Künstler Taylor Mac
Bild: Little Fang Photograph

Berliner Festspiele Online - Taylor Mac: "Holiday Sauce… Pandemic!"

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Taylor Mac ist in den USA schon lange ein Star – in Berlin ist der Name aber erst seit einem Jahr bekannt, als der queere Theatermacher, Sänger, Drag-Performer im Haus der Berliner Festspiele die "24-Decade History of Popular Music"-Show zeigte: ein 24-stündiger Ritt durch die amerikanische Geschichte, aber mit queerer Interpretation. Wer dabei war, schwärmt noch heute davon, was für ein bombastisches und bewegendes, anrührendes und ekstatisches Gemeinschaftserlebnis das war.

Auch dieses Großereignis war es, das Taylor Mac nun den Internationalen Ibsen-Award eingebracht hat – vor ihm haben ihn Künstler wie Peter Handke, Heiner Goebbels und Christoph Marthaler erhalten. Für die virtuelle Preisverleihung in Oslo hat Mac nun eine Pandemie-Version seiner Christmas-Show "Holiday Sauce" erarbeitet.

Taylor Mac als Garten Eden

Sie beginnt mit einem Bild, das einen über die nicht eben fröhlichen Feiertage trösten und das Herz ein wenig hüpfen lassen kann: Taylor Mac als Garten Eden. Auf dem Kopf ein gigantisches Gesteck – ein Erntedankaltar ist nichts dagegen. Kürbisse jedweder Art, Karotten, Äpfel, Birnen stecken da. Das Gesicht geschminkt mit einer Birnennase, Gersten-Augenbrauen, Pfirsich-Wangen und natürlich: Kirschlippen.

Jeder Körperteil steckt in Rüschen und Blumen, um Mac herum Glitzer und Lametta in lila, grün, rot. Außerdem ein jüdischer Leuchter.

Judy, das ist Taylor Macs gewünschtes Personalpronomen, judys Kostüm- und Maskengenie Machine Dazzle also hat hier wieder ein Wunder vollbracht, vor dem man sitzt wie das Kind vor dem glitzernden Weihnachtsbaum.

Als queere Person die Feiertage überstehen

Wie in der Live-Show "Holiday Sauce" will Taylor Mac auch in dieser digitalen Pandemie-Version unterhaltsam Tipps geben, wie man die Feiertage als queere Person in der Herkunftsfamilie übersteht. Denn wenn, so Mac, im Covid-Jahr zehn Menschen zusammenkommen dürfen und die Statistik besagt, dass einer von zehn Menschen queer ist – dann wird man als dieser eine von zehn verdammt einsam sein.

Aber, Macs verehrte verstorbene Drag-Mutter "Flawless Sabrina", der dieser Abend gewidmet ist, sagt: "You’re the Boss, apple sauce!"

Also: Du hast die Kontrolle. Ein kabarettistischer Beginn ist das, wenn judy Trick Nummer Eins verrät: Vorgeben, man gehe mal eben Eierpunsch kaufen, und sich dann in der einzigen Gay-Bar mit Mother Mary betrinken. Im Lockdown allerdings: schwierig.

Schöner noch die Szene, in der Taylor Mac ein traditionelles Weihnachtslied für die queere Kultur passend macht, inklusive der Frage nach dem Geschlecht des Heiligen Erlösers: "He? Let’s just add an s, let’s just do it and it will work itself out..."

Geschichte und Tradition für alle

Das ist mehr als ein kleiner Spaß, es ist eine Grundfeste von Macs Kunst, auf die schon die "24-Decade-Show" angelegt war: Geschichte und Traditionen, die jahrhundertelang fest in heterosexuellen, weißen Communities verankert waren, zugänglich zu machen, umzuschreiben für all jene Menschen, die bislang davon ausgeschlossen waren oder diskriminiert wurden.

Und zwar nicht, in dem judy das Publikum spaltet, sondern es auf herzerwärmende Art und Weise verbindet.

Auszeichnung für Engagement

Dafür steht Taylor Mac – und unter anderem dafür ist judy mit dem Ibsen-Preis ausgezeichnet worden. In der Jurybegründung heißt es:

"In einer Welt zunehmender Polarisierung und Spaltung stellt Taylor Mac Arbeiten her, die das Potenzial des Theaters aufzeigen, ein Publikum zu binden und zu vereinen, darüber nachzudenken, wie wir uns zur Kultur in verschiedenen und unterschiedlichen Formen verhalten und was es bedeutet, sich als Gemeinschaft durch den Akt der Aufführung phantasievoll, ethisch und politisch zu engagieren."

Eine weitere große Stärke Macs ist, Künstler zusammenzubringen, die Community zu stärken. Und so ist auch diese Show davon geprägt, dass neben Mac selbst auch diverse andere queere Performerinnen oder Sänger auftreten und damit sichtbar werden.

Schön etwa, wenn Machine Dazzle als üppiger Weihnachtsbaum mit Lampenfieber vor dem Fest versucht, sich selbst Mut zuzusprechen: "You’re beautiful, you’re tall enough, you’re long enough, you’re balls are beautiful..."

Einblick in die schräge, politische Drag-Welt

Die meisten dieser Nummern verlieren durch das Online-Format aber stark an Gemeinschaftsgefühl, der gewünschte Zusammenhalt bleibt eher Behauptung. Und man muss des Englischen schon bestens mächtig sein, um nicht die Hälfte der Pointen zu verpassen.

Doch auch, wenn vieles für Nicht-Insider kryptisch bleibt: um einen Einblick in die perfekt schräge, politische und hoch emotionale Musical-, Burleske-, Drag-Welt dieses fantastischen Sängers und Ausnahmekünstlers zu bekommen, um das warme Charisma judys Person zu spüren, ist dieses einstündige Video ein guter Start.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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