Hans Otto Theater: Der Vorname © Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater | Komödie - "Der Vorname"

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Die französische Erfolgskomödie "Der Vorname" wird seit rund zehn Jahren weltweit viel gespielt und wurde sogar schon zwei Mal fürs Kino verfilmt. Das Potsdamer Hans Otto Theater hat den Hit nun in einer Online-Premiere herausgebracht.

Das Stück ist überaus clever geschrieben. Die Komik resultiert aus Schrecklichem, nämlich aus der Erkenntnis, dass bürgerliches Zusammenleben sehr, sehr oft gar kein Zusammenleben, sondern ein Nebeneinander-her-leben ist. Die Komödie blickt, und das gelingt nur sehr guten Komödien, mit rasierklingenscharfem Witz auf eine Tragödie: die Lächerlichkeit, dass der Mensch sich für die Krone der Schöpfung hält.

Beleuchtet wird das an einer simplen Konstruktion, die so oder doch so ähnlich schon in -zig Stücken und Filmen variiert wurde: fünf Leuten, alle miteinander verwandt und/ oder befreundet, treffen sich zu einem Abendessen, das zur Katastrophe wird.

Als Ausgangspunkt setzen die Autoren Matthieu Dalaporte und Alexandre de la Patellière die Aussage eines werdenden Vaters, seinen künftigen Sohn Adolphe zu nennen. Auch im Französischen klingt das wie Adolf. Und diese Namenswahl sorgt erst für Verwirrung, dann für moralische Entrüstung, politische Diskussionen, schließlich zu einem Streit. Der eskaliert, reicht er doch bald weit über den Anlass hinaus. Es wird klar, dass diese braven Bürger stets ein falsches Lächeln vor sich hertragen, einander in Wahrheit aber am liebsten erdolchen würden, zumindest im übertragenen Sinn.

Das geschliffene Wort brilliert

Die Potsdamer Inszenierung hat einen klugen Zugriff auf die komplexe Vorlage. Das geschliffene Wort darf brillieren. Und das tut es mit einem schmerzlichen Feuer. Regisseur Moritz Peters zeigt damit wirkungsvoll die Brüchigkeit überkommener Lebenslügen-Muster. Er beleuchtet, wie fatal es ist, wenn Worte zwar gut klingen, aber letztlich nur gedankenlose Leere ummänteln. Da wird im erst luftig-hübschen, von durchscheinenden Vorhängen geprägten Bühnenbild, das am Ende ein Trümmerhaufen ist, deutlich darauf verwiesen, wie wichtig es einerseits im Zusammenleben ist, kompromissfähig zu sein, wie gefährlich zu viele und vor allem falsche Kompromisse andererseits sind.

Abgefilmtes Theater ist meist schlechtes Kino. In Potsdam ist es gutes Theater, vom Zuschauerraum aus gefilmt, oft in der Totalen, so, wie Besucher die Vorstellung vom jeweiligen Platz aus sehen würden. Halbtotalen und Nahaufnahmen sorgen für zusätzliche Intensität. Aber erfreulicherweise gibt es kein Kamerageplänkel von der Bühne aus, ist keine Kamerafrau und kein Kameramann zwischen den Akteuren herumgeturnt. Das wirkt auf dem Bildschirm streng und konturenscharf, und das ist ausgesprochen gut. Hier wird nicht, wie oft bei digitalen Angeboten anderer Theater zu beobachten, versucht eine Kino-Imitation herzustellen. Genau deshalb ist es wirkungsvoll – und weckt die Sehnsucht nach "richtigem" Theater. Grad bei einer Komödie ist es ja so, dass sich die Zuschauer gegenseitig beim Lachen anstecken. Das fehlt beim Genuss daheim.

Wichtig: Vorab rät der Regisseur in einem kleinen Statement, die Inszenierung mit Kopfhörern zu verfolgen. Den Rat sollte man unbedingt beherzigen.

Schauspiel auf den Punkt

Komödien verlangen von den Akteuren hohes Können, das Tempo muss stimmen, die Gags müssen sitzen, sonst gibt's nichts zu lachen. Die zwei Schauspielerinnen und drei Schauspieler in Potsdam reizen oft zum Lachen, einem meist schmerzverzerrten allerdings. Gut so. Alle agieren intensiv, zeichnen wirkliche Charaktere und keine Karikaturen. Jede und jeder agiert körperlich und mimisch auf den Punkt genau. Herausgehoben sei Franziska Melzer als zunächst gefügige Gattin, die Kinder und Küche meistert und ansonsten kein Eigenleben zu haben scheint. Wenn die von ihr gespielte Elisabeth gen Ende explodiert, und beispielsweise althergebrachte Geschlechter-Klischees als solche entlarvt, hält man vor Spannung den Atem an – und bekommt viel Stoff für das Nachdenken über den Theaterabend hinaus.

Peter Claus, rbbKultur

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