Theatertreffen: "Reich des Todes" © Arno Declair
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Theatertreffen - "Reich des Todes"

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Das Theater musste lange ohne den Büchner-Preisträger Rainald Goetz auskommen – über 20 Jahre lang hat er kein Stück geschrieben. Bis 2020. Am 11. September kam vergangenes Jahr am Hamburger Schauspielhaus sein neues Stücks "Reich des Todes" zur Uraufführung – kein zufälliges Datum, denn es verhandelt die weltpolitischen Folgen des Terroranschlags auf die USA am 11. September 2001.

Mit "Reich des Todes" ist Rainald Goetz jetzt zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen – und parallel dazu gastiert die Inszenierung beim Berliner Theatertreffen.

Es ist der 11. September 2001

In Unterhosen und Bademantel diktiert der Vizepräsident seinem Sekretär gerade ein paar pseudophilosophische Sätze über das Wesen des Menschen, als es plötzlich heißt: Alarmstufe rot, Deckung! Eine Sekunde später Motorendonner und die Bühne liegt in Rauch und Staub. Ein Flugzeug ist ins World Trade Center gerast, es ist der 11. September 2001.

Krieg gegen den Terror

Aber kaum ist der Schmutz von den Kleidern geklopft, geht es auch schon daran, den sogenannten Krieg gegen den Terror vorzubereiten. Neue Gefangenenlager werden eröffnet und die Gesetze ausgehöhlt: "Extrem laute Musik, extrem lautes Licht, das zu Boden stoßen, das Hinstoßen an Wände, extremer Hunger, Schläge, das soll ja alles erlaubt sein. Eingriffe in die Orientierung und Scheinexekutionen", fasst die Sicherheitsberaterin zusammen.

Aber, betonen die "Experten" alle unentwegt: "Wir sagen ausdrücklich: keine Folter!"

Goetz’ Menschenbild ist tiefschwarz

Die Politiker heißen hier nicht Bush, Cheney, Rumsfeld und Powell, sondern tragen deutsche Namen: Grotten, Selch, Sebald und Schill. Das ist wichtig, denn Rainald Goetz zeichnet zwar nach, wie die Machthaber im Weißen Haus damals die demokratischen Kontrollen abgebaut und Folter ermöglich haben, doch er hat kein dokumentarisches Polit-Drama über Amerika geschrieben – es geht ihm um Grundsätzlicheres: Wie ist es zu erklären, dass sich ein demokratisches System in ein diktatorisches verwandelt? Ist hier eine Verschwörung im Gang? Oder ist der Mensch an sich nichts als machthungrig und böse?

Goetz’ Menschenbild jedenfalls ist tiefschwarz: Die politische Elite ist korrupt, machtgeil und geht im wahrsten Sinne über Leichen. Die Folterer wirken in ihrem Sadismus wie Ausgeburten der Hölle.

90 Seiten brutale Folterexzesse

Rainald Goetz’ Text ist eine Zumutung: 90 eng beschriebene Seiten, die die brutalen Folterexzesse detailreich ausmalen. Teils kaum durchkämmbare Textgebirge sind das, die den Menschen flirrend, fiebernd, lüstern in die Welt knallen. Er steht nicht am Abgrund, er ist längst hinabgestürzt. Dieses Extrem-Schreiben am Siedepunkt ist natürlich nicht jedermanns Sache, aber in den besten Passagen gelingt es Goetz, das Böse am Schlafittchen zu packen und genau vorzuführen, wie sich die Machthaber aus der Verantwortung stehlen. Und auch, wie die Überwältigung der Bilder den Wahnwitz anheizt.

Stereotype des deutschen Theaters

Die Regisseurin Karin Beier macht das Naheliegende: Sie setzt auf eben jene Überwältigung, auf Reizüberflutung – und auf Lautstärke. Hier gibt es die guten alten Stereotype des deutschen Theaters gleich alle drei: Blut, Nackte und Geschrei. Zudem Uniformen, Glitzerkleider, schwarz gefiederte Todesvögel, riesige Pappköpfe, umgeschnallte Dildos, Clowns und Revueeinlagen. Außerdem in Kinoleindwandgröße: die realen Folterfotos aus Abu Ghraib und Guantanamo. Als sähe man die bei Goetz' Worten nicht ohnehin die ganze Zeit vor sich.

Das körperliche, expressive Spiel überträgt sich am Bildschirm schlecht

Schauspielern wie Burkhart Klaußner, Sebastian Blomberg und Daniel Hoevels sieht man natürlich immer gern zu – doch das körperliche, expressive Spiel des ganzen Ensembles überträgt sich in den vier Stunden am Bildschirm schlecht. Nur das hoch musikalische Ende, ein beinahe halbstündiges Konzert mit Sprechgesang, entwickelt eine eigene Kraft.

Dass Rainald Goetz’ Stück zum großen Dramatikerfestival nach Mülheim eingeladen ist: verständlich. Was Karin Beiers Bombast-Inszenierung aber so bemerkenswert fürs Theatertreffen macht, ist, dem Livestream nach zu urteilen jedenfalls, weniger nachvollziehbar.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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