Staatsballett Berlin: Distant Matter © dpa/Eventpress Hoensch
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Tanzstück | Staatsballett Berlin Online - Anouk van Dijk: "Distant Matter"

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Das Berliner Staatsballett bietet seit Anfang April einen Online-Spielplan an und der wird wohl auch noch für lange Zeit nötig sein. Einzelne Produktionen werden an einzelnen Tagen für jeweils 24 Stunden kostenfrei online gestellt - nun zum Beispiel die Choreografie "Distant Matter" von Anouk van Dijk.



Dieser Online-Spielplan ist eine durchaus zwiespältige Angelegenheit. Das Staatsballett bleibt damit zwar weiter präsent und wir Zuschauer*innen können einige Choreografien sehen, was im Prinzip ein guter Service ist. Allerdings wird damit die bisherige Online-Präsenz ersetzt – die Hintergrund-Reportagen zum Beispiel fehlen jetzt.

Dafür sind nun Aufzeichnungen von "Schwanensee", "Caravaggio" oder die Online-Gala-Abende des letzten Jahres "From Berlin with Love" zu sehen. Und nächste Woche – unbedingt vormerken – das Erfolgsstück der letzten Jahre: "Half Life" von Sharon Eyal – ein fantastisches Stück, eigentlich immer mit Standing Ovations gefeiert.

Insgesamt sind jedoch die modernen Tanzstücke in der Überzahl und leider werden auf absehbare Zeit keine neuen Produktionen zu diesem Online-Spielplan dazukommen.

Zu Besuch im Techno-Club

"Distant Matter" ist wie ein Kurzbesuch in einem Techno-Club mit erotischer Ausrichtung – Berghain und KitKat lassen grüßen. Die sieben Tänzerinnen und Tänzer sind knapp bekleidet mit schwarzen Stoff- oder Lack-Leder-Dessous, tragen Netzmasken vor dem Gesicht oder Schweißerbrille und Basecap, ein Mann tanzt im engen Schwarzen. Eine gewisse SM-Anmutung liegt in der Luft, unterstützt von der Musik von Jethro Woodward, einem hitzigen Pulsieren und Flackern von Einzeltönen, das Intimität andeutet, aber auf Distanz hält – wie auch die Tänzerinnen und Tänzer unnahbar kühl bleiben, untereinander und in ihrer Laufsteg-Präsenz zu den Zuschauer*innen.

Laufsteg-Auftritte wie Models

Zu Beginn gibt es Laufsteg-Auftritte wie von Models bei einer Modenschau, wenn alle einzeln in der Mitte der Bühne auf die Rampe zulaufen – auf einem weißen Tanzboden, der die Bühnenbreite nicht ausfüllt, aber hinten in die Höhe gezogen ist, wie eine weiße Wand, als könnten die Tänzer*innen darauf nach oben laufen. Diese weiße Wand ist dem Schlusseffekt vorbehalten.

Alle haben auch eine Model-Präsenz, blicken ohne zu lächeln ins Publikum, zeigen eine kalte, glatte Oberfläche und damit einen Widerspruch zu den durchaus sexuell-erotisch aufgeladenen Kostümen.

Inszenierte Widersprüche

Anouk van Dijk inszeniert hier einige Widersprüche: das Posing wird beiläufig vorgetragen, die Bühnenpräsenz ist schroff trotz fluid-weicher Bewegungen, das Lasziv-Frivole bricht sich in der Distanz, die alle Tänzer*innen zu sich selbst und zu den anderen bewahren. Denn jede und jeder bleibt allein für sich, Begegnung und Gemeinsamkeit sind immer nur flüchtig, das Begehren bleibt auf sich selbst gerichtet. Die vermeintliche Privatheit, das Sich-Zur-Schau-Stellen verharrt in Chiffren von Individualität – als wären das auto-erotische Selbstbespiegelungen.

Halluzinationen, verschwommene Erinnerungen

Und dabei bleibt es im gesamten Verlauf der Choreografie, was sie so irritierend macht, wie auch die Tatsache, dass lediglich eine Tänzerin dauerhaft auf der Bühne ist, die anderen sind vorbeiflirrende Existenzen. Sie trägt bis fast zum Ende einen Motorradhelm, bleibt also lange völlig anonym und alle anderen könnten ihre Phantasie-Lust-Geschöpfe sein, wie Halluzinationen oder verschwommene Erinnerungen. Was zum Schluss-Effekt-Bild passt, wenn sie von der weißen Wand verschlungen wird.

Spektakuläre Tanzsprache

Die Tanzsprache von Anouk van Dijk ist recht spektakulär, zeigt große, weite, expressive Bewegungen, alles sehr flüssig gehalten, mit abrupten Richtungswechseln, mit weitest möglichem Ausdehnen aller Extremitäten in oft entgegengesetzte Richtungen, die Gelenke werden aufs Äußerste beansprucht. Das entspricht der Tanztechnik, die Anouk van Dijk seit vielen Jahren entwickelt, ihrer Countertechnik, bei der, kurz gesagt, gegensätzliche Bewegungen in Balance gebracht werden. Die Körper werden faszinierend gummigelenkig dehn- und streckbar und durchlässig, verwinkeln und verwinden sich, was stylish aussieht und zur distanzierten Strenge und Klarheit passt.

Rätselhaft eigentümliche Welt

Dieses Wiedersehen des Stückes nach der Premiere vor zwei Jahren, jetzt am Bildschirm und mit zwei hierfür ausreichenden Kamerapositionen, eine mit Distanz-, die andere mit Nahaufnahmen – dieses Wiedersehen macht noch einmal deutlich, wie rätselhaft und seltsam, beinahe monströs eigentümlich die Welt ist, die van Dijk hier entworfen hat. Man könnte den großartigen Tänzerinnen und Tänzern noch lange zuschauen – in ihre Nähe, in ihre Welt möchte man aber lieber nicht kommen.

Frank Schmid, rbbKultur

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