Theatertreffen | Einfach das Ende der Welt © Diana Pfammatter
Diana Pfammatter
Bild: Diana Pfammatter Download (mp3, 5 MB)

Eröffnung des Berliner Theatertreffens - "Einfach das Ende der Welt"

Bewertung:

Gestern wurde das Berliner Theatertreffen eröffnet - zum weiten Mal in digitaler Form. Dass der Blick auf Theater ein anderer geworden ist, wird auch im Eröffnungsstück überdeutlich: Christopher Rüpings Inszenierung von Jean-Luc Lagarces "Einfach das Ende der Welt".

Yvonne Büdenhölzer wird auf der neuen digitalen Bühne des Theatertreffens zwischen bunten Dreiecken und pinken Bildschirmen eingeblendet. Auf dieser optisch ziemlich gewöhnungsbedürftigen Plattform werden in diesem Jahr alle Inszenierungen gezeigt, alle Nachgespräche geführt. Natürlich hätte auch Büdenhölzer lieber Künstler*innen und Publikum real im Festspielhaus begrüßt – nun versucht sie, wohl oder übel, die Vorteile der schon zweiten digitalen Theatertreffen-Ausgabe zu beschwören:

"Auch ein digitales Festival ist eine Form von Freiheitsgewinn und Demokratisierung des Zuschauens. Es ist viel einfacher daran teilzunehmen. Wir erkunden neue Formen der Partizipation und Interaktion, zeigen für das Festival neue Künstlerinnen und erleben andere, neue Erzählweisen."

Der Blick auf Theater ist ein anderer geworden

Nach Freiheitsgewinn fühlt sich das Theater am Bildschirm nach 14 Monaten Pandemie nun nicht gerade an – aber dass wir Schauspieler*innen auf der Bühne durch das Auge der Kamera anders erleben, dass der Blick auf Theater ein anderer geworden ist, das wird in Christopher Rüpings Inszenierung von Jean-Luc Lagarces "Einfach das Ende der Welt" überdeutlich.

Anstatt nur mit Kameras abseits der Bühne zu filmen, ist auch eine kleine Handkamera mitten ins Geschehen integriert. Meist wird sie von den Schauspieler*innen selbst geführt – blicken sie in die Kamera, ist das der Blick zu uns Zuschauer*innen. Benjamin Lillie stellt sie zu Beginn vor sich auf den Tisch und spricht so dicht hinein, dass man zurückweichen möchte. Bis er seine Hand vor die Linse hält, also uns die Augen zu, und sagt: "

"Ich hab vor kurzem erfahren, dass ich krank bin. Ich werde bald sterben."

Zurück nach Hause

Was Benjamin, er benutzt seinen eigenen Namen für die Figur, uns Zuschauer*innen hier anvertraut, kriegt er bei seiner Familie allerdings nicht über die Lippen. Mit Mitte 20 hat er Mutter, Bruder und kleine Schwester verlassen und ein Leben als homosexueller Künstler in der Großstadt begonnen. Wie die Elefanten, so sagt er, die zum Sterben an den Ort ihrer Herkunft zurückkehren, will er nun, zwölf Jahre später, nach Hause.

"Damals war ich mir sicher, dass ich sie verlassen musste, um zu überleben. Dass ich sie hinter mir zurücklassen musste. Wahrscheinlich hatte ich Recht. Ich hab es nie bereut", sagt Lillie. Drei der wenigen Sätze, die so auch bei Lagarce stehen. Ansonsten geht Rüping sehr frei mit der Vorlage um, die in Frankreich ein moderner Klassiker ist und zur Schulbuchlektüre gehört.

Dann nimmt Lillie die Kamera in die Hand, ihr Auge ist nun sein Auge, und filmt über jedes Detail um ihn herum. Im Wohnzimmer eine angebrochene Packung Toffifee, im Fernseher Michael Schumacher, daneben liegen Videos von "Pretty Woman" und "Stirb langsam". Ein halb gefüllter Wäschekorb im Bad. Im Kinderzimmer die Bravo Hits 99 und ein paar Pornohefte.

Kein Happy End

Es sind die Bilder aus der Vergangenheit, in die Benjamin mit uns eintaucht. Doch als er bei der Familie ankommt, ist es vorbei mit der Nostalgie – nackt ist die Bühne jetzt, die Abstände zwischen den Schauspieler*innen so riesig wie zwischen den Leben ihrer Figuren. Umsonst versucht Benjamin, seinen schroffen Bruder mit Erinnerungen zu erweichen.

Benjamin Lillie, der den verlorenen Sohn zwischen Verzweiflung, Trauer, Manie, Narzissmus und Selbstmitleid gibt, ist eine Wucht. Wiebke Mollenhauer, Maja Beckmann, Ulrike Krumbiegel und Nils Kahnwald steigen mit ihm ein in dieses seltsame, manchmal ins Nichts laufende Spiel zwischen sich in Szene setzen und gleich darauf beschämt sein für die eigenen Gefühle.

Anders als im Stück schafft es der Todkranke hier, sich seinem Bruder (Nils Kahnwald) zu offenbaren. Dem Bruder, der die Verantwortung für die Familie zu übernehmen hatte, weil Benjamin in die Großstadt geflüchtet war. Das ernüchternde nur: Es macht keinen Unterschied. Es gibt für dieses Leben kein Happy End:

"Du hast kein Recht auf Versöhnung, nur, weil du stirbst", sind die harten Worte des Bruders, der Benjamins Narzissmus glasklar analysiert.

Grandioses Schauspielteam

Manches an diesem Abend wirkt ausgestellter als nötig, manches allzu künstlich überhöht, vieles zu laut. Doch wie Rüping und sein grandioses Schauspielteam Lagarces Stück um den schwulen Außenseiter zu einem über Familie, Verantwortung und Selbstverwirklichung generell machen, das ist sehenswert.

Barbara Behrendt, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Schaubühne Berlin: Wer hat meinen Vater umgebracht? © Jean-Louis Fernandez/Schaubühne Berlin
Jean-Louis Fernandez/Schaubühne Berlin

FIND-Festival | Schaubühne am Lehniner Platz - "Wer hat meinen Vater umgebracht"

Schon für die Adaption seines Romans "Im Herzen der Gewalt" hat Édouard Louis mit Thomas Ostermeier zusammen gearbeitet. Nun ist eine weitere gemeinsame Produktion zu erleben. Diesmal steht der französische Schriftsteller erstmals selbst als Darsteller in einem von ihm verfassten Werk auf der Bühne. Thomas Ostermeier hat "Wer hat meinen Vater umgebracht" als Solostück inszeniert.

Download (mp3, 7 MB)
Bewertung:
Oedipus: von Maja Zade; Regie: Thomas Ostermeier - Schaubühne am Lehniner Platz © Gianmarco Bresadola/Schaubühne am Lehniner Platz
Gianmarco Bresadola/Schaubühne am Lehniner Platz

Schaubühne am Lehniner Platz - "Ödipus" von Maja Zade

Mit der Inszenierung von Thomas Ostermeier kommt nun der vierte "Ödipus" innerhalb von vier Wochen in Berlin auf die Bühne. Für die Schaubühne hat Maja Zade den antiken Mythos in eine Unternehmerfamilie verlagert. Sie lotet in ihrem Stück aus, was es bedeutet, wenn nichts, was als sicher gilt, mehr Bestand hat.

Download (mp3, 3 MB)
Bewertung: