Schaubühne am Lehniner Platz: Das Leben des Vernon Subutex © Thomas Aurin
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Schaubühne am Lehniner Platz - "Das Leben des Vernon Subutex 1"

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Eigentlich sollte Thomas Ostermeiers Inszenierung "Vernon Subutex 1" nach dem ersten Teil der französischen Romantrilogie von Virginie Despentes im Mai 2020 Premiere feiern. Nach mehreren Verschiebungen konnte sie nun endlich an der Schaubühne gezeigt werden.

"Another man done gone" spielt die Live-Band – und schon die ersten Klänge dieses afroamerikanischen Volkslieds machen deutlich: Hier wird der Niedergang eines Menschen besungen. Auf der Drehbühne ein Konzertgerüst wie bei einem Festival, davor die Musiker, einen Dreh weiter eine Theke mit Barhocker, könnte ein Kreuzberger Club sein. Noch einen Dreh weiter liegt Vernon Subutex in Unterhosen auf einer Matratze und studiert Plattencover. Neben ihm Stefanie Eidt als Erzählerin:

"Er hat Appetit auf einen starken Kaffee und eine Filterzigarette, er würde sich gern eine Scheibe Brot toasten und beim Frühstück online die Schlagzeilen des Parisien überfliegen. Aber Kaffee hat er seit Wochen nicht mehr gekauft. Die Zigaretten, die er sich morgens aus den Kippen vom Vortag dreht, sind so dünn, dass er eigentlich nur noch Papier raucht. Er hat nichts zu essen im Haus."

Streifzug durch Paris

Vernon hatte 25 Jahre lang einen Plattenladen. Als er schließen musste, waren nicht nur die Mädchen weg, die ihn immer anhimmelten, mit Ende 40 findet sich auch nicht so leicht ein neuer Job. Irgendwann wird ihm die Stütze gestrichen. Und weil sein Proteger an einem Medikamentencocktail stirbt, fliegt er aus der Wohnung. Jetzt beginnt Vernons Streifzug durch Paris, alle alten Bekannten klappert er ab, nistet sich mal bei dieser, mal bei jenem ein.

Der Stoff besteht fast nur aus Monologen

Das Bemerkenswerte an Virginie Despentes Roman ist, wie sie mit jeder neuen Person, die Vernon trifft, eine neue Perspektive erschafft. Es erzählt jeweils die Figur, die im Mittelpunkt steht – so entsteht ein kleinteiliges Kaleidoskop der Metropole und der gigantischen Schere zwischen arm und reich: Die ehemalige Bassistin, die sich zur ordnungsliebenden Spießerin entwickelt hat, die frühere Porno-Darstellerin, der Trans-Mann, die junge Migrantin, der Filmproduzent oder Vernons Kumpel Xavier, der vom linken Punkrock-Fan zum rechten Arschloch mit Bonzenvilla mutiert ist.

Im Roman macht diese Struktur Sinn, nach und nach setzt man die Querverbindungen wie Puzzleteile zusammen. Warum allerdings so viele Theater auf diesen Stoff anspringen, ist kaum nachvollziehbar – er besteht schließlich fast nur aus Monologen. Das macht es auch für Thomas Ostermeier schwer, Dialoge und Spannung in den überlangen Abend zu bekommen. Viel zu sauber für diesen dreckigen Ritt durch Paris hakt er einen Monolog, eine Figur ordentlich nach dem nächsten ab – wer den Roman nicht kennt, wird lange brauchen, um zu verstehen, wie ineinander verschachtelt die Szenen sind und was die Figuren mit Vernons Entwicklung zu tun haben.

Meyerhoffs Subutex ist melancholisch, zärtlich und sanft

Nach der Pause wird es schließlich düsterer, wenn Vernon in die funkelnde Nachtwelt seines neuen Gönners einsteigt, letztlich aber immer schneller aufs Ende der Sackgasse zurast. Auf den Leinwänden über dem Konzertgerüst ziehen die blinkenden Lichter der Großstadt vorüber und Ruth Rosenfeld singt eine wunderschöne Pixies-Variation.

Als Rock-Konzert ist der Abend ohnehin ein Genuss. Wenn man mit Bands wie Sonic Youth oder Portishead allerdings nichts anfangen kann, wird man es schwer haben. Es sei denn, man hält sich an Joachim Meyerhoffs Subutex fest. Es wäre auch eine kritischere Sicht auf diesen egozentrisch durchs Leben stiefelnden Musikfreak möglich – aber so melancholisch, zärtlich und sanft, wie Meyerhoff ihn gibt, ist sein Abstieg, der sinnbildlich für unser aller Abstieg steht, wenn wir Pech haben, zu Herzen gehend. Am Ende kniet er auf einer Pappe, sein Parker verdreckt, die Haare fettig, und hält die Hand auf.

Systemkritik

Eindeutig: Thomas Ostermeier konzentriert sich auf die Systemkritik des Romans, auf die Klassenfrage, die die politisch rechten, skrupellosen Egoisten nach oben spült und die kleinen harmlosen Plattenhändler in die Gosse zwingt. Eine der drängendsten Fragen unserer Zeit – allein: Rockkonzert und aneinandergereihte Monologe sind nicht das rechte Mittel, sie eindringlich zu verhandeln.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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