Grips Theater | Kai zieht in den Krieg und kommt mit Opa zurück © David Baltzer/bildbuehne.de
Bild: David Baltzer/bildbuehne.de

GRIPS Theater | für Menschen ab 9 Jahren - "Kai zieht in den Krieg und kommt mit Opa zurück"

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Krieg spielen kann Spaß machen, aber tatsächlich im Krieg kämpfen zu müssen, ist eine Erfahrung voller Schmerz und Leid. Diese Lektion lernt Kai, ein 11-jähriger Junge, in dem neuen Theaterstück von Zoran Drvenkar. Das Berliner GRIPS Theater hat die Uraufführung in einer Online-Premiere herausgebracht.

Kai liebt seinen Großvater, der als junger Mann lange im Krieg gekämpft hat. Und er liebt es, mit ihm in die Erzählungen aus dem Krieg einzutauchen, in denen sein Opa natürlich immer als Sieger und Held auftritt. Als der Großvater immer vergesslicher wird und manchmal noch nicht mal weiß, dass sein Enkel vor ihm steht, möchte Kai ihm gerne helfen. Und beginnt, gemeinsam mit dem Opa die erzählten Situationen nochmal durchzuspielen.

Reise in die Vergangenheit

Dabei lässt sich die Wahrheit nicht länger verdrängen: In Wahrheit sind Großvaters Erinnerungen Geschichten voller Leid und Schmerz, Enttäuschung und Angst, Verlust und Tod. Zoran Drvenkar, bekannt als vielfach ausgezeichneter Kinder- und Jugendbuchautor, gelingt es, diese Reise in die Vergangenheit als spannendes Abenteuer zu beschreiben, das beides zugleich ist: Ein tolles Spiel zwischen Großvater und Enkel und eine gnadenlose Desillusionierung.

Kriegssituationen, eingerichtet wie im Kinderspiel

Das tut zuweilen sehr weh und ist im GRIPS Theater in der Regie von Robert Neumann mit großer emotionaler Wirkkraft umgesetzt worden. Auf der fast leeren Bühne liegt nur ein großer Teppich, mit im Spiel sind mehrere große und kleine, alte und neue Koffer - Reste eines Lebens, das sich im Aufbruch und in Auflösung befindet.

Kai ist ein Junge, wird aber von einer Schauspielerin dargestellt. Helena Charlotte Sigal bringt als Kai ganz unauffällig eine feminine Note ins Spiel und René Schubert verkörpert den Großvater mit viel Gefühl für die emotionalen Fallstricke der Figur. Die beiden werden musikalisch und spielerisch von Matthias Bernhold unterstützt, der mit Geräuschen und Tönen eine spannende, hörspielähnliche Atmosphäre erschafft.

Die Kriegssituationen entfalten eine starke Sogwirkung, obwohl sie mit einfachsten Mitteln wie im Kinderspiel eingerichtet sind, z.B. mit Taschenlampe unter einer Decke. Die Inszenierung ist ursprünglich für die Bühne konzipiert. Über die Arbeit mit einer Live-Kamera, über Projektionen und Schattenspiel werden die Schauspieler manchmal verdoppelt und durcheinandergewirbelt, so findet die geistige Verwirrung des Großvaters einen bildlichen Ausdruck.

Grips Theater | Kai zieht in den Krieg und kommt mit Opa zurück © David Baltzer/bildbuehne.de
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Eine berührende Fantasiereise

Für die digitale Version musste in kurzer Zeit ein Mitschnitt erstellt werden. Hier geht die Kamera ganz nah an die Schauspieler heran. Die Raumwirkung geht zum Teil verloren, dafür geraten die Figuren, ihre Gefühle und inneren Kämpfe in den Focus.

Zoran Drvenkar geht in seinem klug gebauten und ereignisreichen Stück vielen Fragen nach: Was macht die Erinnerung aus einem Leben? Kann man in einem Krieg überhaupt ein Held sein? Wie wichtig ist es, dass Großeltern und Enkel voneinander lernen und sich gegenseitig unterstützen? Kann man mit der Wahrheit leben?

"Kai zieht in den Krieg und kommt mit Opa zurück" ist auch eine Geschichte vom Erwachsenwerden. Der Junge muss sich von dem Helden seiner Kindheit verabschieden und Verantwortung übernehmen. Mit großen Themen wie Demenz und Krieg, Identität, Erinnerung und Verlust wird nicht nur das kindliche Publikum emotional herausgefordert. Wie gut, dass der Autor so eine Geschichte mit viel skurrilem Humor auffangen kann. Das GRIPS Theater lädt ein zu einer großartigen und berührenden Fantasiereise.

Regine Bruckmann, rbbKultur

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