Cie. Toula Limnaios: Clair Obscur; © Cyan
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Tanzstück | Halle Tanzbühne Berlin - cie.toula limnaios: "Clair Obscur"

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In eine Schattenwelt, eine Spiegelwelt entführt die Berliner Choreografin Toula Limnaios mit ihrem neuen Stück "clair obscur", in eine Hell-Dunkel-Welt wie in der Malerei der Renaissance und des Barock, in der das Spiel mit Licht und Schatten so bedeutend waren. Die Auseinandersetzung mit der Welt des Schattens steht im Mittelpunkt dieser Choreografie, die gestern Premiere in der Halle Tanzbühne Berlin hatte.

Die Assoziationen zur Malerei sind naheliegend, denn vieles geschieht in Halbdunkel, das wenige Licht hebt Einzelnes hervor, das Dunkle wird zum Resonanzraum.

Malerei, Literatur, Philosophie - Assoziationen

Man könnte allerdings auch an die Literatur der Romantik denken, an Adelbert von Chamissos Märchen vom Mann, der dem Teufel seinen Schatten verkauft und sein Leben in Einsamkeit fristet oder an die vielen anderen Schattenspiele in der Literatur, etwa das Unheimliche, Unheilkündende der Schatten bei Edgar Allan Poe. Oder an Platons Höhlengleichnis, in dem die Gefangenen in der Höhle die Schatten an der Wand für die reale Welt halten, da sie nur ihren Sinnen nach urteilen und nicht nach ihren geistigen Fähigkeiten.

Man kann an Philosophie, Mythologie und v.a. Psychologie denken – das Schatten-Thema fasziniert uns Menschen seit Jahrtausenden. Dabei spielt Toula Limnaios selten konkret mit Schatten, Schattenwurf oder Schattenriss, sondern vielmehr mit den metaphorischen und symbolischen Bedeutungen – der Schatten als Spiegelbild der Seele, als Doppelgänger, als zweites, vielleicht wahres Ich.

Viergeteilte Bühnenwelt – vier Spielebenen

Bei Toula Limnaios ist die Bühnenwelt immer entscheidend, ist sozusagen ein Mitspieler in der Choreographie - diesmal ähnelt sie einem Spiegelkabinett ohne Spiegel. Die Zuschauer*innen, einige Getestete dürfen ja dabei sein, sitzen auf zwei gegenüberliegenden Tribünen, der Raum zwischen den Tribünen ist mit Gazewänden aufgeteilt in vier Spielebenen. In diesen Ebenen bewegen sich die acht Tänzerinnen und Tänzer, je zwei in einer Ebene – je zwei tanzen dann zum Beispiel synchron zu den beiden in der nächsten Ebene, sind also wie Doppelgänger, Spiegelbilder – obwohl alle anders gekleidet sind, ihre Individualität bewahren.

Was in diesen vier Ebenen geschieht, ist enorm vielfältig: entweder alle acht tanzen eine Bewegungssequenz oder die zwei Quartette tanzen jeweils andere Sequenzen oder die Sequenzen sind gegenläufig oder die vier Frauen oder auch alle acht Tänzer*innen bewegen sich auf einer Linie, durchbrechen die trennenden Gazewände – ein sehr einfallsreiches Spiel mit den Möglichkeiten des Raums.

Vereinzelte und Getrennte und Verbundene

Das Doppelgänger-Motiv zieht sich durch diese Choreografie, obwohl die Tänzerinnen und Tänzer nicht durchgängig als Doppelgänger-Paare inszeniert werden - auch hier ist Toula Limnaios sehr spielfreudig. Im Grunde sind alle immer Einzelne - es gibt nur sehr wenige kurze Duo-Szenen mit einem Liebespaar, das keine langweilige Paar-Harmonie erträgt, sondern lieber leidenschaftlich miteinander ringt.

Ansonsten ist der Tanz solistisch, alle sind Getrennte, Vereinzelte, aber auch miteinander Verbundene - die Widersprüche des Lebens aufzunehmen, ist ein Wesenskern der Arbeit von Toula Limnaios in all ihren Stücken. Im Grunde sind alle Reisende, Wanderer und Suchende, mit sich und der Welt uneins, zeigen Verlorenheit und Einsamkeit und eine unendliche Kraft zur Suche – eine gewisse Melancholie und das Niemals-Aufgeben sind ebenfalls wiederkehrende Themen bei Toula Limnaios.

Psychologie – v.a. C. G. Jung

Einen Schlüssel zu diesem erneut rätselreichen Stück bietet die Geschichte, die eine Frau erzählt: bei Tag glücklich lächelnd, in der Nacht in Traurigkeit vergehend – was ist nun ihr wahres Ich?! Tag und Nacht, Licht und Schatten - hier zeigt sich die explizite Beschäftigung mit dem Unbewussten, mit der Psychologie. Wer sich mit dem Schatten-Begriff bei C. G. Jung beschäftigt hat, wird Wiedersehensfreude empfinden: der Schatten als das Unbewusste, die verdrängten Anteile der Persönlichkeit oder das angsteinflößende Unbekannte. Die individuelle und kollektive archetypische Schattenwelt – vieles in dieser Choreografie könnte man auf dieser Folie interpretieren.

Tanz und Musik – eine Einheit

Aber der Tanz steht auch für sich: das Aufbegehren und Einsinken der Körper, die Verlorenheit in der Schockstarre und das expressive in den Raum hinein Agieren – eine sehr faszinierende Tanzsprache. Begleitet von der Musik von Ralf Ollertz, Mitbegründer der Company, diesmal eine entrückte Klanglandschaft, auch wenn das Rauschen, Klopfen, Tropfen, Schaben und Hämmern aus der mechanischen, industriellen Klangwelt zu kommen scheint.

In der Tiefe schürfend

Toula Limnaios schürft einmal mehr in den Tiefen der menschlichen Seele, der Empfindungen und Gedanken und setzt das in einen expressiven, eleganten Tanz um, der wunderlich-schön ist und oft unheimlich und beunruhigend wirkt. Ein im Lockdown, unter dem Eindruck der Vereinzelungs-Erfahrungen entstandenes Stück, das einen in seinen Bann zieht, geradezu fesselt und unendlich viele Deutungs-Assoziationen auslöst.

Frank Schmid, rbbKultur

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