HAU: Ersan Mondtag und Ensemble – Joy of Life; © Armin Smailovic
Armin Smailovic
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Tanzstück | Hebbel am Ufer - Ersan Mondtag: "Joy of Life"

Bewertung:

Drei Uraufführungen in nicht mal drei Wochen – für den Berliner Regisseur Ersan Mondtag war das unfreiwillige, der Pandemie geschuldete Realität. Nach seinem Richard-Wagner-Kommentar im Berliner Ensemble und dem Selbstbespiegelungs-Theater im Gorki hat Ersan Mondtag im HAU 1 seine erste Choreographie auf die Bühne gebracht: "Joy of Life".

Ersan Mondtags Choreographie vermittelt jedoch nur wenig Lebensfreude, ist ein düsteres Schock-Gruseln im lieblichen Gewand. Die zehn Performerinnen und Performer in adretter Sportkleidung - sehr divers besetzt: jung, alt, Profis, Laien, weiß und People of Color - befinden sich in einer Art Zwischenwelt, zwischen Himmel und Hölle. Sie sind Geister, Tote, vielleicht durch eigene Hand gestorben – das wird nicht klar, wie so vieles in diesem Stück.

Ersan Mondtag lässt Kinderstimmen aus dem Off erzählen und sich unterhalten. Die Texte sind aus Gesprächen mit den Performern und Jugendlichen entstanden, und in ihnen geht es um Armut, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Migration, Flucht, die Mittelmeer-Toten und vor allem und immer wieder um die Klimakatastrophe. Gleich zweimal erklingt das Nietzsche-Zitat: "Das Allerbeste ist für dich, nicht geboren zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich bald zu sterben." - so viel zum Thema "Joy of Life".

Viel Tanz – aber völlig beliebig

In dieser ersten Choreographie des Theaterregisseurs Ersan Mondtag wird viel getanzt, dies jedoch völlig beliebig, als hätte er zu den Performern gesagt: macht mal was. Die Tanzsprache ist unspezifisch und bleibt ohne Weiterentwicklungen, ist gefühliges Selbsterfahrungs- und Selbstempfindungs-Gespreize, -Gedrehe und -Gestrecke. Alles nach dem Motto: Spür dich selbst in Bauch und Hüfte.

Seine Aufmerksamkeit gilt nicht der Tanz-Erfindung und -Entwicklung oder der Frage, wie durch Tanz erzählt werden könnte, sondern dem Gesamtdesign des Stückes. Und so ist der Tanz nur ein weiteres Szenenmittel, das noch dazu ziemlich naiv eingesetzt wird. In den Texten heißt es, beim Tanzen könne man sich selbst und die Probleme der Welt vergessen, und mehrfach sagt eine Kinderstimme: "Der Tanz hat mein Leben gerettet." – welches Leben, welcher Tanz, welche Rettung – auch das bleibt offen. Tanz und Choreographie, die mehr sind als Begleitung für den Text, sind in diesem Stück jedenfalls nicht seins – Ersan Mondtag hat andere Qualitäten.

Atmosphären, Spannungen – ein Tempel-Palast

Er kann Atmosphären und Spannungen wie im Kinofilm erzeugen, Licht, Sound, Film passen perfekt zueinander, er kann hoch attraktive Bilder und Szenen entwerfen. Wenn zum Beispiel das Bühnenbild aus hellem Stoff rauf und runter rauscht, ein Bühnenbild, das nach einem Tempel-Palast wie für eine Ballett-Inszenierung aussieht. Das aktuelle Thema Machmissbrauch an Theater und Ballett taucht hier nämlich auch auf – mit einer Ballettschule als Dressuranstalt und mit ketterauchender und tobender Ballettmeisterin.

Der Boden der Drehbühne, die sich fast die ganzen 90 Minuten lang dreht, ist mit Gemälden wie aus der Renaissance bemalt, mit Göttinnen und Göttern, mit Tugend- und Pastoralszenen. Dieses Bodenbild wird per Kamera aus der Vogelperspektive aufgenommen und auf einen weißen Vorhang projiziert, und so sehen wir die Performer inmitten der Bildnisse von göttlicher Schönheit und menschlicher Anmut liegen, während sie über das Grauen und den Untergang der Welt sprechen. In der Fallhöhe von Ideal und Wirklichkeit liegt der mitunter böse schwarze Humor, den Ersan Mondtag auch in diesem Stück unterbringt.

Schauermärchenhaftes Abbild des Zeitgeistes

"Joy of Life“ ist wie ein schauermärchenhaftes Abbild des Zeitgeistes, in dem die Themen unserer Zeit unheils- und untergangs-geschwängert aufgelistet werden: diffuse Katastrophen-Angst vor allem mit dem Thema Klimawandel, Überforderung, fundamentale Verwirrtheit, Ratlosigkeit. Und das stark emotionalisierend, da die Texte ja von Toten, von Kinderstimmen vorgetragen werden, in denen es auch heißt: "Wir müssen die Welt retten, aber ohne die Politiker, die können und wollen das eh nicht."

Nun könnte man sagen, gut, dass Ersan Mondtag diese Themen aus der Perspektive der Fridays-for-Future-Bewegung anspricht, aber alle Themen flattern mit losen Enden vor sich hin, alles bleibt disparat, findet in diesem Ungefähren des Zwischenreichs der Toten nicht zueinander.

Finale mit Kommentar zur westlichen Wohlfühlblase

Zum Ende seiner Choreographie inszeniert Ersan Mondtag einen Kommentar zu unserer Wohlfühlblase im Westen. Er lässt die Performerinnen und Performer gefühlte 20-30 Minuten lang selbstvergessen und genießerisch vor sich hin tanzen, zu sanfter Streicher-Harfen- und -Synthesizer-Musik. ABER: auf der Drehbühne liegen auch zwei Leichen und drehen sich mit im Kreis. Ein weiteres Schockbild, das man aber nur noch achselzuckend zur Kenntnis nimmt.

Leider ein missglückter Abend, der mit seinen vielen Themen einfach nicht auf den Punkt kommt.

Frank Schmid, rbbKultur

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