Theater Thikwa | Tanzstück - "Move out loud"

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Wie bewegen wir uns, wenn wir sprechen, wenn wir eine Rede halten? Welche Haltung nimmt unser Körper dann ein? Mit welcher Gestik und Mimik sprechen wir? Diese Fragen sind Ausgangspunkt des neuen Stückes der Berliner Choreographin Modjgan Hashemian. "Move out loud", "Bewege dich laut", gemeinsam entwickelt mit den Performerinnen und Performern vom Theater Thikwa, das seit vielen Jahren Inszenierungen mit Menschen mit und ohne Behinderung entwirft. Gestern war Premiere des Live-Streams.



Körpersprache und Gestik von Rednerinnen und Rednern sind hier auch durchaus zu sehen, in den Gesten mit Händen und Fingern, die etwas betonen, auf etwas hinweisen oder mit Mündern, die sich öffnen und schließen, die lautlos zu sprechen scheinen oder etwas murmeln.

Im Mittelpunkt dieser Choreografie stehen jedoch Sichtbarkeit und Wahrnehmung und das, was verborgen bleibt. Es geht um unsere Annahmen als Zuschauende und Zuhörende - weswegen die Körper der sieben Performerinnen und Performer zumeist auch nicht in Gänze zu sehen sind.

Hinter Stellwänden verborgene Körper

Sie sind verborgen hinter vielen großen Stellwänden mit Vorhängen, die aus silbern und golden leuchtenden Ketten bestehen oder aus grünen Lamellen oder vielen an Schnüren hängenden Briefkuverts oder hinter Wänden aus halb durchsichtigen Plexiglasscheiben.

Durch die Vorhänge schieben sich nur Hände, Arme, Beine, Füße und Po – die ganzen Körper sind oft nur als schattenhafte Umrisse zu sehen, getaucht in rotes und blau-violettes Licht.

Man kann also keine Rückschlüsse ziehen auf Haltung und Ausdruck des jeweiligen Körpers und die Verfremdung wird in einem Schattenspiel-Bild auf die Spitze getrieben: da wachsen einem Körper Hände aus Hals und Hüfte, da baumelt ein Kopf zwischen den Beinen und er verwandelt sich in ein mythologisches Wesen, vielleicht ein Zentaur, halb Pferd, halb Mensch.

Der interpretierende Blick wird also auf das Sichtbare und das Verborgene gelenkt – schöne Idee, mit einfachen Mitteln umgesetzt und mit enormer Rätselwirkung.

Tanz als sanftes Erobern und Besetzen des Raums

Getanzt wird auch - in einer Szene tanzen einige Tänzerinnen und Tänzer auf offener Bühne langsam und sanft in den Hüften kreisend, die Arme schwebend. Das ist ein ruhiges Drehen und Dehnen in den Raum, ein sanftes Erobern und Besetzen des Raums, auch mit grotesken Bewegungen und Geräuschen, mit Gähnen, Gurgeln, Keuchen und Ächzen.

Nicht in Formen passen

Sie verweigern das Erfüllen vermeintlich gültiger Normen: wie sie sich bewegen und präsentieren, im Duo und Trio miteinander kommunizieren, entspricht nicht dem Gewohnten und Üblichen von Bühnen-Präsenz.

In einem der wenigen Texte zuvor hieß es: "Jemand hat zu mir gesagt: du passt nicht in die Form. Aber: wie sieht überhaupt die Form aus? Wer hat sie sich ausgedacht. Ich bestehe aus unendlich vielen Formen. Meine Form mag ich." Das ist der typische empowernde Ansatz des Theater Thikwa: die Persönlichkeit eines Menschen ist das Entscheidende, nicht Aussehen, Sprache und Behinderung oder Nicht-Behinderung.

Was zeigen wir von uns und was verbergen wir

Diese Choreografie mit ihren Schatten-Umrissen, mit wie vom Körper abgelösten Armen, Händen, Beinen, mit der Verfremdung der Körper durch Luftballons oder mit den Verzerrungen in Spiegeln und Plexiglas-Wänden ist ein Spiel mit dem Sichtbaren und dem Nicht-Sichtbaren, dem Verborgenen.

Was zeigen wir anderen Menschen von uns in welcher Weise? Wie wird das wahrgenommen und interpretiert, welche Rückschlüsse werden daraus gezogen? Was wollen wir nicht von uns zeigen und preisgeben?

In unser aller Leben, in unseren tagtäglichen Performances bei der Arbeit oder bei Treffen mit Familie und Freunden ist immer ein Verbergen dabei, nicht unbedingt ein Verheimlichen, sondern eher ein Den-Erwartungen-Entsprechen – das wird hier konsequent zurückgewiesen.

Eigentümlich und Rätselhaft

Modjgan Hashemian, in Berlin geboren, mit iranischen Wurzeln, die viele Stücke am Ballhaus Naunynstraße und im Gorki gezeigt hat, oft biografische und dokumentarische Themen und verschiedene Kunstgenres miteinander verwebt, ist hier hinter die Kulissen des Sprechens und Redens gegangen. Sie hätte es sich viel einfacher machen können, Choreografien zu Sprech-Akten und -Präsenzformen gab und gibt es viele. Sie hat sich jedoch dem Ans-Licht-Bringen, dem Verborgenen, Fremden, auch Unheimlichen gewidmet. Dies ist eine Choreographie, die eigentümlich und rätselhaft bleibt und Erwartungshaltungen in jeder Hinsicht aushebelt. Und das bis hin zum Titel "Move out Loud" – hier ist nichts laut, sondern ganz zart und sanft und mit berückenden Bildern entworfen.

Frank Schmid, rbbKultur

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