Come as you are # Teil 2; © TOTAL BRUTAL / Nir de Volff
Dock 11
Bild: Dock 11 Download (mp3, 5 MB)

Im Livestream aus dem Dock 11 - "Come as you are # Teil 2"

Bewertung:

Drei junge Männer, drei Tänzer, vor wenigen Jahren aus Syrien nach Deutschland geflüchtet, versuchen in Berlin ein neues Leben aufzubauen. Sie stehen im Mittelpunkt der Choreografie "Come as you are # Teil 2" von Nir de Volff, dem Berliner Choreografen aus Israel. Bei der ersten Choreografie standen ihre Flucht und ihr Ankommen im Vordergrund – nun geht es um ihre bisherigen Erfahrungen in Deutschland.

Mein Körper tanzt hier, meine Seele ist noch in Syrien.

Die drei erzählen von ihrem Leben, ihren Hoffnungen, Ängsten und Träumen – und das sehr persönlich gehalten, direkt ins Publikum, also vorerst noch in die Kameras getanzt und gesprochen.

Medhat Aldaabal z.B. spricht davon, wie naiv er vor fünf Jahren gewesen sei, als er mit leeren Taschen und großen Träumen nach Berlin gekommen sei und wie zerrissen er sich nun fühle: "Mein Körper tanzt hier, meine Seele ist noch in Syrien", sagt er. Die Familie fehlt ihm, der Krieg in Syrien geht noch immer weiter, die Angst und die Albträume seien noch immer da und doch sei er glücklich in Berlin.

Berührende Erzählungen

Mouafak Aldaabi ist froh, überhaupt noch am Leben zu sein. Er hat in Berlin Freundin und Wohnung gefunden, fühlt sich manchmal überwältigt von depressiven Zuständen und lebt zugleich seinen Traum: selbständiger Künstler zu sein, sich im Tanz ausdrücken und Neues lernen zu können, v.a. Improvisationstanz. Das kannte er vorher nicht und genießt nun jeden Tag im Tanzstudio. Das sind berührende Erzählungen, offen, ehrlich und ungeschönt.

Wie auch beim dritten Tänzer, der neu im Team ist. Der nicht wie die beiden anderen schon 2017 beim ersten "Come as you are"-Stück dabei war und der nun auch eine neue Facette hineinbringt.

"New Generation of Arabs" – arabisch-queere Community

Haidar Darvish erzählt seine recht dramatische Coming-Out-Geschichte als schwuler Mann und erzählt, dass er in Berlin seine Freiheit gefunden habe, in der arabisch-queeren Community. Er sieht sich als Teil einer "New Generation of Arabs", wie er sagt, die keine sozialen Normen akzeptieren und alle Stereotype durchbrechen wolle. Er fühle sich wie neugeboren als Mensch, als Künstler, als Tänzer. Und er sagt, sein Ziel sei nicht, sich lediglich anzupassen, die deutsche Kultur zu übernehmen, sondern seine Hoffnung sei, dass wir voneinander lernen könnten, die eine Kultur von der anderen.

Das ist eines der großen Themen von Nir de Volff in seinem bisherigen choreografischen Schaffen und auch in den beiden "Come as you are"-Stücken.

Komm wie du bist – Fokus verschieben

"Come as you are", "Komm wie du bist" ist absolut ernst gemeint. Schon im ersten Stück 2017 hatte Nir de Volff die jungen Männer als Künstler, als Tänzer in Szene gesetzt, nicht als Geflüchtete, auch wenn ihre Biografie, ihre Fluchtgeschichten natürlich eine Rolle spielen.

Er verschiebt also den Fokus zu anderen Fragen. Was macht ein Künstler-Tänzer-Dasein aus und wie kann das im Tanz ausgedrückt werden? Ist die Berliner Tanzszene offen genug für andere Themen, Erfahrungen und Tanzstile? Wäre es nicht völlig falsch, wenn die drei sich lediglich anpassen würden, ihre Persönlichkeiten und Herkünfte aufgeben würden? Und er fragt, wie unterschiedliche Kulturen sich gegenseitig bereichern können.

Dabke, Schleier- und Bauchtanz

Das zeigt de Volff hier, wenn die drei zu Tschaikowskys "Schwanensee"-Musik den traditionellen syrischen Dabke-Tanz, einen recht komplexen Stampf- und Hüpftanz performen und pure Sinnlichkeit und Lebensfreude ausdrücken. Oder wenn Haidar Darwish im pinkfarbenen Tüll-Röckchen als Schleier- und Bauchtänzer*in auftritt und die drei anschließend resümieren, dass sie mit diesem Tanz, noch dazu halbnackt, in Syrien mit Folter, Gefängnis und Tod rechnen müssten.

Von Verspannungen zu Versöhnung

Der Tanz, mit dem die drei ihre persönlichen Lebensgeschichten begleiten, ist zunächst ein Tanz der Spannungen, Zwänge und Unfreiheiten. Die Körper krampfen, haben die Mitte verloren, finden kaum Ruhepunkte und es wird eine große Sehnsucht nach Frieden und Entspannung spürbar – begleitet von einer Musik, die wie ein Uhrzeiger tickt, mit dunklen Basslinien unterlegt, unruhig treibend, einem Soundtrack der Verspannung.

Gegen Ende, wenn die drei von ihren Familien erzählt haben, vom Leben früher in Syrien, vom Essen, das ihre Mütter gekocht haben, wenn sie erzählt haben, wie sie in Berlin neue Freunde, eine queere family oder eine neue Liebe gefunden haben, nachdem sie in ihrer Muttersprache geplaudert haben – erst dann kommt etwas Leichtigkeit in ihre Körper. Als würden Vergangenheit und Gegenwart sich vielleicht allmählich miteinander versöhnen können.

Beeindruckende Tänzer, starke Choreografie

Dieser zweite Teil von "Come as you are" ist noch stärker, klarer und präziser in den Themen und ihrer Übertragung auf die Bühne als es der erste war. Eine Choreografie mit berührenden Lebensgeschichten, mit sehr emotionalem, erzählerischem Tanz. Mit den richtigen Fragen und Antworten zu Integration und interkultureller Zukunft. Eine Choreografie mit drei beeindruckenden Tänzern und trotz der z. T. dramatischen, bedrückenden Hintergründe auch mit viel Humor erzählt und getanzt.

Eine Choreografie, die hoffentlich wie der erste Teil auf große Tournee in Deutschland und international gehen kann. Und hoffentlich wie geplant im Juli und August auf die Bühne des Dock 11/Eden kommen kann.

Frank Schmid, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Theater Thikwa | Tanzstück - "Move out loud"

Wie bewegen wir uns, wenn wir sprechen, wenn wir eine Rede halten? Welche Haltung nimmt unser Körper dann ein? Mit welcher Gestik und Mimik sprechen wir? Diese Fragen sind Ausgangspunkt des neuen Stückes der Berliner Choreographin Modjgan Hashemian. "Move out loud", "Bewege dich laut", gemeinsam entwickelt mit den Performerinnen und Performern vom Theater Thikwa, das seit vielen Jahren Inszenierungen mit Menschen mit und ohne Behinderung entwirft. Gestern war Premiere des Live-Streams.



Bewertung:
Sasha Waltz: Dialoge 2020 – Relevante Systeme II; © Luna Zscharnt
Radialsystem/Luna Zscharnt

Im Livestream aus dem Radialsystem V - "Dialoge 2020 – Relevante Systeme II" - der erste Abend

Sasha Waltz ist zurück. Wenn auch ganz anders als geplant. Eigentlich wollte Deutschlands bekannteste Choreographin ihre neuen Dialoge-Abende vor Publikum im Berliner Radialsystem zeigen – nun sind vier Livestream-Abende daraus geworden. Seit gestern und noch bis Sonntag wird an jedem Abend live aus dem Radialsystem übertragen - mit jeweils anderen Klangkünstlerinnen und -Künstlern der elektronischen Musikszene.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung:
Staatsballett Berlin: Giselle © imago images / POP-EYE
imago images / POP-EYE

Staatsballett Berlin - "Giselle"

Mit der Wiederaufnahme der "Giselle" zeigt das Berliner Staatsballett das erste abendfüllende Handlungsballett seit März. Und schon ist es wieder vorbei, müssen alle Vorstellungen im November abgesagt werden. Dass die Theater- und Opernhäuser ab Montag schließen müssen, ist eine harte Entscheidung, gerade angesichts der strengen Hygienemaßnahmen, die die Häuser seit Wochen durchsetzen.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung: