieder zu sehen.

Die Musik von Acid Pauli – sanfter Klangraum

Nun ist die Idee dieser vier Improvisationsabende, dass die Tänzerinnen und Tänzer in Kontakte mit der jeweils live gespielten Musik treten. Gestern Abend stand Acid Pauli am Mischpult, also Martin Gretschmann, der seit langem in der Elektro- und House-Music-Szene unterwegs ist, weltweit bei Techno- und House-Partys auflegt. Er hat hier einen sehr sanften Klangraum gestaltet: pochende, klopfende, tropfende, pulsierende Klänge, Elektro-Percussion in einzelnen Tönen und in Loops, Reihen und Echos übereinandergelegt, langsame Beats, zu denen man langsam tanzen möchte, leicht melancholisch und stoisch-entspannt und gefasst. Eine Musik, die sich nie in den Vordergrund drängelt, die aber die Tänzer auch selten zu Reaktionen herausfordert.

Da kann von den anderen Musik-Künstlern der nächsten Abende auch gern Schärferes kommen.

Die Dialoge-Abende von Sasha Waltz

Insgesamt gehört dieser Abend zu den besseren der Dialoge-Reihe. Diese Dialoge-Abende, immer wieder seit Beginn ihrer Karriere Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre, sind für Sasha Waltz Freiheitsräume zum Ausprobieren und Neuerfinden – die berühmtesten waren die im Jüdischen Museum, im Neuen Museum, im Palast der Republik, um nur einige zu nennen.

Und hier spürt man wieder die Lust am Experimentieren. Hier sind Versuche in erzählerischem Tanz mit einfacher direkter Emotionalität zu sehen und in den Bewegungen Versuche, Stockungen und Stauungen aufzulösen, wieder flüssig werden zu lassen.

Es gab etliche berührende Momente und einige für Sasha Waltz neue Bewegungsformen und sie hat diesmal mit ihren aus aller Welt stammenden älteren und jüngeren Tänzerinnen und Tänzern die richtige Mischung gefunden zwischen ausdrucksstarkem Sich-Selbst-In-Szene-Setzen und Den-Anderen-Raum-Lassen und Auf-Sie-Reagieren.

Bei der Bildregie der vier, fünf Kameras wäre eine etwas neutralere und weniger unruhige besser gewesen, es waren auch wieder zu viele Nahaufnahmen, zu selten der Blick auf das Ganze. Aber so ist das nun mal bei Livestreams – man kann nicht selbst wählen, worauf man sich konzentrieren will.

Insgesamt war dies ein gelungener Abend nach dem Motto: wie können wir den Druck, unter dem wir gegenwärtig stehen, wirklich wahrnehmen und zulassen und dann auch loslassen – damit ein Stück genau passend zu unserer Zeit.

Frank Schmid, rbbKultur

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