Gorki Theater: Alles unter Kontrolle – hier: Kenda Hmeidan; © Ute Langkafel MAIFOTO
Ute Langkafel MAIFOTO
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Maxim Gorki Theater - "Alles unter Kontrolle"

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Der Regisseur Oliver Frljić untersucht den Ausnahmezustand, in dem sich unsere Gesellschaft befindet, und dabei geht es ihm nicht nur um die Pandemie. Sowie man das Theater betritt, ist man gefangen.

Man geht durch Korridore, die durch transparente Folien begrenzt werden und wird von Platzanweiserinnen begleitet, die einem genau sagen, wann man wo wie lange stehen bleiben darf. Das hat einerseits mit den Corona-Vorschriften zu tun - es muss schließlich darauf geachtet werden, dass sich die Zuschauer, die alle zehn Minuten in Gruppen eingelassen werden, auf den Gängen nicht begegnen – aber es geht auch ums Erzeugen einer gefängnisartigen Atmosphäre.

Ambivalenz

Die Überschrift "Alles unter Kontrolle" hat zwei Bedeutungen: Man kann sie als Beruhigung verstehen, als Versprechen von Sicherheit, aber auch als Bedrohung, wenn man selbst kontrolliert wird. Die Inszenierung bewegt sich in dieser Ambivalenz.

Eine Geschichte der Ausnahmezustände

Zuerst begegnet man dem personifizierten Ausnahmezustand. Er ist ein großer weißer Mann, der Minirock trägt und aufgeregt hin und her läuft. Eine transsexuelle Identität ist ja längst noch nicht überall normal – darauf spielt die Szene an.

"I am the state of exception", ruft der Mann, nicht "state of emergency“.

Es geht also erst einmal um die Ausnahme von der Norm, nicht um den politischen Ausnahmezustand. Der kommt erst später dran. Es wird eine Geschichte der Ausnahmezustände von der Französischen Revolution bis heute referiert – allerdings so schnell, dass es schwierig ist mitzukommen. Der Schauspieler Dominic Hartmann rattert den Text herunter. Doch auch wenn nicht jedes Wort zu verstehen ist, wird klar, dass es in der Geschichte der westlichen Welt so viele Ausnahmezustände gegeben hat, dass die Ausnahme die Regel ist.

Das ist eine Botschaft der Produktion. Eine andere ist, dass uns nicht jeder Ausnahmezustand so wichtig erscheint, dass wir darüber sprechen. In einer Szene wird zum Beispiel Laura Jiménes González erwähnt, die Regieassistentin, die aus Kolumbien stammt. Dort gibt es so viele bewaffnete Konflikte, dass mehr als 7 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Von ihren tragischen Schicksalen hört man hierzulande kaum. Es geht also auch um die Frage der Repräsentation – wer kommt auf der Bühne vor und wer nicht.

Wer kommt auf der Bühne vor - und wer nicht?

Das ist eine Botschaft der Produktion. Eine andere ist, dass uns nicht jeder Ausnahmezustand so wichtig erscheint, dass wir darüber sprechen. In einer Szene wird zum Beispiel Laura Jiménes González erwähnt, die Regieassistentin, die aus Kolumbien stammt. Dort gibt es so viele bewaffnete Konflikte, dass mehr als 7 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Von ihren tragischen Schicksalen hört man hierzulande kaum. Es geht also auch um die Frage der Repräsentation – wer kommt auf der Bühne vor und wer nicht.

Die Schauspieler*innen erzählen ihre Geschichten

Das Gorki Theater-Ensemble ist in dieser Hinsicht ein positives Beispiel. Es ist außerordentlich divers. Außerdem gehört es zur Tradition des Hauses, dass die, die auf der Bühne stehen, auch ihre Geschichten erzählen. Daran knüpft Oliver Frljić an. Er hat die Schauspielerinnen und Schauspieler improvisieren lassen und aus ihren Vorschlägen das Stück entwickelt. Die einzelnen Szenen sind sehr verschieden.

Man erlebt eine Befragung, bei der die aus Israel stammende Schauspielerin Maryam Abu Khaled über ihre Arbeit in einer palästinensischen Theatergruppe berichten muss. Als die Fragen immer eindringlicher werden, wird sie unsicher: "Bin ich verhaftet?“ - "Noch nicht“. - "Was wird mir vorgeworfen?" - "Theaterverbrechen“.

Konkreter wird es nicht. Eine Bedrohung ist zu spüren, doch sie bleibt abstrakt. "Wer sind all die Leute, die mich anstarren?" ruft die Schauspielerin und zeigt auf die Zuschauer, die neben ihr hinter der Plastikfolie stehen – es geht also auch ums Theater an sich. Wer schaut zu und mit welchen Motiven? Spielt die Hautfarbe eine Rolle? Danach fragt die Inszenierung immer wieder.

Vieldeutigkeit

Lea Draeger spielt mit Schokoküssen. Sie zieht ihnen die braune Schokoladenhaut ab oder zerquetscht sie zwischen weißen Brötchenhälften. Das ist einerseits ein sinnlicher Vorgang, andererseits muss man natürlich an rassistisch motivierte Gewalt denken. Diese Vieldeutigkeit ist eine Qualität der Produktion und die Bilder haken sich fest. Am Ende sieht man wie eine dunkelhäutige Schauspielerin einer weißen ein Messer in den Bauch rammt. Ob das ein politischer Aufruf sein soll oder ein persönlicher Racheakt bleibt offen, aber die Gewalt verstört und provoziert ein Nachdenken. Die Idee der Inszenierung geht auf.

Oliver Kranz, rbbKultur

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