Berliner Ensemble: Fabian oder Der Gang vor die Hunde; hier: Marc Hosemann, Margarita Breitkreiz; © Matthias Horn
Matthias Horn
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Berliner Ensemble - "Fabian oder Der Gang vor die Hunde"

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Gerade hatte Erich Kästners Roman "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" bei der Berlinale Premiere, da kommt der Stoff zwei Tage später auf einer Berliner Theaterbühne heraus. Fünf Stunden nahm Frank Castorf sich dafür Zeit, während das Publikum mit Masken im Zuschauersaal saß.

Der erste Blick auf die Bühne offenbart die gigantische Figur einer barbusigen Frau, die an Fritz Langs "Metropolis" erinnert: Goldene Glitzerstreifen trägt sie vor ihrer Scham und einen Strahlenkranz auf dem Kopf wie in einem Nachtclub der 1920er Jahre. Eine Mechanik lässt ihre Hüften schwingen, während darunter das Ensemble Bordell spielt.

Kästners Nachwort zur Einführung

Vieles auf der Drehbühne von Aleksandar Denic ist ein Verweis auf die Filmbranche und die Werbeindustrie. Ein Kinoeingang mit Filmplakat, eine Leinwand mit Zigarettenwerbung aus den 1930er Jahren – schließlich arbeitet Fabian als Werbetexter für die Tabakindustrie. Über allem das ufa-Zeichen der Filmstudios.

Sina Martens, schon reichlich derangiert mit verschmiertem Lippenstift, presst zur Einführung Erich Kästners Nachwort im röhrenden Castorf-Ton heraus:

"Nachwort für die Kunstrichter. Dieses Buch nun hat keine Handlung. Außer einer. Ein junger Mann erschießt sich. Ein anderer junger Mann ertrinkt. Und beide Todesfälle sind äußerlich so wenig gerechtfertigt, beide Herren kommen derartig aus Versehen ums Leben, dass man fragen könnte: Gab es denn keine zwingenderen Anlässe?"

Fünfstündige Szenencollage

Es folgt eine fünfstündige Szenencollage, in deren Zentrum Fabian, sein Freund Labude und deren Verhältnis zu den Damen stehen. Natürlich erzählt Castorf das nicht als Liebesgeschichte zwischen Fabian und Cornelia, wie Dominik Grafs neue Verfilmung das tut – sondern als lautes, hochtouriges Macht- und Sex-Gerangel, bei dem die Frauen mal wieder als fast nackte, glitzerne Sexsymbole schreiend über die Bühne wüten. Auch der makellose Körper einer Burlesque-Tänzerin darf diesmal bewundert werden.

Die Männer sind trotzdem klar die Unterlegenen – betrogen, verlassen oder zum Sex benutzt. Deshalb hackt Marc Hosemann als irrer, bis zum Wahnsinn frustrierter Fabian im Schlachthaus im Bühnen-Inneren gern mal ein Stück Fleisch zu Brei oder steckt den Arm von Margarita Breitkreiz alias Cornelia in den Fleischwolf, wenn sie sich zwischen die herumhängenden Schweinehälften verirrt. Am Ende landet die Schauspielerin Clara de Pin mit Bauchschuss in der Badewanne, wo sie von ihrem Kollegen Frank Büttner vergewaltigt wird.

Kaum eine Spur von der politischen Dimension der Vorlage

Von der politischen Dimension der Vorlage kaum eine Spur. Immerhin wurde das Buch von den Nazis zensiert; es ist die Geschichte des Moralisten Fabian, der durch das zügellose und zugleich sozial verelendende Berlin Anfang der 1930er Jahre flaniert, die Schlechtigkeit der Welt und der Menschen notiert – am Beginn des Falls in die Diktatur und den Terror des Nationalsozialismus.

Castorf lässt dagegen Chamissos Kunstmärchen über Peter Schlemihl erzählen, der seinen Schatten für einen ewig vollen Goldtopf an den Teufel verkauft. Zusätzlich Kästners "Inferno im Hotel" – dort bringt sich ein Metallarbeiter um, nachdem ihn die feinen Herren im Luxushotel die Klassengesellschaft gelehrt haben. Konsum- und Kapitalismuskritik, die sich auch aufs Geschlechterverhältnis bezieht. Breitkreiz bringt das als Cornelia auf den Punkt:

"Wir sollen zwar kommen und gehen, wann ihr es wollt. Aber wir sollen weinen, wenn ihr uns fortschickt. Und wir sollen selig sein, wenn ihr uns winkt. Ihr wollt den Warencharakter der Liebe, aber die Ware soll verliebt sein."

Überhebliches Insider-Theater

Die Männer, sagt der Abend, sind den emanzipierten Sexbomben einfach nicht gewachsen. Das klingt simpel, ist im selbstreferenziellen Castorf-Theater aber durchsetzt von Zitaten. Dass sich der Regie-Veteran mit einer überlangen Kartoffelsalatschlacht selbst zitiert, mag man noch entschlüsseln. Doch spätestens, wenn aus Liebesbriefen von 2018 zitiert wird, die an einen "Frank" gerichtet sind, geht es eindeutig zu weit mit dem überheblichen Insider-Theater. Hier kann nur noch mitreden, wer den Kantinen-Klatsch kennt.

Hoffnungslos anachronistisch

Das alles ist nicht nur nervtötend, es ist auch deprimierend. Dieses Theater der brüllenden Testosteron-Männer, der dominanten, jungen nackten Frauen als wahr gewordene feuchte Männerträume, der Zersplitterung, Ironiesierung und Diskursivität - dieses Theater für die eingeweihten Castorf-Jünger, das sich ausschließlich selbst feiert, wirkt hoffnungslos anachronistisch.

Die lange Pandemie-Pause hat die Sinne geschärft für Kunst, die sich überlebt hat. Und ein Castorf-Abend dieser Art und Länge gehört eindeutig dazu.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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