Kareth Schaffer: Question of Belief © Mayra Wallraff
Mayra Wallraff
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Sophiensaele | Tanzperformance - Kareth Schaffer: "Question of Belief"

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Mit den Dämonen des Alltags haben zwei Performerinnen zu kämpfen – im neuen Stück der Berliner Choreografin Kareth Schaffer: "Question of Belief" - "Frage des Glaubens". Aber welche Dämonen treiben sie um? Und zu welchen Handlungen werden sie getrieben? Und hat das alles vielleicht mit unserem Leben in Pandemie-Zeiten zu tun? Am Wochenende war die Livestream-Premiere der Choreografie aus den Berliner Sophiensaelen.



Die Dämonen, mit denen es die beiden Performerinnen Mădălina Dan und Manont Parent zu tun haben, sind Lethargie und Langweile, sind Apathie und Ängste, sind Zustände von Unruhe bis Depression. Man kann dieses Stück lesen als Analyse und Darstellung unserer emotionalen Zustände im Dauer-Lockdown. Wobei Kareth Schaffer noch eine Etage tiefer steigt und fragt, was uns dazu treibt, dennoch aktiv zu bleiben, über ein bloßes Funktionieren hinaus. Dafür lässt sie ihre beiden tragischen und komischen Heldinnen durch ein derartiges Gefühlschaos stolpern, dass man fast um Erbarmen für sie bitten möchte und hofft, sich selbst nicht in allem wiederzuerkennen.

Zu Beginn selbstgenügsame Tempeltänzerinnen

Dabei wird nicht von Beginn an ein derart dramatisches Gefühlschaos ausgebreitet. Es gibt eine Entwicklungs-Dramaturgie. Alles beginnt noch recht harmonisch, die beiden tänzeln und schweben in ihrer grauen mönchskutten-ähnlichen Tracht und mit Hauben auf dem Kopf über die Bühne vor dem riesigen aufblasbaren Luftkissen als wären sie aus der Zeit gefallen, würden in einer heilen, stabilen und geordneten Welt leben. Sie bewegen sich wie Tempeltänzerinnen im selbstgenügsamen, wenn auch farblosen und leidenschaftslosen Zeitvertreib.

Seneca – Entzug von Unterhaltung und Zerstreuung

Bis ihnen, wie die Kommentatorin Kareth Schaffer selbst berichtet, die Möglichkeiten von Unterhaltung und Zerstreuung entzogen werden. Schaffer nutzt ein Seneca-Zitat dafür. Der römische Politiker, Philosoph und v.a. Stoiker hatte einst gesagt, dass Menschen durch derartigen Entzug ratlos und hilflos würden, es nicht aushalten könnten, sich selbst überlassen zu sein, dass sie in Langeweile, Wankelmut und Ziellosigkeit stürzen würden. Und genau das geschieht hier auf der Bühne.

Zwangshandlungen und Hospitalismus

Kareth Schaffer inszeniert Zwangshandlungen in Hospitalismus. Die beiden kreisen immer haltloser über die Bühne, ruhelos, hin und her geworfen von ihren Dämonen. Sie springen einander an, klammern sich aneinander, krabbeln auf allen vieren, treiben Gymnastik, Yoga, Schattenboxen, rennen auf der Stelle. Und machen Selfies von sich, lächeln in die Smartphone-Kamera, präsentieren ein Bild von sich, das wahrlich nicht der Wahrheit entspricht. Denn kaum ist das Selfie abgeschickt, geht der Übersprungs-Aktionismus weiter, der sich bis in Hysterie steigert, wenn sie sich gegenseitig die Kleider zerrreißen und mit schrillen, quäkenden Stimmen in Babysprache aufeinander einquasseln. Hier haben wir also auch noch kindliche Regression, wobei das immer noch nicht die schlimmsten Zustände sind.

Denn es folgen Stagnation und Antriebslosigkeit und völlige Lethargie, ein unaufhaltsames Dauer-Gähnen, das in albernes Lachen und Greinen umschlägt, es folgen versteckte und offene Aggressionen gegeneinander.

Spätestens hier hofft man als Zuschauer*in, dass man selbst mit der Pandemie-Situation besser zurechtkommt, der Scham, sich in so manchem wiedererkannt zu haben, zum Trotz.

Mögliche Auswege – Mönch Evagrius – Lust am Widerstand

Einen Ausweg aus diesen Zuständen, eine Art Hoffnung wird hier immerhin gesucht. Und zunächst scheint Erlösung auch greifbar mit den Worten des frühchristlichen Asketen-Mönches Evagrius, viertes Jahrhundert nach Christus, der vom Mittagsdämon berichtet, vom lähmenden Zustand, gegen den nur körperliche Arbeit und Übermaß an Eifer helfen könnten. Fast eine Art Ur-Modell der heutigen neoliberalen Selbstdisziplinierung und Selbstmotivation. Aber diese beiden hilft das nicht.

Eine kurze Zeitlang sieht es auch so aus, als wäre der Ausweg zu finden im freien kindlichen Spielen, in freiem selbstgenießerischen Tanzen, in etwas Albernheit und Das-Ganze-Etwas-Leichter-Nehmen. Aber auch das hilft den beiden nicht. Sie scheinen nichts zu haben, an das sie glauben könnten, dass ihnen Hoffnung schenken würde – außer einer unbändigen Lust auf Widerstand.

"Question of Belief" – die Frage des Glaubens an was auch immer, das uns motiviert – die Quelle liegt in jedem selbst. Unter den zerrissenen Mönchskutten kommen übrigens wunderschöne bunte Blumenkleider zum Vorschein – ein Hoffnungsschimmer, immerhin.

Diese Choreografie ist nicht nur klug konzipiert und mit den perfekt passenden Mitteln inszeniert, etwa mit dem oft unheimlichen Synthesizer-Soundtrack, sie ist auch sehr lustig, mitunter albern und grotesk und sie ist ehrlich. Man muss all diese Zustände aushalten – das Licht am Ende des Tunnels kommt schon noch, auch wenn es jetzt noch nicht zu sehen ist. Eines der besten Stücke von Kareth Schaffer bislang.

Frank Schmid, rbbKultur

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