Szene aus "Filetstücke" Vagantenbühne (Bild: G2 Baraniak/ Vagantenbühne Berlin)
Bild: G2 Baraniak/ Vagantenbühne Berlin

monsun.theater Hamburg | Vaganten Bühne Berlin | Hybride Simultanaufführung - "Filetstücke - wem gehört das Land?"

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Auf dem Land einen paradiesischen Ferienort für Städter zu bauen oder ein barrierefreies Theater für alle. Diese Großprojekte verfolgen die Hauptfiguren des neuen Theaterstücks von Michael Alexander Müller. Es handelt vom Preis, der auch im übertragenen Sinne bezahlt werden muss, im Kampf um Bebauungspläne und Genehmigungen.

Mehrere Leinwände stehen auf der Bühne, auf einer erscheint die Projektion eines Paares vor einer unverputzten Hauswand. Kein Ehepaar, sondern der Architekt Lars und die befreundete Theaterleiterin Christine beim Vertragsabschluss. Noch ist die Euphorie bei Christine groß. Ihr Traum: ein barrierefreies Theater, auf allen Ebenen, mit allen nötigen baulichen Modernisierungen.

Dann verschwindet das Video. Auf der Berliner Vagantenbühne nun Lars und sein Geschäftspartner. Auf der Leinwand live zugeschaltet aus dem Hamburger Monsuntheater: Christine. Der Architekt hat noch ein eigenes Wunschprojekt am Wickel: eine millionenschwere Hotelanlage auf dem Land.

Zwei Geschichten

Diese verschaltete Szene aus Hamburg und Berlin ist symptomatisch für den kompletten Abend: Sie möchte auf den Punkt bringen, was auf dem Spiel steht – doch sie stiftet nur Verwirrung: "Drucksache 25/08015 / Bürgerschaft Hamburg 2018" zitiert Rilana Nitsch alias Christine: "Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen laut Landesaktionsplan; zur Teilhabe und Förderung der Zusammenarbeit von Künstlerinnen und Künstlern mit und ohne Behinderung ..."

Der sozialkritische Autor Michael Müller erzählt zwei Geschichten parallel: die vom Albtraum der Sanierung des baufälligen Theaters, der immer wieder Steine in den Weg gelegt werden – und jene vom mindestens ebenso frustrierenden Genehmigungsirrsinn beim Bau des Ferienhotels für gestresste Städter.

Probleme mit Baugenehmigungen und behördlichen Fristen als Theaterstück?

Die Idee ist nicht so abwegig, wie sie zunächst klingt. Denn die Hinhaltetaktiken, die ständig neuen Baustopps, die Einwände der Anwohner, die hier angeführt werden, erreichen geradezu kafkaeske Tragweite. Eine deutsche Bürokratie, die jede noch so kraftvoll kreative Idee in der Papiermühle langsam aber stetig zu Staub zerreibt – es erinnert fast an die Mentalität beim Impfdesaster in der Corona-Krise.

Nur gelingt es der Vagantenbühne und dem Monsun-Theater nicht, den Kopf über Wasser zu halten und aus dem Bürokratie- und Klage-Wust eine klare, verstehbare Geschichte zu destillieren, die den Wahnsinn wirklich veranschaulicht.

Die Pläne des Architekten, der sich mit dem Landhotel eine goldene Nase verdienen will, sind unbedingt zu hinterfragen – die Bewohnerinnen des Dorfes mit dem sprechenden Namen Seelenheil werden dann allerdings derart tumb karikiert, dass man mit niemandem Mitgefühl entwickeln kann:

Und als wären die zwei Geschichten nicht schon verästelt genug, zeigen Vagantenbühne und Monsun-Theater sie simultan in zwei unterschiedlichen Zoom-Räumen. Das heißt: Schaltet man sich digital nach Hamburg, verpasst man die Hotel-Odyssee, bleibt man online in Berlin, lernt man die Theaterintendantin nur als weinerliche und überforderte Bauanfängerin kennen, die den Architekten am Telefon nervt. Wechselt man zwischen den Räumen, gehen Schlüsselszenen verloren und vom Abend bleiben undurchsichtige Schwaden an Verordnungen, die so viel Feuer enthalten wie die eigene Steuererklärung.

Ambitioniert

Das digitale Projekt ist überaus ambitioniert und Andreas Klopp, Felix Theissen und Rilana Nitsch geben dem Affen in Zwischenszenen ordentlich Zucker, wenn sie, per Projektion verbunden, die hinterwäldlerischen Dorfbewohner beim Weihnachtstheater spielen. Viel mehr, als dass große Bauvorhaben ein Albtraum sind, nimmt man aus diesem komplizierten Livetheater am Bildschirm allerdings nicht mit.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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